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Die unheimliche Buchpräsentation

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Nur ein Klavier steht drin: Einer der leeren in der Räume.
Nur ein Klavier steht drin: Einer der leeren in der Räume. © Kruse

Von außen ist es ein Altbau unter vielen. Das Fahndungsplakat eines mutmaßlichen islamischen Terroristen klebt an der Eingangstür dieses Jugendstil-Eckbaus mit der Hausnummer 16 am Prinzregentenplatz.

Im 2. Stock sind die Sonder- und Verfügungsdienste der Polizeiinspektion 22 untergebracht. Doch kaum einer weiß, dass hier einst ein Massenmörder wohnte. Adolf Hitler residierte von 1929 bis 1945 auf fast 400 Quadratmetern mit neun Zimmern und Balkon für 4176 Reichsmark Jahresmiete.

München, seine Straßen und ihre Namen

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In diesen Räumen hat der österreichische Schriftsteller Uwe Bolius (68) seinen neuen Roman Hitler von innen vorgestellt. „Das Buch vereint Fiktives mit Wahrem“, sagt Bolius, der in seinem Roman das Privat- und Liebesleben, Hirn und Psyche des Menschheitsverbrechers beleuchtet. „Schwul, schizophren und verliebt“, schildert Bolius (der über Kant promovierte) Hitler in seinem Werk.

Der Autor sitzt in dem lichtdurchfluteten Raum an der Südostseite des Hauses, in dem sich Hitlers damals 23-jährige Halbnichte Geli Raubal mit einer Pistole erschossen hat. Vielleicht war es auch nebenan. „Das weiß niemand so recht“, sagt Bolius. Vor ihm: zwei alte Telefone mit Drehscheibe. Alt sind auch die Schreibmaschinen, die in einem Regal stehen.

Vieles ist noch original in dem Haus: Balkon, Türen, Kamin, die schweren Bücherregale in der Bibliothek und das Eichenparkett, das bei jedem Schritt knarzt. Die Wohnung ist leer, die Amerikaner haben das Inventar unter sich aufgeteilt.

Heute versuchen die Beamten der Inspektion 22, die Räume zu füllen. Mit Schreibtischen, Rechnern und Pokalen, die – neben Kaffeetassen – bronzefarben, silbern und golden von Regalen blinken. In Hitlers Bibliothek bekommen junge Beamte heute Schulungen an Computern. Im großen Saal stehen ein schwarzes Adolf-Preikschat-Klavier und eine Pflanze. An den Decken hängen Neonlampen, die an das Licht im Seziersaal einer Leichenhalle erinnern. „Die Wohnung zu sehen, zu spüren, hat mir geholfen, den Roman zu schreiben“, erzählt Bolius, die Stirn gefaltet. Dann zieht er eine Fratze. „Die Figur ist derart entsetzlich, dass ich Angstzustände hatte.“ Sagt’s und rezitiert einen ekstatischen Hitler, wie er ihn im Roman schildert: „Ich werd’ das Volk befreien.“ Hitler stand oft auf dem Balkon, von dem man auf die Prinzregentenstraße blickt. Von dort grüßte er einst die Stadt mit dem erhobenen rechten Arm, den er fleißig mit einem Expander trainierte – heute wird ein Zimmer der Wohnung von der Polizei als Fitnessraum genutzt. Hier herrscht derselbe modrige Geruch, der auch in einem der Umkleideräume in der Luft hängt. Das war Hitlers Schlafzimmer. Heute stehen dort Spinde, Pantoffeln liegen auf dem Boden. Dort legen die Polizisten ihre Uniformen an.

„Hitler von innen“, Limbus Verlag, 19,20 Euro

Quelle: tz

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