Rückkehr nach der Feuer-Fähre

Diese Münchner haben die Hölle überlebt

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Ute Kilger und Edwin Hank bei der Ankunft am Hauptbahnhof.

München - Ute Kilger (54) und Edwin Hank (62) haben das Feuer-Inferno auf der Adria-Fähre Norman Atlantic überlebt. Donnerstagnachmittag sind sie endlich daheim in München angekommen - in einem neuen Leben.

In italienischen Militärhosen kommen sie am Hauptbahnhof an, die Habseligkeiten in Mülltüten des Hafens von Brindisi: „Ich bin ein anderer Mensch geworden“, sagt Ute Kilger. Als ob an Neujahr ein neues Leben angefangen hat. Einmal Hölle und zurück!

Beide sind sie völlig erschöpft – körperlich und im Kopf. „Die Angst kriecht immer noch hoch“, sagt die Rechtsanwaltsfachangestellte aus dem Münchner Norden. Plötzlich hört sie Geräusche. Ihr Reisegefährte Edwin Hank sagt: „Schlafen kann ich seitdem nicht.“

Die brennende Fähre.

Mitte Dezember waren sie nach Griechenland aufgebrochen, um bei der Olivenernte zu arbeite. Hart haben sie geschuftet und Hanks VW-Bus voll mit Öl und mit Orangen sowie Zitronen beladen und am Samstag zur Heimreise in Patras auf die Fähre gefahren. Sonntagnacht weckt das Feuer sie mit Explosionen auf. „Es gab Rauch, Rauch, Rauch“, sagt Ute Kilger. „Es war wie die Hölle.“

Passagiere werden per Hubschrauber gerettet.

Sie retten sich auf Deck an die Luft: Ute Kilger kauert dort 24 Stunden zwischen Leben und Tod – klatschnass, aber ohne Wasser zum Trinken, ohne Essen, im eisigen Wind. „Der Schiffskörper tobte vom Feuer.“ Sie kämpft gegen die Furchtattacken an und blickt in den Abgrund der Menschlichkeit: Eltern und Kinder, die um ihr Leben schreien. Dicke Männer, die sich brutal bei der Rettung vordrängeln. Menschen, die aus Verzweiflung von Bord in den sicheren Tod springen.

Dann nimmt ein Rettungshubschrauber der italienischen Marine sie mit nach Brindisi, während ihr guter Freund zurückbleibt. Der darf nach 30 Stunden aufs Kriegsschiff San ­Giorgio. „Die italienische Marine hat uns das Leben gerettet“, sind sie sich einig. Aber der Fähr-Crew machen sie schwere Vorwürfe.

Schon beim Einstieg beschleicht sie ein mulmiges Gefühl – das Schiff war kurzfristig ausgetauscht worden. Der Maler Edwin Hank erkennt sofort: „Da wurde überall nur dilettantisch drüber lackiert.“ In der größten Not habe es keinen Alarm, keine Informationen, keine Hilfe von der Crew gegeben, sagen sie. Ute Kilger findet: „Eigentlich ein Himmelfahrtskommando!“

Erst jetzt überschauen die beiden das ganze Unglück – mindestens 13 Tote, darunter auch zwei Retter, fast 100 vermisst. „Da kommen einem die Tränen“, sagt Ute Kilger. Seit ihrer Rettung sind einige geflossen.

War eine Brummi-Bremse die Brandursache?

Mindestens 13 Tote – und jetzt fast 100 Vermisste! „Es gibt 98 Personen, von denen es noch keine Nachrichten gibt“, sagte der ermittelnde Staatsanwalt von Bari, Giuseppe Volpe. Unklar sei der Verbleib eines Frachters, der bei der Rettung dabei war und womöglich nach Griechenland weiterfuhr. Bei zwei Deutschen bemüht sich die Botschaft „intensiv um Aufklärung“, erklärte das Auswärtige Amt. Weil Passagierlisten nicht stimmten und blinde Passagiere an Bord waren, werden weit mehr Opfer befürchtet. Mindestens 13 Menschen starben, 427 Menschen wurden gerettet.

Offen ist auch die Brandursache: Dass blinde Passagiere ein Feuer zum Wärmen machten, wurde nicht bestätigt. Neueste Theorie laut der Überlebenden Kilger und Hank: eine heißgelaufene Brummi-Bremse, die sich entzündete.

David Costanzo

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