"So etwas lässt niemanden kalt"

Diese Psychologin verhandelte mit dem Syrer

+
Beatrix Kommissari (48) ist seit 20 Jahren Polizeipsychologin.

München - Seit 20 Jahren arbeitet Beatrix Kommissari (48) beim Zentralen Psychologischen Dienst der Polizei, sie hat schon viele Einsätze mit Selbstmorddrohungen erlebt – aber noch nie so einen Fall wie den des Syrers.

Stundenlang hat sie mit dem Mann verhandelt, über Funk und Dolmetscher. „Wir sind alle froh, dass er im Großen und Ganzen unverletzt ist“, sagt die Psychologin der tz. „Das ist eine Rettung.“

Ein schwieriger Einsatz: Abdulatit A. (31) balanciert in 25 Metern Höhe . Die Kommissarin ist ab 8 Uhr vor Ort, kann ihn nicht sehen, sondern nur mit dem Dolmetscher auf der Hebebühne reden. A. spricht einen syrisch-arabischen Dialekt und kaum Englisch. Sie weiß bis jetzt nicht, ob der Syrer überhaupt von ihr wusste. Dabei sei das die erste Aufgabe eines Psychologen: reden, in Kontakt treten, einen Draht finden. So lange ein Mensch in so einer Lage noch mit anderen redet, springt er nicht.

Aber das war nicht die einzige Gefahr: Der Mann hätte auch einfach abrutschen können! Die Hitze, kein Wasser, der Kran schwenkte plötzlich weg. „Das sind dramatische Situationen, die einen nicht kalt lassen“, sagt Kommissari. Sie kann zu den Details des Falles nichts sagen, die Hintergründe seien noch unklar, die Ermittlungen laufen noch.

Den Problemberg in kleine Haufen zerlegen

Generell prüfe ein Psychologe im Einsatz aber zunächst, wie ernst die Drohung ist. Am Montag war Kommissari sieben Stunden vor Ort. Hätte sie die Absicht nicht ernst genommen, wäre das wohl nicht nötig gewesen. „Wenn ein Mensch mit Suizid droht, heißt das nicht, dass er sich auch ganz sicher ist“, sagt die Psychologin. Sonst wäre er schon gesprungen. „Es gibt Teile in ihm, die Leben möchten, und Teile, die sterben möchten.“ Der Psychologe müsse dann die helle Seite beleuchten. Das kann zum Beispiel die Familie sein. „Deine Kinder brauchen dich, die sollen doch gut in die Zukunft gehen“, könnten solche Appelle lauten. „Die Kunst ist es, genau diesen Punkt zu erkennen.“ Und das im akuten Notfall, ohne den Menschen zu kennen, mit wenig Zeit. Dann wird der große Problemberg in kleine Haufen zerlegt und kleine Lösungen aufgezeigt.

Kommissari hat aber schon erlebt, dass sich ein Mensch, mit dem sie nicht selbst verhandelte, auch umbrachte: „Das ist immer ein Drama, furchtbar.“ Als Psychologe dürfe man keine Allmachtsfantasien hegen, jeden retten zu können. Ein Profi müsse nach bestem Wissen und Gewissen alles tun, was in seiner Macht steht. Dann verliere man sich nicht selbst in Notfällen. Dabei helfen Ausbildung, Erfahrung und Gespräche mit den Kollegen.

Es gibt immer Hilfe!

Für die Betroffenen gelte stets: Es gibt immer Hilfe! Es ist immer jemand da. Auch wenn die Betroffenen das selbst nicht erkennen könnten – das sei ja gerade ein Teil ihrer Krise. In München zum Beispiel hilft die „Arche“ (Tel. 089/33 40 41). Nach der Hilfe oder Therapie sagten die Betroffenen, erklärt Kommissari: „Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe.“

Am Montag rückte die Psychologin gegen 15 Uhr mit den Einsatzkräften wieder ab. Da seien alle Argumente ausgetauscht gewesen, sagt Kommissari. „Wenn nicht, wären wir vor Ort geblieben."

Der Trockenbauer und die Stimme vom Kran

Nichtsahnend fuhr Mersad Salovic (52) am Montag um 6.40 Uhr zu seiner Baustelle in Sendling, wo derzeit ein Wohnhaus aufgestockt wird und Salovic mit seiner Trockenbaufirma für den Innenausbau zuständig ist. „Als ich ausstieg, hörte ich auf einmal eine Stimme, die irgend etwas wie ,Syria’ und ,Asyl’ sagte, aber ich sah niemand.“ Erst allmählich begriff der gebürtige Montenegriner, dass die Stimme vom Kran kam und dass jemand auf dem Ausleger saß. Salovic: „Ich habe sofort die Polizei angerufen, die schnell mit einem Streifenwagen da war.“

Auch Installateur Martin Haböck (24) aus Künzing (Niederbayern) war am Montag auf dem Weg zur Baustelle, um dort Bäder einzubauen. „Unser Lieferant hatte uns schon angerufen, dass die Straße gesperrt ist“, so Haböck. „Wir dachten an einen Unfall und sind erst mal zu einer anderen Baustelle in die Rosenheimer Straße gefahren.“ Um 13 Uhr kamen die Niederbayern dann doch zur Baustelle in die Boschetsrieder Straße. „Die Polizei hat uns dann zwar weiter arbeiten lassen. Es hieß nur, dass wir die Fenster zulassen und keinen Kontakt mit dem Mann aufnehmen sollen. Das haben wir dann auch so gemacht.“

Für die Baustelle gab’s eine Verzögerung. Salovic: „Eigentlich sollte der Kran am Montag abgebaut werden ..."

David Costanzo, J. Welte

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion