Dieser Brief schockt die Mieter

+
Auch die Bewohner der GBW-Wohnungen in der Dickensstraße am Westkreuz fanden jetzt die 20-prozentige Mieterhöhung in ihren Briefkästen

München - Es ist ein Brief, der die 10.000 Münchner Mieter der Wohnungsbaugesellschaft GBW zutiefst verunsichert: 20 Prozent mehr Miete sollen die Bewohner dreier GBW-Anlagen bezahlen.

Der Mieterverein ist sich sicher, dass die Mehrheit der GBW-Mieter betroffen ist. Mit den Mieterhöhungen, so der Verdacht, soll der Wert der GBW-Anteile nach oben geschraubt werden. Denn die Bayern LB muss wegen ihrer Milliarden-Flops die 92-prozentige GBW-Beteiligung verkaufen.

Den rund 150 Bewohnern der vier GBW-Häuser Dickensstraße am Westkreuz flatterte jetzt eine 20-prozentige Mieterhöhung zum 1. Januar 2012 ins Haus. Für eine 68-Quadratmeter-Wohung werden dann statt 432,71 Euro 519,25 Euro fällig. Für Lage und Zustand der Wohnungen viel Geld.

20 Prozent Mieterhöhung - Ist das erlaubt?

Der Fall der Dickensstraße steht nicht alleine: Beatrix Zurek, Vorsitzende des Mietervereins München und SPD-Stadträtin, berichtet von weiteren 100 GBW-Anlagen, die ebenfalls die 20 Prozent Mieterhöhung bekamen, etwa in der Schleißheimer Straße und in der Nietzschestraße. Ihre Interpretation: „Da soll die Braut hübsch gemacht werden.“ Sie glaubt nämlich, dass der Wert der GBW-Wohnungen durch die Mieterhöhungen gesteigert werden soll. Denn die Bayern LB muss ihr GBW-Aktien-Paket verkaufen – als Auflage der EU, weil der Freitstaat Bayern der ins Trudeln geratenen Bank finanziell unter die Arme greifen musste.

GBW-Sprecherin Katja Neese bestätigt die Mieterhöhungen, auch wenn sie sich nicht über den Umfang äußert: „Mietanpassungen werden bei der GBW-Gruppe wie bisher nur innerhalb des gesetzlich zulässigen Rahmens vorgenommen.“ Die Kappungsgrenze von 20 Prozent innerhalb von drei Jahren werde eingehalten. Womit Neese zugibt, dass die GBW mit ihrer Mieterhöhungen ans erlaubte Maximum geht. Doch sie beschwichtigt: „In vielen Fällen liegen die Mieten nach der Mietanpassung immer noch deutlich unter denen bei einer Neuvermietung.“ Mit dem bevorstehenden Verkauf der GBW- Anteile hätten die Mieterhöhungen indes nichts zu tun.

Ansonsten will niemand etwas mit dem Mieterhöhungen zu tun haben: Die Staatskanzlei verweist auf das Finanzministerium, das wiederum sagt, die Bayern LB sei zuständig. Die betont wiederum, dass die GBW selbst „hierfür operativ die Verantwortung trägt“.

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

Mieterhöhung bei der GBW: Das sagen die Betroffenen

Auch in der Dickensstraße am Westkreuz bekamen die Bewohner der GBW-Wohnungen die saftige Mieterhöhung. Die Häuser zwischen Hauptstraße, Bordell und Gewerbegebiet stammen aus den 50er-Jahren, haben keinen Lift, nur die Fenster wurden vor fünf Jahren ausgewechselt. Dafür kamen die Jalousien raus. Die Dachböden sind nicht isoliert, Fußböden und Bäder haben die Bewohner meist auf eigene Kosten renoviert. Die tz sprach mit den Betroffenen:

Unser ganzes Leben spielte sich hier ab

Wir sind hier 1955 eingezogen, da war alles um uns herum noch Acker. Wir haben unser ganzes Leben hier in der Wohnung verbracht, unsere Tochter und unseren Sohn großgezogen. Wir haben uns ziemlich aufgeregt, als dieser Brief mit der Mieterhöhung kam. Ich bin sehr krank, meine Frau muss mich pflegen. Für die Mieterhöhung geht unser ganzes Erspartes drauf. Was wir dann bezahlen müssen, ist für den Zustand des Hauses schon sehr viel. Aber in eine billigere Wohnung ziehen? Dafür sind wir jetzt echt zu alt.

Heinz Brohy (95) und Ehefrau Elfriede (88)

Die Kleinen müssen zahlen

Die GBW war einmal eine gemeinnützige Wohnungsgesellschaft. Jetzt wollen sie auch noch an unser allerletztes Erspartes ran. Ich wohne hier seit 15 Jahren und fühle mich wohl, auch wenn der Baustandard hier schon sehr niedrig ist. Aber ich konnte mit die Wohnung bislang leisten und habe sie mir halt gemütlich gemacht. Die Mieterhöhung ist der Hammer, aber wo soll ich denn hin? Der Wohnungsmarkt ist doch leergefegt, ich kann mir keine Eigentumswohnung kaufen. Der Seehofer und der Ude sollen uns helfen und keine Politik-Scharmützel um die GBW fechten.

Silvia Demicoli (54), Frührentnerin

Meine Töchter müssen sparen

Ich lebe seit meinem dritten Lebensjahr hier in der Siedlung, seit 23 Jahren in meiner jetzigen Wohnung. Die war mal richtig billig, doch ich habe schon mehrere Mieterhöhungen hinter mir. Ich habe drei Töchter, die ich versorgen muss. Obwohl meine Frau arbeitet und ich 60 Stunden die Woche Taxi fahre, reicht uns das Geld gerade so, dass wir über die Runden kommen. Mit der Mieterhöhung heißt es jetzt, auch die allerletzten Cents umzudrehen. Das heißt für meine Töchter, dass sie noch mehr sparen müssen. Markenklamotten oder ein iPhone gibt es da nicht.

Richard Niklas (48), Taxifahrer

Der kleine Luxus fällt jetzt halt weg

Wir können uns die Miete nur deshalb gerade leisten, weil wir zu zweit sind. Der kleine Luxus, den wir uns bislang noch leisten können, ist dann nicht mehr drin. Statt zwei Mal für drei Tage nach Bad Füssing zu fahren, wird es wohl nur noch einmal sein. Ausziehen ist auch keine Lösung. Man kriegt doch nichts in dieser Preisklasse mehr. Außerdem haben wir viel Geld in ein neues Bad, eine neue Heizung und neue Holzdecken gesteckt. Das Geld wäre bei einem Umzug unwiederbringlich verloren.

Hedwig Eckleder (72) und Leonhard Schmid (71), beide Rentner

Ohne die Nachbarn bin ich völlig hilflos

Ich kann mir die Mieterhöhung mit meinen 1100 Euro Rente nicht leisten. Ich bin, seit ich vor 23 Jahren von einem Auto angefahren wurde, Frührentnerin und gehbehindert. Wenn ich in eine andere Wohnung ziehen müsste, wäre ich völlig hilflos. Hier helfen mir meine Nachbarn, dass ich zurecht komme. Die Apotheke bringt mir die Sachen ins Haus. Bis ich mich woanders zurechtfinden würde, würde es ewig dauern. Ganz abgesehen, dass ein Umzug auch viel Geld kostet und ich kaum eine halbwegs gleichwertige Wohnung finden würde, die ich mir leisten könnte.

Karin Dietrich (68), Ex-Krankenschwester

Johannes Welte

Auch interessant

Meistgelesen

Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
An die ignoranten Münchner, die ihre Hunde frei laufen lassen
An die ignoranten Münchner, die ihre Hunde frei laufen lassen

Kommentare