Dieser Frauenschläger hat ein Herz aus Hass

München - Doch die Beziehung zwischen ­Anja und Dogan U. war schnell von Gewalt geprägt. Erst schlug er ihr ins Gesicht. Dann wurde er immer brutaler. Am Ende sprang sie aus Angst vom Balkon.

Am Anfang war es Liebe gewesen. Doch die Beziehung zwischen ­Anja (Name geändert) und Dogan U. (beide 22) war schnell von Gewalt geprägt. Erst schlug er ihr ins Gesicht. Dann wurde er immer brutaler, verdrosch sie sogar mit einer Fahrradkette. Dennoch hielt die Beziehung weitere sechs Monate, bis Anja aus Verzweiflung und Todesangst vom Balkon ihrer Wohnung in Berg am Laim sprang. Ihm wurde am Mittwoch der Prozess gemacht. Aber warum lässt ein Opfer so lange solche Grausamkeiten über sich ergehen?

„Mit dem ersten Schlag ist die Schranke gefallen“, sagt Rechtsanwältin Berna Behmoaram, die das Opfer vor Gericht vertrat. Der erste Schlag ins Gesicht – für Anja hätte er ein Alarmsignal sein müssen. Doch man versöhnte sich wieder, lag sich weinend in den Armen. Bis zum nächsten Vorfall. Behmoaram: „Es bestand eine gewisse Abhängigkeit, leider.“

Schließlich durfte Anja nur noch lachen, wenn es Dogan passte. Am 5. Mai 2009 lachte sie ohne sein Einverständnis. Er drosch mit einer Fahrradkette auf sie ein, traf sie mit voller Wucht an Rippen und Beinen. Die Narben sieht man heute noch. Anja ließ sich ärztlich behandeln, zeigte den Täter aber nicht an. Drei Wochen später schlug er sie erneut aus einem nichtigen Grund zusammen: Schädel-Hirn-Trauma!

Anja machte nun endlich den richtigen Schritt, floh ins Frauenhaus. Doch kaum wieder draußen, stellte er ihr wieder nach. Anwältin Behmoaram: „Er ist ihr sogar ins Krankenhaus nachgelaufen. Die beiden hingen wie an einer Gummischnur aneiander.“ Aus Angst kehrte Anja immer wieder zurück. Sie zeigte ihn auch nicht an, als er ihr am 26. August mehrere Rippen und das Brustbein brach. Am 11. November 2009 versperrte er die Tür, verprügelte sie wieder. In Todesangst sprang sie vom Balkon, brach sich beide Fersen. Er schleppte sein um Hilfe schreiendes Opfer wieder ins Haus. Stunden später wurde den Nachbarn an der Freisinger Straße das Geschrei zu viel, sie klingelten.

Im Krankenhaus sagte Anja trotzdem nicht, was vorgefallen war. Als Dogan in die Klinik kam und sie massiv bedrohte, erstattete eine Ärztin schließlich Anzeige. Der Täter wurde verhaftet. Anwältin Berna Behmoaram zur tz: „Wenn Frauen nicht den Mut aufbringen zu sagen, was Sache ist, kann ihnen nicht geholfen werden. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Opfer leben ohnmächtig in der Vorstellung: Eines Tages bringt er mich um!“

Dogan U. gab nach langem Zureden des Gerichts und seiner Anwälte Santosh Gupta und Ingeborg Safakci alles zu. Seinem Opfer zahlt er (nach längerem Feilschen) 5000 Euro Schmerzensgeld. Er kam dafür mit milden drei Jahren und elf Monaten Haft davon.

E. Unfried

Jede vierte Frau wird Opfer von Gewalt

Jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren wird im Lauf ihres Lebens mindestens einmal Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt in einer Beziehung. Das geht aus einer Studie der Uni Bielefeld im Auftrag der Bundesregierung hervor. Allein beim Polizeipräsidium München wurden im vergangenen Jahr 3505 Fälle häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht. Im Jahr davor waren es noch 2920 Fälle.

„Häusliche Gewalt ist kein Randgruppenproblem, sondern geht flächendeckend durch die gesamte Bevölkerung“, erklärt eine Mitarbeiterin der Frauenhaus München GmbH zur tz. „Es trifft alle Altersstufen und alle Einkommensklassen.“ Eine Trennung vom gewalttätigen Partner sei meist die einzige Lösung, aber: „Häufig sind mehrere Anläufe nötig, um eine endgültige Trennung hinzukriegen.“

Hier können Frauen in Not anrufen:

Frauennotruf München: 089 / 76 37 37

Frauenhilfe München, Frauenhaus: 089 / 35 48 3-0

Frauenhaus München, Frauen helfen Frauen e.V.: 64 51 69

Haus Hagar: 089 / 74 44 12 22

Rubriklistenbild: © Unfried

auch interessant

Meistgelesen

Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen

Kommentare