Dieser Kinder-Chirurg operiert Lola am offenen Herzen

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Matt und erschöpft wirkt Lola am Donnerstag im Elefantenhaus. „Sie bewegt sich wie eine alte Oma“, beschreibt Knieriem den Zustand des Tierpark-Lieblings.

München - Hellabrunns Babyfant Lola kommt in den nächsten Tagen unters Messer. Das Elefantenmädchen ist schwer herzkrank. Den Eingriff führt ein Kinder-Chirurg durch.

Die Ohren der kleinen Lola hängen schlaff herab, ihr kleiner Rüssel schleift durchs Stroh. Doch obwohl das Hellabrunner Elefantenmädchen schwer krank ist, kämpft Lola, als wolle sie rufen: „Rettet mich, ich will bei euch bleiben!“

In den kommenden Tagen wird das drei Monate alte Rüsselbaby im Tierpark am Herzen operiert - die einzige Chance. Denn Lolas Herzchen hat einen angeborenen Defekt und pumpt permanent gegen sich selbst. „Lola zeigt immer noch Lebenswillen. Deshalb wollen wir sie weder einschläfern noch dabei zusehen, wie sie stirbt“, sagte Zoodirektor Dr. Andreas Knieriem am Donnerstag.

Süß! Elefanten-Baby sucht erste Ostereier

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Spezialisten der Human- und Tiermedizin der LMU verschoben spontan Termine, um die schwierige OP in den nächsten Tagen durchzuführen. Knieriem: „Über die Kosten reden wir jetzt gar nicht, wir wollen es einfach nur schaffen.“ Den Eingriff wird Prof. Dr. Christoph Schmitz (49) vornehmen. Das Interview:

Diese OP ist medizinisches Neuland Herr Professor Schmitz, normalerweise operieren Sie Kinder am Klinikum Großhadern. Jetzt stehen Sie vor der weltweit ersten Elefanten-OP am offenen Herzen - ein komisches Gefühl?

Schmitz: Es fühlt sich an, wie wenn man das erste Mal auf einen Berg steigt, auf dem man noch nie war - eine große Herausforderung. Das Schwierige ist, dass wir keinerlei Erfahrung mit Elefanten haben. Ich habe bereits Tier-OPs durchgeführt, aber da waren nie Elefanten dabei. Alle Säugetiere sind sich von der Anatomie her grundsätzlich ziemlich ähnlich, wie zum Beispiel Hund oder Katze. Aber die kleinen Feinheiten machen den Unterschied.

Wie bereiten Sie sich vor?

Prof. Dr. Christoph Schmitz (49)

Schmitz: Ich lasse für zwei Tage meine Arbeit im KlinikumGroßhadern ruhen und lese mich intensiv ein. Dazu habe ich Tierbücher, die mir Experten vom Zoo gegegeben haben. Außerdem habe ich eine computertomographische Untersuchung vom Körper eines Elefanten, die gucke ich mir gründlich an. Wir sprechen hier von einem 116 Kilogramm schweren Tier. Das ist eine Dimension, die ein Mensch durchaus auch erreichen kann. Wenn der Elefant 1000 Kilo wiegen würde, könnte man nicht an einen Eingriff denken.
Weil dafür keine Gerätschaften zur Verfügung stehen?
Schmitz: Ja, denn die Herz-Lungen-Maschine aus dem Klinikum Großhadern, an die Lola angeschlossen wird, ist für Menschen konzipiert. Die Maschine muss während der OP eine riesen Menge Blut pumpen können.
Wie läuft der Eingriff ab?

Schmitz: Zuerst müssen wir den Brustkorb öffnen und dazu drei Rippen entfernen. Dann muss das Blutgerinnsel entfernt werden, was das kleinste Problem sein dürfte. Anschließend müssen wir die Fehlanlage einer Lungenvene, die zum Herzen zurückführt, korrigieren. Dafür basteln wir mit einer Art Tunnel eine Umleitung für das Blut. Wenn der Brustkorb einmal offen ist, wirkt alles sehr ähnlich wie beim Menschen.

Wie ist Ihre Prognose?

Schmitz: Die Voruntersuchung ist nicht so detailliert wie beim Menschen, daher bleiben viele Fragezeichen. Selbst wenn die OP an sich gut verläuft, muss der geschwächte Körper die Narkose überstehen. Es sind ganz viele Dinge, die gut funktionieren müssen.

Zehn Mediziner, fünf Stunden

Die Vorbereitungen für die lebensrettende Elefanten-OP im Tierpark Hellabrunn laufen auf Hochtouren. Die Zeit drängt, denn jede Sekunde könnte die schwer kranke Lola sterben! In den nächsten Tagen bereiten die Experten in der Tierarztpraxis den OP-Saal für die kleine Patientin vor. Das Klinikum Großhadern liefert eine Herz-Lungen-Maschine an, außerdem braucht das Team jede Menge Operationsbesteck, Medikamente und zusätzliche OP-Lampen. Auch eine Spezialmatratze wird für Lola benötigt. „Wir machen aus unserem bescheidenen Zoo ein Elefanten-Herz-Zentrum“, so Zoodirektor Dr. Andreas Knieriem.

Ein zehnköpfiges Team, bestehend aus Anästhesisten, Tierärzten und Kardiologen, wird Lola rund fünf Stunden lang an ihrem Herzen operieren, das ungefähr so groß ist wie eine Grapefruit. Die Zitterpartie ist nach der OP noch nicht vorbei - entscheidend ist, wie sich Lolas zierlicher Körper von den Strapazen erholt. Wichtig ist auch, dass sie sofort wieder zurück ins Elefantenhaus zu Mama Panang (22) kann und viel Milch trinkt. „Wir können sie nicht wie ein Kind intensiv behandeln oder mit Sauerstoff beatmen“, sagt Tierärztin Dr. Christine Gohl. Während Lola auf dem OP-Tisch liegt, wird Mama Panang mit Medikamenten ruhiggestellt, damit sie sich ohne ihre Tochter nicht zu sehr aufregt. Wenn alles ohne Komplikationen verläuft, stehen die Chancen gut, dass Lola ein normales Dickhäuter-Leben führen kann. Dann darf sie auch endlich wieder mit ihrem frechen Kumpel Ludwig im Schlamm baden.

C. Lewinsky

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