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Nach schockierendem Missbrauchsgutachten: Sollen Kardinal-Straßen in München umbenannt werden?

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Von: Nina Bautz

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Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geht vielen zu langsam. Die Reaktionen auf das Gutachten am Donnerstag, kommen umso schneller. Ganz aktuell: die Forderung nach einer Umbenennung von Münchner Straßen.

Seit Donnerstag hat die Kirche es schwarz auf weiß: Jahrzehntelang wurden im Erzbistum München und Freising Hinweise auf sexuellen Missbrauch aus den eigenen Reihen vertuscht. Nun fordert Grünen-Stadträtin Gudrun Lux, die auch Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken ist, darüber nachzudenken, Straßen und Häuser, die nach Kardinälen aus dieser Zeit benannt sind, umzubenennen.

Grünen-Stadträtin Gudrun Lux
Grünen-Stadträtin Gudrun Lux © privat

Das Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl belastet nicht nur Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI.. Insgesamt listet es 497 Missbrauchsopfer aus den Jahren zwischen 1945 und 2019 auf – also auch unter den Kardinälen Michael Faulhaber, Joseph Wendel und Julius Döpfner. Nach allen dreien sind Straßen in der Stadt benannt. Daher twitterte Gudrun Lux kurz nach Bekanntwerden des Gutachtens: „Vertuschern keine Ehre: Häuser und Straßen, die nach den Kardinälen Faulhaber, Wendel und Döpfner benannt sind, sollten rasch umbenannt werden. Es wäre ein erstes großes Zeichen.“

München: Die Liste der Vorwürfe ist lang

In einem Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Lux: Zentral sei die juristische Aufarbeitung der Fälle und eine massive strukturelle Veränderung der Kirche, da die Strukturen die sexuelle Gewalt und deren Vertuschung begünstigten. „Wichtig ist aber auch, dass sich die Erinnerungs- und Verehrungskultur der Kirche ändert – das ist nicht nur Symbolpolitik.“

In der Amtszeit von Kardinal Faulhaber (1917 bis 1952) soll es allein ab 1945 in vier Fällen zu fehlerhaftem Handeln gekommen sein.
In der Amtszeit von Kardinal Faulhaber (1917 bis 1952) soll es allein ab 1945 in vier Fällen zu fehlerhaftem Handeln gekommen sein. © privat

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Laut dem Portal katholisch.de ist es in Faulhabers Amtszeit (1917 bis 1952) allein ab 1945 in vier Fällen zu fehlerhaftem Handeln gekommen, insgesamt seien zu 15 Klerikern relevante Sachverhalte gefunden worden. Unter Wendel von 1952 bis 1960 waren demnach Fälle von 19 Geistlichen Thema, in acht davon sei ein fehlerhaftes Verhalten festgestellt worden. Döpfner war von 1961 bis 1976 Erzbischof. In diese Zeit fielen Fälle von 34 Klerikern, in 14 Fällen würden dem Kardinal Fehler vorgeworfen.

München: Sollen Kardinal-Straßen nach Missbrauchsgutachten umbenannt werden?

Man müsse kritisch hinterfragen, ob jemand, der Missbrauchstäter eingesetzt hat, noch Ehre verdiene, findet Lux. Ihre Forderung richtet sich einerseits an die Kirche – hier führt sie etwa das Kardinal-Döpfner-Haus in Freising und die Katholische Akademie, das Kardinal-Wendel-Haus an der Münchner Mandlstraße, an. Aber auch die Stadt solle das Thema sexuelle Gewalt in ihre Prüfung der Straßennamen aufnehmen.

Das Kardinal-Döpfner-Haus in Freising
Das Kardinal-Döpfner-Haus in Freising © privat

Und was sagt die Kirche zu den jüngsten Forderungen? Zu diesem Thema könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern, hieß es gestern beim Erzbistum München Freising. „Wir sind gerade noch dabei, uns mit den Inhalten des umfangreichen Gutachtens auseinanderzusetzen“, sagte Pressesprecher Christoph Kappes. Am Donnerstag werde es hierzu eine Pressekonferenz geben.

Die Kardinal-Faulhaber-Straße in der Altstadt
Die Kardinal-Faulhaber-Straße in der Altstadt © Götzfried

Diskussionen um Straßenbenennungen gibt es in München immer wieder – meist geht es um die Frage, ob der Namensgeber nationalitische oder rassistische Tendenzen hatte. So etwa auch schon seit Längerem im Falle der Kardanal-Faulhaber-Straße. Diese steht bereits auf der im September veröffentlichten Liste von 45 Straßen mit Umbenennungsbedarf. Große Diskussionen gab es auch um die Ludwig-Thoma-Straße – der Autor hatte in seinen letzten Lebensjahren antisemitische Hetzschriften verfasst. Dass die Straße umbenannt wird, hat jedoch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) im Juli mit seinem Veto verhindert.

Um der zunehmenden Debatte um Straßennamen Rechnung zu tragen, hatte der Stadtrat 2015 beschlossen, ein Gremium einzusetzen, in dem unter anderem Historiker geschichtlich belastete Straßennamen genauer untersuchen sollten. Ob ein Straßenname tatsächlich geändert wird – dafür ist als vorberatendes Gremium der Ältestenrat zuständig. Das letzte Wort hat der Stadtrat. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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