„Zeit zum U-Bahn-Ausbau längst verpasst“

Diskussion um kostenlosen ÖPNV: So sehen die Parteien die Erfolgsaussichten

Kommt kostenloses ÖPNV in München? Darüber wird derzeit lebhaft diskutiert. Dabei müssten wohl einige Probleme aus dem Weg geräumt werden.

München - Die Debatte um einen möglichen kostenlosen ÖPNV auch in München nimmt weiter Fahrt auf. Die FDP im Rathaus wettert gegen den Vorschlag der Grünen, die statt eines kostenlosen Nahverkehrs zumindest ein günstiges Ticket für 365 Euro vorgeschlagen hatten. Linke und Bayernpartei im Stadtrat glauben nicht, dass sich eine kostenfreies Tickets überhaupt realisieren lässt. Und der Fahrgastverband fordert, dass Versprechungen nun Taten folgen sollen. Das sei längst überfällig.

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Andreas Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn ist erfreut, dass der öffentliche Nahverkehr nun Priorität bekomme beim Kampf um saubere Luft. „Aber die Leute müssen auch reinpassen. Daher brauchen wir jetzt Busspuren und neue Trams, erst recht, wenn der ÖPNV günstiger werden soll. Denn die Zeit zum U-Bahn-Ausbau haben wir verpasst.“ 20 bis 25 Jahre dauerten Planung und Bau einer neuen U-Bahn. „Das ist keine Perspektive.“ Rascher lasse sich das oberirdische Netz erweitern. „Wenn ich mir die Friedenheimer Brücke anschaue, dann muss ich mich fragen, warum es dort an beiden Seiten Parkplätze für Autos gibt. Eine Busspur wäre dort viel sinnvoller.“

Andreas Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn.

Progl: „Wird dann über Steuereinnahmen finanziert“

Dass die Münchner künftig kostenfrei mit den Öffentlichen unterwegs sind, hält Richard Progl (Bayernpartei) für abwegig. „Das ist ja nicht kostenlos. Das wird dann über Steuereinnahmen finanziert. Und dann zahlt auch derjenige für den ÖPNV, der ihn gar nicht nutzt.“ Brigitte Wolf (Linke) hält das Gratis-Ticket für utopisch. „Das wird es nicht geben.“ Unlängst hatte die Linke Vorschläge für eine andere Finanzierung gemacht, die allesamt in „Bausch und Bogen abgelehnt wurden“. Etwa eine Gebühr pro Haushalt, bei der man Rentner oder Sozialhilfeempfänger stärker entlasten könnte. „Daher bietet sich ein Modellversuch an, bei dem man verschiedene Preisstrukturen ausprobieren kann“, sagt Wolf.

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Richard Progl, Fraktions-Vize der Bayernpartei.

Nachdem bekannt geworden war, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt, in fünf Modellstädten einen kostenlosen ÖPNV zu testen, um die Luftqualität zu verbessern, hatte OB Dieter Reiter (SPD) die Landeshauptstadt ins Spiel gebracht: „Ich biete München natürlich sehr gern als Modellstadt für einen vom Bund finanzierten kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an.“ Doch auch der OB ist skeptisch, ob solch ein Versuch überhaupt kommt: „Die Botschaft hör‘ ich gern, allein mir fehlt der Glaube.“

Brigitte Wolf, Stadträtin der Partei Die Linke.

FDP-Chef verweist auf fehlende Kapazitäten

Den Grünen-Vorschlag, zumindest ein günstigeres Ticket für 365 Euro pro Jahr einzuführen, sieht FDP-Chef Michael Mattar kritisch: „Das funktioniert schon aus Kapazitätsgründen nicht. Jeder, der morgens im Bus oder in der Bahn unterwegs ist, weiß, dass ohne Ausbau kein Platz für deutlich mehr Menschen ist.“ Doch Mattar räumt ein: „Wir müssen den Verkehr entzerren. Deshalb wäre eine Vergünstigung des 9-Uhr-Tickets auf 365 Euro sinnvoll.“

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Dass ohne den Ausbau des Netzes jede Vergünstigung zu einem Kollaps des Systems führen wird, wissen alle. Daher fordert Reiter, der Bund solle mehr Geld beisteuern. „Das Schienennetz werden wir umfassend ausbauen. Deshalb brauchen wir verlässliche Zusagen vom Bund, die Förderung hier deutlich zu erhöhen.“

Michael Mattar, Fraktions-Chef der FDP.

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Sascha Karowski

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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