Interview vor Zukunftskonferenz

DLD-Gründerin Czerny: „München wird zweites Silicon-Valley“

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Bei Technologie-Netzwerkerin Stephanie ­Czerny ist der Schreibtisch ein kleines Holztischchen. Es gibt keinen Computer, nur das iPhone und den Stein, wenn sie über Roboter und fliegende ­Autos nachdenkt.

München - Stephanie Czerny bringt einmal im Jahr in München die großen Köpfe der digitalen Welt zusammen – bei der Zukunfts- und Technologiekonferenz DLD (Digital Life Design), wo 1000 Teilnehmer und 180 Referenten drei Tage lang miteinander diskutieren.

München. San Francisco. New York. Tel Aviv. Brüssel. Stephanie Czerny (62) ist ganzjährig unterwegs, um die neuesten Technologietrends aufzuspüren und die klügsten Köpfe der Welt zu treffen, die das große Rad unserer Zukunft drehen. Softwaregiganten, Firmengründer, Konzernlenker, Wissenschaftler, Denker, aber auch Querdenker, Künstler, die ganz neue Standpunkte einnehmen, und Philosophen, die die Welt erklären. Und sie alle bringt die Mutter von vier Kindern auch einmal im Jahr in München zusammen – bei der Zukunfts- und Technologiekonferenz DLD (Digital Life Design) von Hubert Burda, wo 1000 Teilnehmer und 180 Referenten drei Tage lang miteinander diskutieren. Am Sonntag geht es wieder los, und sogar Schauspielerin Isabella ­Rossellini und ABBA-Ikone Björn ­Ulvaeus nehmen auf der DLD-Bühne Platz, um mit der digitalen Elite zu reden. Die tz hat Steffi Czerny vorab in ihrem Büro im Arabellapark getroffen – am Schreibtisch, der bei Frau Czerny nur ein kleines oberbayerisches Bauerntischchen ist, auf dem ein Stein aus der Weißach bei Kreuth liegt – neben dem iPhone. Kein ­Computer.

Und das ist die Frau, die zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der digitalen Wirtschaft zählt, nachdem die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin von Prof. Hubert Burda vor über 20 Jahren als Technologiescout in die Welt geschickt wurde ...

Kann Sie noch etwas nervös machen?

Steffi Czerny: Natürlich! Der DLD – und wie!

Was daran? Sie wirken stets gelassen und authentisch...

Czerny: Man kann in der Authentizität auch naiv wirken. Ich möcht’ schon gscheit daherkommen (lacht hellauf – die blauen Augen funkeln)!

Als eine der wichtigsten Netzwerkerinnen der Zukunftsbranche haben Sie sich Ihren Platz in einer Männerwelt schon erobert...

Czerny: Es stimmt, es ist eine Männerwelt. Was mir hilft, ist mein Alter. Ich habe viel erlebt, ich kann jeden ansprechen und brauche kein Vorgeplänkel.

Wie stellen Sie das denn an, wenn Sie beispielsweise Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Sprecher gewinnen wollen – Sie haben ihn ja schon mal nach München geholt?

Czerny: Zunächst beschäftige ich mich ganz intensiv mit dem Menschen. Dass ich am Ende mehr über ihn weiß als er selber über sich. Dann muss man den Moment abwarten, in dem sich die Gelegenheit ergibt, sich seinem Umfeld anzunähern, und dann muss man ganz schnell punkten. Das ist wie bei der Jagd – man muss das Ökosystem kennen, um zu wissen, wo sich das Wild aufhält, und Geduld haben.

Sie sind also nicht nur auf Fährten von Menschen abonniert?

Czerny: Ich habe einen Jagd- und einen Fischerei­schein, doch mein Jagdgrund ist derzeit nur noch der DLD. Beides verbindet aber Folgendes: Sich mit dem auseinanderzusetzen, was einen umgibt. Für die Zukunft müssen wir zuerst die Gegenwart verstehen.

Steffi Czerny nimmt ihr iPhone und zeigt, was sie umgibt: der Berg, der Leonhardstein, auf dem sie schon am frühen Morgen unterwegs war, der Hund, die Katze, ihr Bauernhaus in Kreuth...

Czerny: Das ist mir sehr wichtig, sonst würd’ ich das alles gar nicht schaffen. Man braucht den Ausgleich. Wenn ich nur digitale Dinge machen würde, würde ich wahrscheinlich blass, unausgeschlafen, unzufrieden und unglücklich sein. Die Mischung aus analog und digital macht’s!

Auf welches analoge Element in Ihrem Leben könnten Sie nie verzichten?

Czerny: Auf meine Familie, meine Nachbarn in Kreuth, mein echtes soziales Leben.

Wie sind Sie selbst daheim technisiert?

Czerny: Mit Wifi. Ich mach das alles mit meinem Smartphone, meinen Laptop benutz’ ich kaum noch. Damit diktiere ich auf der Fahrt von Kreuth nach München meine E-Mails, ich fotografiere, habe meine ganze Musik drauf, pflege die Kontakte – ich mach alles mit dem iPhone.

Wissen Sie denn, wie viele Leute Sie kennen?

Czerny: Ich hab sie nie gezählt, ich bin auch kein besonders gesellschaftlich aktiver Mensch. Ich geh’ abends eher ungern aus, aber ich hab gern interessante Gäste bei mir in Kreuth. Ich lese gern, ich geh­’ gern auf den Berg, ich bin glücklich daheim.

Um dann wieder aufzubrechen – in die Welt! Wie pflegt man so ein weltumfassendes Netzwerk, wie Sie es haben?

Czerny: Ich pflege es nicht strategisch. Ein Netzwerk ist ein lebendiges Ökosystem, das intrinsisch, also von innen heraus wächst und das man nicht planen darf, weil man dann nicht mehr offen ist für die vielen Zufälle im Leben, denen man sich widmen muss.

Was war der wichtigste Zufall in Ihrem Leben?

Czerny: Außerhalb der Familie die Begegnung mit Verleger Dr. Hubert Burda vor über 20 Jahren. Wir haben uns beim Skifahren am Wallberg kennengelernt und uns sehr intensiv unterhalten – immer wieder Gondel rauf und Berg runter. Irgendwann hat er gefragt, ob ich schon mal was vom Internet gehört hätte und ich solle doch für ihn arbeiten. Jetzt bin ich schon seit 20 Jahren hier.

Und das ist jetzt Ihre 13. DLD-Januar-Konferenz. Thema: What’s the plan? Was ist der Plan...?

Czerny: Die Welt verändert sich extrem – vor allem durch die künstliche Intelligenz. Und diese Konversationsfrage „Was ist der Plan?“ müssen wir auf allen Ebenen stellen: Wie gehen wir mit den Auswirkungen der künstlichen Intelligenz in unserer Gesellschaft, aber auch in unserem Privatleben um? Was ist der Plan unserer Regierungen?

Was könnten denn Chancen und Risiken sein?

Czerny: Das ist ein weites Feld, darauf hoffen wir Antworten zu finden. Eine Frage ist: Wie schaut denn Arbeit aus, wenn sie von immer mehr Maschinen übernommen wird? Wie gehen wir mit mehr Freizeit um? Wie sollen Kinder lernen? Welche Geschäftsmodelle sollen wir entwickeln? Wie gehen wir mit Personalisierung und Transparenz um?

Die zunehmende Technologisierung lässt aber vermutlich die Mehrheit der Menschen auf der Strecke, weil nur noch Eliten alles begreifen und damit umgehen können...

Czerny: Das ist eine sehr wichtige Frage. Damit das nicht passiert, müssen wir uns den Themen stellen, den Finger in die Wunden des Nichtwissens legen. Wir müssen mit möglichst viel Neugier an diese großen Themen herangehen.

Auf wen freuen Sie sich besonders, der Antworten geben kann?

Czerny: Es ist die Mischung aus allen Bereichen. Ich freu mich besonders auf Microsoft-Boss Satya Nadella, der diesen großen Konzern fit macht fürs 21. Jahrhundert. Ich freu mich aber auch auf den Vogelforscher Prof. Iain Couzin. Ich glaube daran, dass München das nächste Silicon Valley wird. Wir haben die großen starken Firmen wie Siemens, Airbus, BMW, MTU, Infineon – sie alle bauen sehr wesentlich an den Visionen der Zukunft. Hier geht es nicht um eine neue App, hier geht es um die Zukunft unserer Städte.

Und wie sieht die aus?

Czerny: In München wird das Thema elektrisch fliegen weltweit führend entwickelt. Tom Enders, der Chef von Airbus, wird darüber sprechen. Urban Air Mobility – fliegende Autos werden wahr. Vor nur zehn Jahren haben wir über autonom fahrende Autos als Sciencefiction gesprochen, das ist längst Wirklichkeit, und in zehn Jahren werden elektrische Autos fliegbar sein. Und jetzt kommt’s: Diese brauchen eine Schwarm­intelligenz, sie müssen im dreidimensionalen Raum organisiert werden. Und Schwarmintelligenz ist das große Forschungsgebiet von Vogelforscher Iain Couzin vom Max-Planck-Institut in Konstanz. So fügt sich scheinbar Absurdes zusammen, und das macht mir beim DLD besonders Spaß.

Und es macht Ihnen nichts Angst?

Czerny: Als aufgeklärter, humanistisch denkender Mensch macht mir Angst, dass wir Menschen uns in Furcht vor der Zukunft abwenden könnten und sie nicht gestalten.

Bei den Wahlen in den USA hat man hautnah miterlebt, wie neue Technologien diese sogar beeinflussen können; wie mit selektiven Werbebotschaften Wirklichkeiten weggefiltert werden...

Czerny: Ja, das ist bedrohlich. Umso mehr müssen wir Aufklärung betreiben. Vor 500 Jahren, als der Buchdruck erfunden wurde, ist auch die Zentralperspektive entstanden, da hat Luther den Glauben reformiert, da ist zum ersten Mal Anatomie betrieben worden, losgelöst von christlichen Dogmen. Wir sind heute in einer ähnlichen Situation: Die Erfindung der Digitalität ist gleichzusetzen mit der Erfindung des Buchdrucks. Wir haben durch die Genforschung ein neues Menschenbild entwickelt, wir haben die großen Religionskriege, wir haben Meinungsfreiheit, aber gleichzeitig gibt es Versuche der Manipulation. Wie geht man mit Fake-News um? Dieser und vielen weiteren Fragen müssen wir uns stellen. Und wie wir das große Wissen von kleinen Eliten herunterbrechen können.

Haben Sie konkrete Ideen?

Czerny: Ich möchte den DLD nicht nur in München, New York, Tel Aviv oder Brüssel machen, ich würde ihn auch gern in Bayreuth etablieren, in Augsburg, in Rosenheim. Ich glaube, dass wir aus dem großen internationalen Netzwerk spannende Sprecher mit Weltmarktführern oder anderen Firmen in der Region vernetzen können.

Vor zehn Jahren kam das erste iPhone auf den Markt, wann haben Sie Ihr erstes gekriegt?

Czerny: Vor elf Jahren. Ich war eine der Ersten in Deutschland.

Wie war das damals, man kann sich ein Leben ohne iPhone gar nicht mehr vorstellen...

Czerny: Doch, das kann ich mir grundsätzlich schon vorstellen. Mein persönliches Urerlebnis war aber vor 20 Jahren mein erstes Nokia-­Handy! Ich konnte da zum ersten Mal von überall aus mit meinen Kindern telefonieren. Das war eine große Sache für mich. Beim iPhone fand ich dann die Kamerafunktion gut – ich fotografier’ sehr viel, um die Dinge, die mir begegnen, festzuhalten wie eine Art Tagebuch.

Wenn man so viele Menschen kennt und immer noch kennenlernt, muss man auch wieder einige loslassen...

Czerny: Ich interessiere mich für Menschen und was sie treibt, aber ich genieße es auch, meine Ruhe zu haben – deshalb gehe ich eher selten aus. So gesehen, kann ich auch gut wieder loslassen.

Was ist Ihr Traum?

Czerny: Die offene Gesellschaft; eine aufgeklärte, blühende Gesellschaft, in der es spannende Dialoge gibt, freie Forschung möglich ist, die mit klassischen Werten umgehen kann, die sich nicht bedroht fühlt und im besten Sinne agieren kann.

Was braucht’s dafür?

Czerny: Das alte klassische Bildungsideal: Zu lernen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Wird aber in der Schule nicht mehr gelebt. Es werden dort weder die neuesten Technologien gelehrt noch kosmopolitisches Denken im alten Sinn...

Czerny: Die großen Treiber des Silicon Valley schicken ihre Kinder oft in Waldorf- oder Montessorischulen, weil sie genau das erkennen: Was nützt es mir, wenn ich den besten Algorithmus verstehe, aber keinen Zugang zu Menschen habe?

Das Interview führte Ulrike Schmidt

Das ist die Technologiekonferenz DLD

Auf Einladung von Verleger Prof. Dr. Hubert Burda tagt ab Sonntag zweieinhalb Tage lang die digitale Elite aus der ganzen Welt in der Alten Bayerischen Staatsbank in München, um neueste technologische Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu diskutieren, wie die Robotik oder künstliche Intelligenz oder auch, warum gerade die Schweden im Bereich Musik und Design so erfolgreich sind. Es kommt alles, was Rang und Namen hat und technologisch eine führende Rolle spielt, darunter Microsoft-Boss Satya Nadella, Airbus-Chef Tom Enders, Lufthansa-Boss ­Carsten Spohr, Telekom-Chef Timotheus Höttges, die BMW-Vorstände Peter Schwarzenbauer und Klaus Fröhlich, aber auch Arianna Huffington, Solar-Pionier Bertrand Piccard, Erzbischof Reinhard Marx oder auch Naturforscherin und Biotopia-Mitbegründerin Auguste von Bayern. Auch das Showbiz ist unter den 180 Sprechern vertreten – mit Schauspielerin Isabella Rossellini und ABBA-Mitbegründer Björn ­Ulvaeus. Wer zu den 1000 Teilnehmern zählt, musste sich zuvor bewerben, das Ticket kostet knapp 3000 Euro. Für Kreative ohne Geld gibt es auch Frei­tickets. Gefeiert wird auch: Sonntag Abend bei einem festlichen Chairmen- und Speakers-Dinner im Kaisersaal der Residenz und am Montagabend im Heart.

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