Täter waren erst 16 Jahre alt

Jugendgewalt: Das sagen Experten zum Tod von Jordan N.

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Auf diesem Gehsteig wurde Jordan N. gefunden.

Immer noch sitzt der Schock tief über den Tod von Koch-Azubi Jordan N. Wir haben mit Experten über Jugendgewalt gesprochen. So schätzen sie den Fall ein.

München - Am Tag nach der Klärung des tödlichen Raubüberfalles in Dornach auf Koch-Azubi Jordan N. († 25) waren die beiden erst 16-jährigen Täter Thema Nummer eins in vielen Schulen, Familien und Jugendtreffpunkten. Einer der beiden wird bei der Polizei als jugendlicher Intensivtäter geführt. Er hat bereits eine Vielzahl von Delikten begangen, darunter auch Gewalttaten. Die tz sprach mit Fachleuten, die sich täglich mit der Jugendkriminalität auseinandersetzen:

Thomas Hemm (54).

Der Münchner Kriminalhauptkommissar Thomas Hemm (54) gehört zu den Beamten, die ein Programm für jugendliche Intensivtäter bei der Münchner Polizei seit dem Jahr 2000 aufgebaut haben. Er ist mittlerweile Leiter des Programms Personenbezogene Ermittlungen und Recherche – kurz Proper genannt. Kinder und Jugendliche, die sehr oft in verschiedensten Deliktbereichen vom Diebstahl bis zu schweren Gewaltdelikten auffallen, werden von einem einzigen Sachbearbeiter der Polizei eng begleitet.

Keine Absicht Jordan N. zu töten

Mit im Boot sitzen Jugendamt, Jugendgerichtshilfe, Staatsanwaltschaft und auch die Ausländerbehörde, die speziell ausländischen Jugendlichen klar machen, dass am Ende der kriminellen Karriere nicht nur Gefängnis, sondern auch die Ausweisung aus Deutschland stehen kann.

Die beiden Täter von Dornach – zwei aus Bosnien und Serbien stammende Schüler – hatten nach Einschätzung der Mordkommission zwar nicht die Absicht, Jordan N. zu töten. Der bosnische Intensivtäter Naser (16, Name geändert) – er ist bereits Vater – schlug aber so brutal zu, dass Jordan N. diesen einen Schlag nicht überlebte.

Beide Täter stammen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ein Merkmal, das sie mit vielen Proper-Kandidaten verbindet. 83 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren (darunter neun Mädchen) sind derzeit im Proper-Programm. 50 Prozent davon sind Deutsche, die meisten von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Kriterien sind u.a. fünf Straftaten bzw. Gewaltdelikte innerhalb von sechs Monaten, Sucht (Alkohol und/oder Drogen), kriminelle Energie, die Vielfalt der Delikte – und eine negative Prognose.

Wellenartige Bewegungen bei Gewalt im Jugendbereich

Fast alle Proper-Kandidaten ließen sich von ihren Eltern und Lehrern an einem bestimmten Punkt nichts mehr sagen, schwänzten die Schule oder waren ihren Eltern schlichtweg egal. Einige aber schafften auch den Absprung: „Wer ein Jahr lang nicht mehr straffällig wurde, wieder zur Schule geht oder eine Lehre macht, hat eine gute Prognose“, so Hemm. Und manchmal hilft auch eine neue Liebe.

Wolfgang Salewski, ehemaliger Polizei-Psychologe und Gewaltforscher, hat im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere folgende Erfahrung gemacht: „Es gibt keinen stetigen Anstieg der Gewalt im Jugendbereich. Das sind in der Regel wellenartige Bewegungen. Vereinfacht gilt: Wenn große Unruhen in der Welt sind, nimmt auch die Gewalt zu.“ Daneben gebe es immer auch einen Effekt durch die mediale Verbreitung der Fälle: „Die Medien sind natürlich nicht die Ursache von Gewalt – aber geschilderte Verbrechen können zur Nachahmung anregen.“

Gewaltforscher- und Polizeipsychologe Wolfgang Salewski.

Die polizeiliche Kriminalstatistik für den Freistaat Bayern zeigt, dass im vergangenen Jahr 8,5 Prozent aller Tatverdächtigen zwischen 14 und 17 Jahre jung waren (in absoluten Zahlen: 23.244). Das sind 0,6 Prozent mehr, als Tatverdächtige im Alter von 60 Jahren aufwärts (21.715).

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