Brüderpaar kam ums Leben

Ring-Drama: Bewährung für Todesfahrer

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Thomas und Stephan K. kamen bei dem schweren Unfall ums Leben.

München - Vor bald einem Jahr kam es am Innsbrucker Ring zu einem schrecklichen Verkehrsunfall, bei dem ein Brüderpaar ums Leben kam. Der Unfallverursacher wurde jetzt verurteilt.

Ist es wirklich so, wie man sagt? Heilt die Zeit alle Wunden? Oder geht das Leben einfach weiter, und der Schmerz wird zum Normalzustand? Michael K. (46) kann diese Frage noch nicht beantworten. Zu frisch ist noch alles. Im vergangenen Dezember war es: Da riss ein Lkw seine Brüder Stephan (44) und Thomas (39) aus dem Leben. Michael K. sagt: „Auch jetzt wird mir oft erst nach einem kurzen Moment des Nachdenkens klar, dass die beiden tot sind. Zum Beispiel in den Mittagspausen – die habe ich immer zusammen mit Stephan verbracht. Er hat in der gleichen Firma gearbeitet wie ich. Wir sind immer zusammen eine Runde durch den Westpark gegangen, jeden Tag. Es ist ein ganz seltsames Gefühl, das jetzt allein zu tun. Als wäre ein Stück aus einem selbst herausgerissen.“

Eine ungekannte Kälte ist eingezogen in seine Welt – und passiert ist es in einer kalten Nacht im Dezember 2013. Am Freitag, dem 13. In jener Nacht war der Lastwagen, beladen mit Milch, am Autobahnende der A8 zu einem tödlichen, tonnenschweren Geschoss geworden: Der Fahrer hatte kurz vor dem Innsbrucker Ring die Kontrolle verloren. Der Lkw rammte den kleinen Honda, in dem die zwei Brüder gerade auf dem Heimweg vom Schachverein waren. Die beiden hatten keine Chance: Sie erlagen ihren schweren Verletzungen. Und der Fahrer, der am Steuer des Lkw saß, ist auf freiem Fuß. Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch bestätigt: „Der Fahrer hat im Strafbefehlsverfahren eine Freiheitsstrafe akzeptiert, die zur Bewährung ausgesetzt ist.“ Die Sache ist bereits rechtskräftig. Nach tz-Informationen handelt es sich um zwölf Monate auf Bewährung sowie 3000 Euro Geldbuße wegen fahrlässiger Tötung. Lässt er sich nichts zu Schulden kommen, bleibt der Rumäne (51) ein freier Mann.

Tödlicher Unfall auf dem Innsbrucker Ring

Tödlicher Unfall auf dem Innsbrucker Ring

Michael K. kommt mit dieser Situation nur schwer zurecht. Er fragt: „Wie kann es sein, dass man in so einem Fall mit einer Bewährungsstrafe davonkommt? Für Steuerhinterziehung kommt man ins Gefängnis, nach einem solchen Unfall aber nicht? Es geht mir nicht um Rache, aber um Sühne und Verhältnismäßigkeit. Angemessen wäre meiner Meinung nach eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung gewesen. Hier sind immerhin zwei Menschen gestorben.“

Zwei Menschen. Zwei Brüder. Zwei von insgesamt sieben Geschwistern, die zusammen in München aufwuchsen. Und die, so ganz gegen den Trend der Zeit, auch als erwachsene Männer noch viel Familiensinn hatten. Schwägerin Yvonne (34) erinnert sich: „Stephan und Thomas haben viel zusammen gemacht. Beide haben das Schachspiel geliebt, beide haben viel Spaß am Fußball gehabt.“ Stephan, der Controller, der am 31. Dezember seinen 45. Geburtstag gefeiert hätte – und stattdessen am 30. Dezember beerdigt wurde. Thomas, der Lehrer, der beliebte Fußballer, der auf den alten Fotos so fröhlich schaut. Damals, bei Stephans Hochzeit, als Trauzeuge. Gespenstisch muten diese Portraits heute an – auf den Sterbebildern der Brüder. Versehen mit dem gleichen Sterbedatum und mit dem gleichen Sinnspruch: „Die Liebe ist stärker als der Tod. Nicht verloren, nur vorangegangen.“

Eine Botschaft aus einer anderen, unerreichbaren Welt. So wirklich, so unwirklich. Und immer noch so schmerzhaft.

Warum dieser Unfall passiert ist? Es heißt, der Lkw-Fahrer sei wie erstarrt gewesen, als er auf die Kreuzung zuraste. Eine andere Art von Starre ist in das Leben der Angehörigen eingezogen. Wie ein andauerndes, ungläubiges Kopfschütteln – warum musste es ausgerechnet diese beiden treffen? Eine Antwort auf diese Frage wird es nie geben.

Was es bisher auch nicht gegeben hat, ist eine Entschuldigung des Fahrers bei den verbliebenen Geschwistern. Michael K. sagt: „Er hat sich nicht bei uns gemeldet. Es hätte uns geholfen, wenn er das getan hätte.“ Und Schwägerin Yvonne sagt: „Es wären vier Worte gewesen – es tut mir leid …“

Gegenüber der tz wollte sich der Fahrer nicht äußern. Sein Anwalt teilte mit, der Mann wolle keine Fragen beantworten.

hei

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