Erschreckende Bilanz

Das Drama in den Notaufnahmen: Die tz-Analyse

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In der Notaufnahme des Klinikums Bogenhausen herrscht rund um die Uhr Hochbetrieb.

München - Seit Wochen gibt es Streit um einen Notstand in den Notaufnahmen. Jetzt legt die Stadt erstmals Zahlen vor – eine erschreckende Bilanz. Die tz analysiert die Lage.

Ein sechsjähriges Mädchen wird auf dem Fahrrad an der B11 bei Marzling (Kreis Freising) vom Auto überfahren und soll mit dem Hubschrauber in die Klinik, aber in München ist kein Bett frei! Dramatische Minuten vergehen. Der Notarzt wird nach Regensburg beordert – und kann nach Minuten doch nach München abdrehen. Seit Wochen gibt es Streit um einen Notstand in den Notaufnahmen. Jetzt legt die Stadt erstmals Zahlen vor – eine erschreckende Bilanz: Für hunderte Notfall-Patienten gab es zunächst kein freies Bett mehr, Münchner werden in das gesamte Umland transportiert, die Rettungsfahrten dauern länger! Die tz analysiert die Lage:

Wie lautet die Bilanz?

Am Mittwoch legt die Stadtverwaltung im Rathaus einen Bericht für Dezember bis Februar vor: Demnach musste die Rettungsleitstelle 1352 Patienten akut einer Klinik zuweisen – sprich: eine Klinik praktisch zur Aufnahme zwingen! In diesen Fällen hatten sich die meisten oder alle Notaufnahmen als überlastet beim Rettungsdienst abgemeldet – vor allem internistische Stationen, deren Spektrum vom Magen-Infekt zum Herzinfarkt reicht. Allein am 11. Februar waren 75 Patienten betroffen.

Sind das viele?

Am Tag gibt es in München im Schnitt 33 Notfälle mit Lebensgefahr – davon die Hälfte internistisch. Dazu kommen 247 schwer Verletzte und Erkrankte.

Was bedeutet das?

Über diese Akutzuweisungen schrieb KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle schon Ende Januar an alle Kliniken: „Dies führt auch zu teils unerfreulichen Diskussionen zwischen Leitstelle und Notaufnahmen.“ Die Retter zoffen sich also mitunter um die Kranken!

Ist das gefährlich für die Patienten?

Die Stadtverwaltung hält fest: Verzögerungen bei eiligsten Notfällen seien nicht bekannt. Alle dringenden Patienten seien im vorgeschriebenen Zeitfenster in der Klinik gewesen. Münchner seien aber auch in Umland-Kliniken zwischen Dachau und Starnberg gefahren worden. Krankentransporte hätten sich im Schnitt um fünf Minuten verlängert, selbst Rettungsfahrten dauerten nun zwei Minuten länger! Das kann für Patienten und Angehörige mindestens nervenaufreibend sein. Sanitäter klagen, dass sie Patienten seit Wochen nicht zum nächsten Krankenhaus fahren können, sondern sich quer durch die Stadt quälen müssen. Neben dem Fall der Sechsjährigen, über den der Münchner Merkur berichtete, ist der tz etwa der Fall eines Intensivstationspatienten bekannt, der aus dem südlichen Landkreis zum Rotkreuzkrankenhaus gefahren werden musste.

Was sind die Ursachen?

Betroffen sind alle 19 Kliniken mit Notaufnahmen in München. Ganz allgemein verweist die Stadtverwaltung auf immer mehr Notfälle auch durch die Alterung der Bevölkerung. Zudem würden sich immer mehr Menschen mit Wehwehchen nach Feierabend in die Ambulanzen setzen, statt tagsüber zum Hausarzt zu gehen. Dazu kommen aktuell eine Grippewelle, die auch das Personal erfasst habe. Und der Pflegemangel herrsche vor allem auf den Intensivstationen.

Wer ist verantwortlich?

Die Stadt für den Rettungsdienst und der Freistaat für die Krankenhausplanung. Jetzt gibt es einen Runden Tisch mit allen Beteiligten.

David Costanzo

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