„Drehmalfix“ wird weggesperrt

+
Der Tacho-Fälscher gilt als absoluter Experte

München – Ein Autohändler ist wegen Tacho-Manipulationen in 23 Fällen und Beihilfe zum Betrug vom Landgericht München zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Der Verurteilte galt in der Szene als „der Experte“.

Im Internet nannte er sich „Drehmalfix“. Einen passenderen Spitznamen hätte sich Thomas S. (41) nicht aussuchen können. Kein Tacho war vor dem Software-Experten und Kfz-Sachverständigen sicher. Serienweise manipulierte er im Auftrag von Gebrauchtwagenhändlern und Taxiunternehmern die Kilometerstände. Selbst Nobel-Marken wie Ferrari, Lamborghini, Jaguar, Mercedes, Maybach, Porsche und BMW waren vor ihm nicht sicher. Vor dem Landgericht München I kam er gestern gnädig davon.

„Er war das elektronische Gehirn der Szene“, erklärte der Kriminalbeamte Alexander Hartinger, Chef der Sonderkommission „Tacho“, vor Gericht. In der Szene sei der studierte Techniker und frühere Entwicklungsingenieur als „der Experte“ bekannt gewesen.

Die Verhandlung war der erste und wohl auch wichtigste einer Serie von Prozessen um Betrug durch Tacho-Manipulationen. Zeugen zufolge hat die Soko gegen rund 90 „Kernbeschuldigte“ und etwa 125 „Randbeschuldigte“ im Großraum München ermittelt.

Das Verfahren umfasste rund 1000 Aktenordner, untersucht wurden etwa 1700 Fahrzeuge. Eigentlich handle es sich um einen Fall von organisierter Kriminalität, sagte der Leiter der Soko am Rande der Sitzung. Die Händler kannten sich, Beweise für Absprachen gab es aber der Staatsanwaltschaft zufolge nicht.

Bei einer Razzia im März 2011 war den Beamten ein großer Schlag gegen die Tacho-Mafia gelungen. Die 58 Fälle der Tacho-Manipulation, die Staatsanwalt Tobias Bauer in der Anklage gegen Thomas S. aufführte, gelten nur als Spitze des Eisberges. Bei ihm wurden umfangreiche Ausrüstungsgegenstände sowie Software im Wert von mehreren hunderttausend Euro sichergestellt. Gewöhnlich riefen Gebrauchtwagenhändler bei ihm an.

Der Staatsanwaltschaft zufolge hat der 41-Jährige die Manipulationen für Auftraggeber gegen einen Stundenlohn von 100 Euro vorgenommen. Er habe bis zu 500 Euro pro Fahrzeug kassiert. Der 41-Jährige habe auch Taxifahrern durch das Schrauben am Tacho zu betrügerischen Einkünften verholfen, sie machten eine größere Kilometerleistung mit einer höheren Mehrwertsteuer geltend. Ferner hat der Angeklagte als Gutachter nicht vorhandene Unfallschäden bescheinigt und damit beim Versicherungsbetrug geholfen.

Thomas S. wusste selbst bei exotischen Fahrzeugen Rat. Bei manchen Fahrzeugen reichte es, via Service-Stecker die Programmierung zu ändern. Bei anderen Fahrzeugen waren umfangreiche Lötarbeiten in der Elektronik nötig. Doch die Tacho-Dreherei ist gefährlich: „Der Angeklagte nahm billigend in Kauf, dass die Gesamtprogrammierung des Fahrzeugs gestört wird“, erklärte Staatsanwalt Bauer. Das könne zum Ausfall des Antiblockiersystems (ABS), der elektronischen Stabilitätskontrolle (ESP) und der Airbags führen. Das Urteil war Ergebnis eines Rechtsgesprächs zwischen den Beteiligten: zweieinhalb Jahre Gefängnis.

ebu

Auch interessant

Meistgelesen

Kommentare