Drei Karten im Standort-Poker

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Die Fürst-Wrede-Kaserne an der Ingolstädter Straße. In öffentlich-privater Partnerschaft wurde sie für 60 Millionen Euro saniert.

München - Wenn Verteidigungsminister Thomas de Maizière am Mittwoch seine Streichliste bekanntgibt, stehen auch drei Münchner Standorte im Feuer. Mindestens einen, so glauben Experten, wird es treffen. Am sichersten dürfen sich noch die Bediensteten der Sanitätsakademie fühlen.

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Im Kreiswehrersatzamt an der Dachauer Straße werden sie sich am Mittwochnachmittag im „Stüberl“ vor dem Fernseher versammeln. Die Mitarbeiter wollen hören, ob es ihren Arbeitsplatz in Zukunft noch gibt. Gegen 14 Uhr, so hat Amtsleiter Jörg Braun erfahren, wolle der Minister vor die Kameras treten. Und was er dann verkündet, wird allein in München die Lebensplanung von 3300 Soldaten (inklusive Lehrgangsteilnehmer) und 1400 Zivilangestellten samt deren Familien betreffen.

Das Kreiswehrersatzamt im Verwaltungszentrum Dachauer Straße. Es sollte schon den Olympia-Plänen weichen.

Die Nervosität ist groß, vor allem am Standort Dachauer Straße. Der stand schließlich schon im Feuer, weil hier das Olympische Dorf für die Winterspiele 2018 entstehen sollte. Dass München nicht den Zuschlag bekam, hat der Begehrlichkeit von Rot-Grün auf dieses Areal keinen Abbruch getan.

Die jüngere Geschichte der Bundeswehr in München ist eine Geschichte des Rückzugs. Von ursprünglich acht Kasernen und einer Reihe weiterer Einrichtungen sind nur mehr drei Standorte geblieben, und in jedem gibt es Argumente gegen eine Schließung.

- Bundeswehrverwaltungszentrum, Dachauer Straße, Sitz von Kreiswehrersatzamt, Sanitätsamt, Bundeswehrdienstleistungszentrum, Kleiderkasse und etlichen weiteren Dienststellen. Das Kreiswehrersatzamt hat am Standort 115 Planstellen, die jedoch nicht mehr alle besetzt sind, wie Jörg Braun erläutert. Seit Wegfall der Wehrpflicht hat das Amt weniger zu tun. „Ich habe meine Leute ermuntert, anderweitig tätig zu sein“, so Braun. Etliche Mitarbeiter hätten bereits neue Stellen gefunden. Ein Streitpunkt bei Überlegungen zur Neuverwertung des weitläufigen Areals ist die Parkanlage. Braun und seine Mitarbeiter bezweifeln, dass sich diese grüne Lunge bei Neubauplänen auch nur ansatzweise erhalten lässt.

- Fürst-Wrede-Kaserne, Ingolstädter Straße, Sitz des Wehrbereichskommandos (WBK) IV Süddeutschland und des Feldjägerbataillons 451. Hier sind laut WBK aktuell knapp 1100 Soldaten und etwa 100 Zivilangestellte beschäftigt. Gegen die Schließung spricht, dass die Anlage gerade erst für 60 Millionen Euro saniert worden ist. Gezahlt hat das ein privater Investor auf Basis eines Partnerschafts-Modells mit 20 Jahren Laufzeit. Ein vorzeitiger Ausstieg könnte für den Bund teuer werden.

- Ernst-von-Bergmann-Kaserne, vis-a-vis an der Neuherbergstraße gelegen, Sitz der Sanitätsakademie. 400 Zivilisten und 458 Soldaten weist das WBK hier aus. Für den Erhalt spricht, dass immense Summen in den Bau der Institute für Mikrobiologie, Pharmakologie und Radiobiologie geflossen sind, die teils über aufwändige Hochsicherheitslabors verfügen.

Die Sanitätsakademie der Bundeswehr in der Ernst-von-Bergmann-Kaserne. Auch die SPD will sie erhalten.

Kommunalpolitisch ist nur die Sanitätsakademie unumstritten. Alle Münchner Mandatsträger aus Bundestag, Landtag und EU-Parlament hätten sich bei einer Konferenz für deren Erhalt ausgesprochen, schrieb OB Ude am 21. September in einem Brief an Minister de Maizière. „Alle anderen Areale“ sollten nach ausdrücklicher Empfehlung der SPD-Abgeordneten für den Wohnungsbau frei gemacht werden. „Ich will die Bundeswehr nicht aus München vertreiben“, präzisiert Alexander Reissl, SPD-Fraktionschef im Rathaus. Vielmehr müsse man akzeptieren, dass Standorte geschlossen werden, und da wolle München nicht in Konkurrenz mit Kommunen treten, die dies weitaus schlechter verkraften könnten. Außerdem, so gibt SPD-Mann Reissl zu bedenken, „kann München die Flächen gut für die weitere Siedlungsentwicklung brauchen“. Ein Argument, dem sich auch Grünen-Fraktionschef Siegfried Benker anschließt. Er würde auch auf die Sanitätsakademie verzichten, „aber das ist wohl schwieriger, weil da vor relativ kurzer Zeit relativ viel investiert wurde“.

Die CSU hält dagegen: „Die SPD fällt Münchner Soldaten in den Rücken“, zürnt Bundestagsmitglied Johannes Singhammer. Er stehe „ohne jedes Wenn und Aber“ für den „Erhalt jedes Arbeitsplatzes“. Auch Rathaus-Fraktionschef Josef Schmid hofft, dass möglichst alle Standorte erhalten bleiben. Dass München Platz für den Wohnungsbau brauche, sei zwar „grundsätzlich richtig“, so Schmid. „Aber diese wenigen Flächen reichen nicht aus, um das Münchner Wohnungsproblem zu lösen.“ Außerdem habe die Bundeswehr schon einen entscheidenden Beitrag geleistet, betont Schmid. „Wir haben doch schon reihenweise Wohnungen durch die Verkleinerung des Garnisonsstandortes München erhalten.“

Peter T. Schmidt

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