Am Mittwoch ergeht das Urteil gegen Harun P. (27)

Droht ihm jetzt die Rache der Gotteskrieger?

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Weil er über die Terroristen auspackte, erhält Harun P. eine mildere Strafe.

München - Harun P.  hatte sich radikalen Islamisten in Syrien angeschlossen und wollte im Heiligen Krieg sterben. Als er den Gotteskriegern den Rücken kehrte und gegen sie auspackte, brachte er sich auch selbst in Gefahr.

Harun P. hat sich gewandelt: vom Märtyrer zum Kronzeugen und damit auch zum Verräter der Islamisten-Szene. Muss er nach dem Prozess jetzt sogar um sein eigenes Leben fürchten? „Es liegt definitiv eine konkrete, ernstzunehmende Gefährdungslage vor“, sagt sein Verteidiger Adam Ahmed (44). Er erinnert an den Vorfall in einem Berliner Gefängnis, in dem Harun P. nach seiner Zeugen-Aussage in einem separaten Islamistenprozess von Häftlingen angefeindet wurde – so heftig, dass P. sogar seinen Hofgang abbrechen musste. „Er war geschockt und hat versucht, dieser Situation aus dem Weg zu gehen“, beschreibt Ahmed. Aus der JVA Stadelheim, wo Harun P. aktuell einsitzt, sind solche Vorfälle nicht bekannt. Strafverteidiger Ahmed bestätigt aber: „Es wird sicherlich Schutzmaßnahmen geben.“ Welche, bleibt geheim.

Dennoch: Gerade durch sein Geständnis vor dem Oberlandesgericht hat sich Harun P. in doppelter Hinsicht auch selbst gefährdet. Zum einen durch die Weitergabe seines exklusiven Wissens über die Strukturen und die Organisation der Islamisten. „Es gibt niemand in Deutschland, der darüber so ausgepackt hat wie mein Mandant“, meint Ahmed. Selbst der Sachverständige Guido Steinberg, ein ausgewiesener Terror-Experte, war überrascht über P.s detaillierten Informationen und lobte sie als „ungeheuer gut und wertvoll“. Bekannt ist aber auch: Verräter werden unter Islamisten empfindlich bestraft – oft mit Gewalt. Harun P. hatte sich vor Gericht klar von ihnen distanziert und deren Ideologie als „Abschaum“ und „Gehirnwäsche“ beschimpft, die sich wie ein Virus verbreite.

„Er hat seine Umkehr offen nach außen dokumentiert und sich nicht geschont“, sagt Ahmed. „Das waren unvorstellbare Belastungen für meinen Mandanten. Aber es war ihm sehr ernst. Sein Verhalten hat Vorbildcharakter.“

Mehr als ein Jahr sitzt Harun P. mittlerweile in der U-Haft. Trotz Völkermord-Anklage konnte Verteidiger Adam Ahmed mit seiner Kollegin Eva Gareis eine lebenslange Freiheitsstrafe abwenden: Sie forderten zehn Jahre Haft im Plädoyer, die Staatsanwaltschaft dreieinhalb Jahre mehr. „Unsere Strategie ist voll aufgegangen“, verrät Ahmed.

Richter Manfred Dauster spricht am Mitwoch um 16 Uhr sein Urteil. Es wird zwei wichtige Fragen beantworten: Wie bestraft das OLG einen jungen Mann, der sich von München aus dem Terror angeschlossen hatte? Und wie honoriert es dessen Bemühungen um Aufklärung, die ihn nun selbst gefährden?

Andreas Thieme

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