Wie ticken unsere Bürger?

Echte Münchner: Es gibt vier Kategorien

+
Volkskundler Florian Dering kennt die Münchner Seele

München - Volkskundler Dr. Florian Dering teilt die wirklich echten Münchner in vier Kategorien ein. Hier lesen Sie, welche verschiedenen Charaktere unsere Stadt so einmalig machen.

Frei nach dem Zuagroasten Wilhelm Busch: Münchner werden ist nicht schwer, Münchner sein dagegen sehr – oder doch nicht? Auf jeden Fall ist München spätestens seit dem 19. Jahrhundert, seit die schönste Stadt der Welt so richtig ins Wachsen kam, eine Zuwanderungsmetropole. Schon vor 137 Jahren, im Jahre 1876, waren nur 36,5 Prozent gebürtige Münchner – ein bisserl mehr als jeder Dritte! Bei aller Vielfalt, die den Charme der Stadt ja auch ausmacht: Die Münchner kann man in vier Kategorien einteilen, sagt Dr. Florian Dering, und der muss es wissen – schließlich ist er stellvertretender Direktor des Münchner Stadtmuseums. Heinz Gebhardt hat sich für die tz auf Spurensuche begeben und erforscht, wie die Münchner wirklich ticken. Samma so – oder doch ganz anders?

Wir Münchner: Des samma ois

Was sind eigentlich „echte Münchner“? Schließlich sind ja nur ein Drittel der Münchner auch tatsächlich in München geboren.

Dr. Florian Dering, stellvertretender Direktor des Münchner Stadtmuseums und bester Kenner der Münchner Seele, sagt auf diese schwierige Frage erst mal gar nix. Dann, nach längerer Pause: „Ja mei, da kannt ma vui sogn!“

Aha, ein Münchner! „Wissenschaftlich gesehen sollte man zwischen ,geborenen Münchnern‘ und ,echten Münchnern‘ unterscheiden. Also: Ein geborener Münchner muss natürlich in München geboren sein, und ein echter Münchner … zum echten Münchner kann man im Laufe seines Lebens auch werden!“, referiert der Volkskundler, und weiter: „Die meisten ,echten Münchner‘, die als Künstler, Architekten und Gelehrte unsere Stadt geprägt haben, sind ja Zuagroaste.“

München war immer schon eine Zuagroasten-Stadt! Das belegt auch die Statistik: Im vergangenen Jahr waren von den 1 410 741 Einwohnern nur 33,5 Prozent „geborene Münchner“. Und vor 137 Jahren, anno 1876, waren es nur drei Prozent mehr: „Von den 196 000 Einwohnern Münchens waren nur 72 000 in München geboren. Woher es auch kommt, dass man in den Cafés und feineren Lokalen fast nur Norddeutsch reden hört, was die gebildeten Affen in München fleißig nachmachen“, wie Das Baye­rische Vaterland 1876 schrieb.

Wenn es „echte Münchner“ gibt, dann müsste es doch auch „falsche Münchner“ geben, oder? „Falsche weniger, aber schlimme Münchner gibt’s, die meinen, dauernd beweisen zu müssen, dass sie ,echte Münchner‘ sind und einem sofort einen Oachkatzlschwoaf rumhauen, mit einem Riesencharivari am Hosentürl rumlaufen – und die jedem sofort erklären, wie man eine Weißwurst isst und an Radi schneidet! Nicht zum Aushalten! Die gehen wahrscheinlich auch mit Trachtenanzug und Gamsbart ins Bett!“

Die vier Kategorien

Großzügige Weltmänner

Dr. Florian Dering teilt die wirklich echten Münchner in vier Kategorien ein: Zur ersten, vornehmsten Kategorie gehören die meist sehr zurückgezogen lebenden Münchner mit großem ­sozialen und kulturellen Engagement, gebildet, meist sehr vermögend, mit der typischen münchnerisch-weltmännischen Ausstrahlung, wie man sie zum Beispiel bei Herzog Franz von ­Bayern erleben kann. „Er ist unheimlich engagiert für die Stadt, bleibt aber dabei immer im Hintergrund. Und dann spricht er auch noch dieses einzigartige, vom Adel geprägte Münchnerisch, eine wunderbare Sprache, die eigentlich schon ausgestorben ist.“

Fleißige Originale

Zur zweiten Kategorie zählt Dr. Dering Leute, die in ihrer Lebensart einmalig sind und durch eigene Leistung zu Münchner Institutionen geworden sind, „das aber nicht dauernd raushängen lassen“. Zum Beispiel Gerhard Polt, der Münchens höchste Auszeichnung München leuchtet einmal abgelehnt hat, weil er sich mit 65 noch „zu unreif für einen Orden“ fühlte. Oder Charles Schumann, der in der ganzen Welt zu Hause ist und mit seiner Bar ein unverwechselbares, wichtiges Stück städtischen Lebens geworden ist. „Er tritt völlig bescheiden und zurückhaltend auf, freilich auch a bissl eitel. Aber wem gefällt das nicht, wenn sein Kopf als Riesenposter in der Stadt hängt? Des gehört eben dazu!“, meint Dering.

Auch den Bachmeier Beppi vom Fraunhofer zählt der Volkskundler zu diesen „edlen“ echten Münchnern: Seit über 30 Jahren führt er auf seine eigene, münchnerische Art seine Wirtschaft. „Vor allem sein Auftreten hat so eine ­angenehme Bescheidenheit, genauso wie Löwenbräu-Wirt Wiggerl Hagn, der sich auch ganz schön was einbilden könnte, was er für München und die Münchner schon geleistet hat. Aber nie im Traum würde er auf die Idee kommen, überhaupt darüber zu reden.“

Die Selbstdarsteller

Die anderen echten Münchner der dritten Kategorie haben mit Herzog Franz außer der Heimatstadt München wenig gemeinsam: Es sind die echten Selbstdarsteller: „Die haben ihr Imperium, ihre eigene Bühne, und sie selber sind das ­Unternehmen, sind unverwechselbar, auf allen Festen zu Hause, sehr beliebt und populär wie im 19. Jahrhundert der Steyrer Hans: Helmut Fischer als Monaco Franze, Walter Sedlmayer, Rudolph Moshammer, Richard Süßmeier oder Sepp Krätz.“ Dr. Dering zählt als „geniales Beispiel“ für diese Gruppe auch Regine Sixt dazu, „die es mit ihrer Extrovertiertheit seit Jahren fertigbringt, ein ganzes Bierzelt mit reichen Münchnerinnen ohne ihre Männer vollzustopfen und ihnen für karitative Zwecke Tausende von Euros abzapft. Das erfordert eine Logistik, bei der ich sag: reife Leistung!“

Die Liebenswürdigsten

In der vierten Kategorie sind die meisten echten Münchnerinnen und Münchner versammelt: Sie erscheinen in keiner Zeitung und flimmern über keinen Bildschirm. Es sind die liebenswürdigsten echten Münchner, die Zigtausend Zua-groasten und geborenen Münchner, die ­einfach nur in ihre Stadt verliebt sind.

Trotz der typischen Wahnsinnspreise wollen sie nirgendwo anders wohnen und freuen sich jeden Tag aufs Neue, an einem der schönsten Plätze der Erde zu leben. Oder, wie Sigi Sommer einmal sagte: „München ist vielleicht nicht die schönste Stadt Deutschlands, aber ganz bestimmt die schönste Stadt der Welt.“

Die Zuagroastenstadt München

Aktuell ist jeder dritte Einwohner Münchens auch in unserer Stadt geboren. Wie setzen sich die Münchner altersmäßig zusammen? Hier steht’s:

Alter Gebürtige Münchner Anteil in der jew. Altersgruppe
Unter 6 Jahre 68 068 89,1 %
6 bis 17 Jahre 96 187 78,9 %
18 bis 44 Jahre 160 388 26,1 %
45 bis unter 64 Jahre 87 544 27,2 %
Über 65 Jahre 60 713 24, 6 %
Einwohner einst und jetzt
Einwohner 2012 1 410 741
Gebürtige Münchner 2012 472 900 33,5 %
Einwohner 1879 196 000
Gebürtige Münchner 1879 72 000 36,7 %

Quelle: Statistisches Jahrbuch Münchens, 2012 – „Das Bayerische Vaterland“, 1876

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Feuerwehreinsatz auf der Linie der S1
S-Bahn: Feuerwehreinsatz auf der Linie der S1
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 

Kommentare