Sie waren 69 Jahre verheiratet

Ehepaar stirbt innerhalb von elf Tagen

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Die Liebe ist stärker als Krieg: Fannerl († 91) und Franz Ettenhofer († 93)

Fannerl und Franz Ettenhofer haben geschafft, ­wovon andere Paare nur träumen können. 69 Jahre waren die beiden miteinander verheiratet, und nicht einmal der Tod konnte sie lange voneinander trennen.

Fannerl und Franz Ettenhofer haben geschafft, ­wovon andere Paare nur träumen können. 69 Jahre waren die beiden miteinander verheiratet, feierten ein Jubiläum nach dem anderen. Nicht einmal der Tod konnte sie lange voneinander trennen. Im November verstarb Fannerl Ettenhofer im Alter von 91 Jahren. Ihr Mann Franz (93) folgte ihr nur elf Tage später. Durch den Verlust seiner Frau hatte er jeglichen Lebensmut verloren.

Was von den Ettenhofers zurückbleibt, ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Sie beginnt in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Der junge Franz Ettenhofer wurde als Soldat in die Wehrmacht einberufen. 1942 musste der damals 23-Jährige seinen Arbeitsort Ulm in Schwaben verlassen und sich in München zum Dienst melden. Bevor sie in den Krieg zogen, blieben ihm und seinen Kameraden ein Abend zum Tanzen. In diesen letzten vergnügten Stunden lernte Franz sein Fannerl kennen.

Die damals 21-Jährige hatte es dem Soldaten sofort angetan. „Am nächsten Tag ist er zu ihrem Haus gelaufen, um sie nochmal zu sehen. Aber Fannerl war nicht da“, erzählt Neffe Anton Ettenhofer (67). Unverrichteter Dinge machte sich Franz mit seiner Einheit auf den Weg nach Jülich an die niederländische Grenze. Aber seine Bekanntschaft aus ­München wollte ihm auch dort nicht aus dem Kopf gehen. Er fasste sich ein Herz und schrieb ihr einen Brief.

Bald kam die Antwort seiner Herzensdame per Feldpost. Monatelang schickten die beiden Briefe quer durchs Land und lernten sich besser kennen. „In jedem Front­urlaub kam mein Onkel nach München, um meine Tante zu besuchen“, sagt Ettenhofer.

Das Paar hielt den Kontakt, als Franz zuerst nach Frankreich und dann nach Russland beordert wurde. 1943, mitten im Krieg an der Ostfront, wollte der junge Mann seine Liebste ganz für sich gewinnen. „Er hat ihr per Post einen Heiratsantrag gemacht. Auf die Antwort musste er sicher ewig warten“, so der Neffe. Der Postbote brachte schließlich gute Nachrichten in dunkelster Zeit: ein Ja von Fannerl.

Die Hochzeit mussten die Verlobten wegen des Krieges aufschieben. Aber ein eigentlich unglücklicher Umstand beschleunigte ihre Pläne: Franz wurde verwundet. Er kam ins Lazarett nach Augsburg, ließ sich nach München verlegen. Noch 1943 standen sie vor dem Traualtar.

Nach dem Krieg arbeitete Fannerl bei BMW und dem Kamerahersteller Linhof. Franz machte im Arbeitsamt Karriere. Am Wochenende besuchten sie oft die Verwandten in Schwaben. „Ich hatte den Eindruck, dass sie eine gute Beziehung miteinander führen“, erinnert sich Anton Ettenhofer. In den 70ern-Jahren gingen beide in Rente. Sie trafen sich oft mit Bekannten und reisten. „Am liebsten fuhren sie mit dem Auto nach Italien. Sie waren gern mobil“, erinnert sich der Neffe.

Vor rund 20 Jahren setzte bei den Ettenhofers langsam die Altersschwäche ein. „Sie haben sich dann gegenseitig versorgt und zusammengehalten. Fremde Hilfe nahmen sie selten an“, sagt Anton Ettenhofer. Bis zum Schluss lebten Franz und Fannerl in der eigenen Wohnung in Schwabing. „Ein Pflegeheim kam für sie nie in Frage. Sie haben sich versprochen, zuhause sterben zu dürfen.“

Ihr Versprechen haben sie gehalten. Am 17. November starb Fannerl Ettenhofer. Und Franz verlor seinen Lebensmut. Anton Ettenhofer hat seinen Onkel in dieser Zeit begleitet: „Er hat Tag und Nacht an seine Frau gedacht. Zum Essen mussten wir ihn fast nötigen.“ Kurz nach Fannerls Tod stürzte Franz Ettenhofer schwer. Von diesem Unfall hat er sich nicht mehr erholt. Am 28. November schlief er für immer ein. Jetzt ist er wieder mit seiner Frau vereint. Vergangene Woche wurden ihre Urnen auf dem Nordfriedhof beigesetzt.

Beate Winterer

Kann man wirklich an gebrochenem Herzen sterben?

Immer wieder hört man davon, dass Ehepartner kurz hintereinander sterben. „Das ist nicht ungewöhnlich“, sagt auch Psychotherapeut und Buchautor Dr. Paul Kochenstein. Aber kann man wirklich an gebrochenem Herzen sterben? „Indirekt ja“, so Kochenstein. Denn der Verlust eines geliebten Menschen kann eine reaktive Depression auslösen. Diese psychischen Probleme wirken sich früher oder später auf den Körper aus. Man wird krank.

„Bei älteren Menschen geht das besonders schnell, weil ihr Immunsystem schwächer ist“, sagt der Psychotherapeut. Was bei einer langjährigen Ehe noch dazu kommt: Die Partner sind häufig stark voneinander abhängig, können nicht mehr ohne den anderen. Wenn dann die eine Hälfte plötzlich wegbricht, verliert der verbliebene Partner oft den Lebensmut. „Und Lebenswille ist nötig, um weiterzuleben. Geht der verloren, beschleunigt das den Sterbeprozess“, erklärt Kochenstein.

Dennoch ist ein gebrochenes Herz kein Todesurteil. „Reaktive Depressionen lassen sich gut therapieren. Manchmal reichen einige Gespräche dafür.“

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