Ein Arzt packt aus: Warum ich Privatpatienten besser behandle

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„Ohne Privatpatienten könnte ich mir die Kassenpatienten gar nicht leisten.“

Lange Wartezeiten, schnelle Massen-Abfertigung, keine Zeit für wichtige Gespräche: Wer heute als Kassenpatient zum Arzt kommt, fühlt sich oft als Mensch zweiter Klasse.

Privat Versicherte können sich in vielen Praxen dagegen fühlen wie im medizinischen Schlaraffenland. Warum das so ist? Ein Münchner Mediziner packte gestern gegenüber der tz aus. Schonungslos redet er Klartext über die Zweiklassenmedizin in München. Einzige Bedingung: Wir dürfen seinen Namen (ist der Red. Bekannt) nicht veröffentlichen. Und das aus gutem Grund.

„Natürlich haben wir längst die Zweiklassenmedizin“, sagt Dr. X. „Aber wir Ärzte können kaum etwas dafür. Das derzeitige Abrechnungssystem zwingt uns dazu, Kassenpatienten wie billige Holzbank-Touristen zu behandeln. Natürlich bevorzuge ich meine Privatpatienten, wo immer ich kann. Denn ganz allein von ihnen lebe ich. Sie bekommen sofort einen Termin. Ich widme ihnen wesentlich mehr Zeit. Ich verschreibe ihnen bessere Medikamente und Therapien. Weil die Privatkassen dafür im Schnitt das Dreifache bezahlen wie die gesetzlichen Kassen. Wenn ich zu einem Privatpatienten nur Grüß Gott sage, habe ich allein dafür schon 50 Euro verdient. Und das bei jedem einzelnen Besuch. Für einen Kassenpatienten erhalte ich dafür nur 40 Euro. Die gelten aber für das ganze Quartal, egal, wie oft der Kassenpatient zu mir kommt. Die berühmten „notwendigen, wirtschaftlichen und zweckmäßigen“ Behandlungen bekomme ich nur zwei bis dreimal im Quartal bezahlt. Wenn also ein Kassenpatient zehnmal kommt, arbeite ich siebenmal völlig gratis. Eine reine Kassenpraxis rentiert sich heute nicht mehr. Die Kassenpatienten decken oft noch nicht mal die Unkosten für Miete, Ausstattung und Personal.

Der durchschnittliche Kassenarzt erwirtschaftet monatlich einen Gewinn von rund 8300 Euro brutto. Und das bei einer 60-Stunden-Woche. Davon gehen aber noch persönliche Versicherungen, Vorsorgeaufwendungen, Sozialleistungen und Steuern ab. Bleiben 3000 Euro netto.

Im Schnitt hat jeder Arzt etwa zehn Prozent Kassenpatienten. Ich persönlich habe doppelt so viele. Doch in München reicht das gerade mal zum Leben. Kassenpatienten müssen bei mir viele Leistungen aus eigener Tasche bezahlen, weil sie die gesetzlichen Kassen nicht mehr übernehmen. IGEL-Leistungen nennt man diese Untersuchungen und Therapien. Kassenpatienten müssen bei mir auch etwa vier Wochen auf einen Termin warten. Nur so kann ich mir genügend Zeit für meine Privatversicherten nehmen. Nur so kann ich mir mehrere und gut ausgebildete Helferinnen leisten. Nur so kann ich moderne Geräte anschaffen, die ja auch den Kassenpatienten zugute kommen. Hätte ich die vielen Privatpatienten nicht, müsste ich die Hälfte meiner Helferinnen entlassen. Und zur Untersuchung ein altes, gebrauchtes Ultraschallgerät billlig bei ebay ersteigern. Das tun tatsächlich manche Kollegen.

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Zweiklassenmedizin ist Alltag in den Arztpraxen

Viele Ärzte achten heute schon darauf, möglichst viele Privat- und möglichst wenige Kassenpatienten zu behandeln. Ich kenne einen Studienkollegen, der seine Praxis absichtlich nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten Stock eines Hauses ohne Aufzug eröffnet hat, weil ihm dadurch viele ältere und teure Patienten erspart bleiben.

Kassenpatienten warten länger

Eine Studie der Uni Köln belegt: Kassenpatienten warten meistens länger als Privatversicherte auf einen Termin. Wie man sich dagegen wehren kann erfahren Sie von Julia Scharf und Michel Marcolesco.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich überhaupt noch Kassenpatienten annehme. Der Grund ist ganz simpel. Ich bin Arzt geworden, um anderen Menschen zu helfen. Eine reine Privatpraxis zu führen, so wie es immer mehr Kollegen tun, halte ich für moralisch verwerflich. Schauen Sie mal in die gelben Seiten, wie viele Privatpraxen da inserieren. Diese Kollegen stehlen sich aus der Verantwortung für die Allgemeinheit und übertragen diese auf die übrigen Ärzte. Das ist nicht okay. Lieber eine Zweiklassen-Praxis als gar keine Kassenpraxis.“

Michael Timm

Quelle: tz

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