Die Grammatik des Lebens

Ein Jahr Integrationskurs: Wie haben sich die Teilnehmer entwickelt?

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Der Treffam-Integrationskurs 2016/17. Stehend (v. li.): Hamdia (Togo), Alaa (Irak), Sidra (Pakistan), Natiya (Griechenland), Valentina (Ukraine), Pau Lan (Malaysia), Lehrerin Dagmara Zorn, Amal (Irak), Rosa (Tschetschenien), Sabah (Irak). Sitzend (v. li.): Suzana (Bosnien), Maria (Kolumbien), Stella (Griechenland), Nazarin (Irak), Kanyakorn (Thailand). 

In München pauken jährlich tausende Ausländer in Integrationskursen. Es geht um Grammatik – und um Politik. Wir waren dabei und haben gesehen, welche Fortschritte in einem Jahr möglich sind.

Am Anfang waren die Wörter. „Die Verkäuferin ist freundlich“, sagt die Lehrerin. „Was bedeutet ,freundlich‘?“, fragt sie. Hamdia aus Togo überlegt und sagt: „,Freundlich‘ bedeutet: gute Frau.“ Alle Teilnehmerinnen des Integrationskurses lachen über diese sympathische Erklärung.

Das war im Mai 2016, die Stimmung war gut im „Treffpunkt Familie International“, kurz Treffam, an der Tübinger Straße in Sendling-Westpark. Seither sind 900 Kursstunden vergangen. Im Juni 2017 ist die Stimmung immer noch gut, wenn auch angespannt: An diesem Freitag und Samstag finden die Deutschprüfungen statt, die den Teilnehmerinnen das ersehnte Zertifikat bescheren sollen.

Treffam ist eine dieser Einrichtungen, die Münchens Ruf als Willkommenshauptstadt festigen. Ein Knotenpunkt im dichten Netz, das Zuwanderer auffängt und ihr neues Leben abfedert. Treffam, das zur Inneren Mission gehört und von der Stadt gefördert wird, entstand 1981 als türkisch-griechisches Mütterzentrum. Heute hat es viele Angebote wie Müttercafé oder Migrationsberatung – und Integrationskurse. Die Besonderheit: Während Mama Deutsch lernt, werden die null- bis sechsjährigen Kinder betreut. Eine Rarität in München. So treffen sich hier Mütter aus allen Länder mit vielerlei Migrations- und Bildungshintergründen. Und alle lernen erst mal, was man im Supermarkt einkaufen kann.

Trotz der entspannten Lernsituation ist kaum vorstellbar, wie sich diese schwere Sprache in einem Jahr so gut lernen lässt, dass man damit nicht nur einkaufen, sondern arbeiten gehen kann. Im Mai 2016 scheitern viele Frauen bereits an der Frage, ob es der, die, das oder ein Mineralwasser heißt. Bundesweit falle fast jeder zweite Zuwanderer durch die Deutschprüfung, berichtete jüngst der Deutschlandfunk, wobei er sich auf Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bezog. Das Bamf finanziert und beaufsichtigt die Kurse, die von örtlichen Bildungsträgern durchgeführt werden. Teilnahmeberechtigt sind Ausländer mit Bleibeperspektive, teilweise müssen sie einen Betrag zuzahlen.

Ziel der Frauen: ein B1-Zertifikat. Dieses ist beispielsweise eine Voraussetzung für ein dauerhaftes Bleiberecht. Doch für vieles reicht B1 noch nicht: „Damit kann man verstehen, wie eine Bewerbung aufgebaut ist“, sagt Treffam-Leiterin Sandra Ebert. „Um eine zu schreiben, braucht es meist noch einen Kurs für das Niveau B2.“ Diese seien sehr gefragt. Treffam würde gern einen mit Kinderbetreuung anbieten, doch das Ausschreibeverfahren des Bamf ist kompliziert.

Im Juni 2017 ist nach 600 Stunden Deutsch nun der Orientierungskurs dran: deutsche Politik, westliche Werte. Die meisten Frauen sind dabeigeblieben. Dieselben, die sich vor einem Jahr mit einfachsten Dialogen abmühten, diskutieren jetzt über Grundrechte: „Gibt es Freizügigkeit nur mit deutschem Pass?“, fragt Natiya aus Griechenland. Nein, entscheidend sei der Aufenthaltsstatus, sagt Lehrerin Dagmara Zorn. Dann fragt sie, ob es Religionsfreiheit auch im Irak gebe: „Ja“, beteuert Nazarin, „es gibt keine Diskriminierung wegen Religion. ISIS (der Islamische Staat, d. Red.) ist etwas anderes.“ Darüber, dass hierzulande niemand wegen seiner Herkunft benachteiligt werden dürfe, haben sie laut Zorn öfter gesprochen. Es gehe nicht um rechtliche Begriffe, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen. Erfahrungsgemäß bestünden bei ihr etwa zwei Drittel die Prüfung, die schriftlichen Tests sind bundeseinheitlich. Und was machen die, die durchfallen? Manche wiederholten die Prüfung, sagt Zorn, andere tauchten nicht mehr auf.

Und was wollen die Kursteilnehmerinnen in Zukunft machen? Einige sagen: B1 schaffen und dann mal sehen. Andere haben klare Vorstellungen: „Ich will als Apothekerin arbeiten“, sagt Natiya. Suzana aus Bosnien möchte sich zur Kinderpflegerin ausbilden lassen. Sabah aus dem Irak ist Schneiderin, Kanyakorn aus Thailand hat ein Kosmetikgeschäft geführt, Pau Lan aus Malaysia sagt: „Hauptsache arbeiten.“

Und dann reden sie sich die Köpfe heiß: was sie an München mögen oder nicht verstehen. „Viele Leute sind komisch, ein bisschen kalt“, sagt Natiya. „Sie drücken ihre Gefühle nicht aus.“ Befremdlich finde sie, Socken in Sandalen zu tragen. Pünktlichkeit sei stressig, aber gut, findet Suzana. Und Stella finde gut, „dass Frau und Frau oder Mann und Mann hier Hand in Hand gehen können. Oder mit blauen Haaren. Das ist alles erlaubt, das ist gut“. Ein gutes Stück Grammatik des deutschen Lebens haben sie auch ohne Kurs längst verstanden.

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