Ein Osterfest mit zwei Toten

Die Schüsse auf Rudi Dutschke durch den Münchner Attentäter Josef Bachmann (23) am Gründonnerstag 1968 in Berlin schlugen auch in München ein – mit tödlichen Konsequenzen.

Der heutige Oberbürgermeister und damalige Studenten-Reporter der Süddeutschen Zeitung, Christian Ude (60), sagt heute: „Es war eine Tragödie, dass ausgerechnet in der Spaß-Hochburg der 68er-Bewegung, nämlich München, ein derartiges Desaster stattfand.“

Das Desaster begann bereits am späten Abend des Gründonnerstags. Nach dem Bekanntwerden der Nachricht des Attentats auf Dutschke zogen kurz nach Mitternacht rund 250 Demonstranten vor das „Buchgewerbehaus“ in der Schellingstraße, wo die Redaktion der Münchner Bild-Zeitung und die Druckerei des Springer-Verlags ihren Sitz hatten. Mit der skandierten Parole „Enteignet Springer!“ wurde die Redaktion, die nur noch von einem Pförtner bewacht wurde, gestürmt.

Der APO-Aktivist Heinz Koderer (heute 68) berichtet: „Das Haus war völlig unbewacht und der Pförtner zog sich in seine Loge zurück. Wir rasten die Treppe hinauf in die Bild-Redaktion und warfen alles, was auf den Tischen lag, vor allem Zeitungen, Presseerklärungen oder Notizblöcke aus dem Fenster. Bevor die Polizei kam, waren wir wieder weg und genehmigten uns im Szene-Lokal ,Chez Margot’ in der Nordendstraße noch ein Bier.“Am Karfreitag gingen die Proteste weiter. Die Münchner APO trommelte rund 1500 Sympathisanten zusammen, um die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern. Ein Wasserwerfer-Einsatz der Münchner Polizei stoppte das Vorhaben – die Protestierer wurden (im wahrsten Sinne des Wortes) weggeschwemmt.

Am Karsamstag und am Ostersonntag blieb es ruhig in München, aber am Ostermontag (15. April 1968) wurde es richtig heftig. Nach der Schlusskundgebung des traditionellen „Ostermarsches“, es ging diesmal gegen die drohenden Notstandsgesetze, zogen über 2000 Demonstranten geschlossen vor das „Buchgewerbehaus“ und errichteten vor der Lieferwagen-Ausfahrt an der Barerstraße die ersten (und während der gesamten 68er Bewegung in München übrigens die einzigen) Barrikaden, um die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern.

Die Münchner Polizei war mit einem Großaufgebot angetreten – doch die von Polizeipräsident Manfred Schreiber propagierte Linie der „Deeskalation“ (also der Beruhigung) versagte auf der ganzen Linie. Nach Knüppeleinsätzen und rigiden Angriffen speziell auf Frauen, die an ihren langen Haaren buchstäblich herausgezogen wurden, flogen die ersten Steine. Denn in der Nähe des „Buchgewerbehauses“ war eine Baustelle – mit Pflastersteinen und Holzbohlen.

Gegen 21 Uhr eskalierte die Situation ins Unbegreifliche. Zwei junge Männer lagen fast zeitgleich blutüberströmt auf der Barerstraße:

Der Pressefotograf Klaus Frings (32)

und der Student Rüdiger Schreck (27).

Frings war für die internationale Nachrichtenagentur AP unterwegs und ganz vorne gestanden, Rüdiger Schreck hatte sich aus Protest gegen die Dutschke-Hetze der Bild-Zeitung spontan zur Teilnahme an der Anti-Springer-Aktion entschlossen.

Beide starben kurz nach ihrer Einlieferung in Münchner Krankenhäuser. Und für beide lieferten Polizei und Justiz sofort die Todesursache hinterher: „Gestorben durch Einwirkung stumpfer Gegenstände wie Steine oder Holzbohlen, geworfen aus den Reihen der Demonstranten.“

Nur: Beweise wurden nie erbracht. Alle Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Warum? Schweigen bis heute. Der Bruder des tödlich verletzten Rüdiger Schreck, der Wirtschaftsingenieur Reinhard Schreck (66), versucht seit 40 Jahren, Klarheit in die Geschichte zu bekommen. Vergeblich. Der Journalist Günter Wallraff, ein detektivischer Aufklärer, ist bis heute davon überzeugt, dass die Polizei – vorsichtig formuliert – an den Todesfällen, zumindest im Fall Rüdiger Schreck, nicht schuldlos war (siehe Info-Kasten auf der nächsten Seite).

Wie auch immer: Die Außerparlamentarische Opposition (APO) erlebte in München mit der „Enteignet Springer“-Kampagne ein politisches Waterloo. Zwei Tote – das waren zwei zuviel. Musste das sein? War der Protest richtig? Jetzt kamen Zweifel auf.

Linkbox

München wie es swingt und strippt

Von den Schwabinger Krawallen... hin zur Revolte

Sex, Spaß und Rebellion – eine Stadt in Bewegung

Der Attentäter kam aus München

Die Fraktionierung der APO begann: in Reformer, die jede Gewalt ablehnten und in Revolutionäre, die den Umsturz der Gesellschaft wollten.

Der Spaß der Auflehnung, die Provokation der Spießergesellschaft – am Ostermontag war in München eine Utopie untergegangen. Ohne eine österliche Wiederauferstehung.

Rudolf Schröck

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

„Kir Royal“-Star gestorben: „Sie hatte ständig Angst zu ersticken“
„Kir Royal“-Star gestorben: „Sie hatte ständig Angst zu ersticken“
Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße
Promi-Künstler tot: Hunderttausende Münchner sehen jeden Tag seine Werke
Promi-Künstler tot: Hunderttausende Münchner sehen jeden Tag seine Werke

Kommentare