„Habe ich mich wie ein Ungeheuer gefühlt“

Ein Unfall in München verunstaltete diese Frau auf grausame Weise

Ein Feuer hat Nadka Ivanovas Gesicht für immer mit Narben gezeichnet. Doch die Bulgarin will sich ins Leben zurückkämpfen.

München - „Als ich mich das erste Mal gesehen habe, habe ich mich wie ein Ungeheuer gefühlt.“ Brandwunden im Gesicht, ein Augenlid starr. Auf den Tag ein Jahr nach ihrem grausamen Unfall spricht Nadka Ivanova darüber, wie ihr Zimmer in Flammen stand. Wie sie selbst in Flammen stand. Die Narben raubten ihr zwar nicht den Lebensmut, aber sie machten aus einer selbstständigen Frau eine Hilfsbedürftige.

Nadka Ivanova, 55 Jahre alt, geboren in Bulgarien, verunglückt in München. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man im vergleichsweise sehr guten deutschen Gesundheitssystem durchs Raster fällt. Schätzungsweise 80 000 bis mehrere 100 000 Menschen in der Bundesrepublik können drastische Probleme bekommen, wenn sie krank werden. Dazu zählen Obdachlose, verschuldete Krankenversicherte, aber auch Bürger aus anderen Staaten der Europäischen Union, die in Deutschland einen Job suchen. In der Regel werden Letztere nur in Notfällen behandelt.

Dann geht es beispielsweise darum, akute Schmerzen zu lindern. Alles darüber hinaus - selbst Operationen, um die Funktion eines Augenlids wiederherzustellen - müsste selbst bezahlt werden. Von kosmetischen Eingriffen oder Reha-Maßnahmen ganz zu schweigen. Es drohen also für Menschen, die eh schon wenig Geld haben, Schulden über Schulden.

Für die arbeitssuchenden EU-Bürger gibt es spezielle gesetzliche Regeln, die 2016 - zwei Tage vor Heiligabend - verschärft wurden. Kritiker gehen dagegen auf die Barrikaden.

GESUNDHEITSVERSORGUNG ALS GLÜCKSSPIEL?

Nadka Ivanonvas Geschichte in Deutschland beginnt vor rund anderthalb Jahren: Da kommt die Bulgarin nach München, um Arbeit zu suchen. Ihr Bruder ist mit seiner Familie schon da. Als Roma wird Ivanova in der Heimat diskriminiert. „Wenn Leute eingestellt werden, achtet man sehr auf das Aussehen“, übersetzt eine Dolmetscherin ihre Erzählung.

Schnell findet Ivanova einen Job als Reinigungskraft in einem Restaurant in München. Angemeldet, alles korrekt, versichert sie. Von den 450 Euro muss sie das Meiste für die Miete ausgeben. Weitere Hilfsgelder will sie nicht. Das betont sie immer wieder. Nadka Ivanova möchte auf eigenen Beinen stehen, nicht abhängig sein von anderen, vom Staat.

Am 17. Januar 2017 kommt sie morgens früh nach Hause, es ist kalt. Sie schaltet einen gasbetriebenen Wärmestrahler in ihrem Zimmer ein. Gegen 8.40 Uhr entzündet sich ein Feuer. Nadka Ivanova verliert kurz das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, steht der Raum schon in Flammen. Ihrer Erinnerung nach betet sie zu Gott.

Von den Flammen gezeichnet: Nadka Ivanova.

Während die 55-Jährige das erzählt, hält sie sich ihre Hände mit gespreizten Fingern vor die Augen. „Ich habe nicht gemerkt, dass ich verbannt war. Ich stand unter Schock.“ Es folgt eine Explosion, vermutlich ging eine der Gasflaschen hoch. Sie sprengt ein Loch in die Wand, durch das Ivanova sich ins Freie retten kann.

„Die Frau wollte wohl vor dem Feuer flüchten und fuhr offenbar unter Schock stehend mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof“, heißt es im Polizeibericht über den Vorfall. Ein junger Mann habe sich um sie gekümmert, sie zu einer der Bänke am Gleis gebracht, sagt Ivanova.

„Dort kollabierte sie am Bahnsteig und wurde notärztlich versorgt. Sie befindet sich in akuter Lebensgefahr und musste in einer Spezialklinik ins künstliche Koma versetzt werden“, so hält es die Polizei fest.

DER SPÄTE SCHOCK

Drei Monate später wacht Nadka Ivanova im Krankenhaus auf. Ihr Bruder erzählt ihr, dass er sie identifizieren musste. Vom Feuer gezeichnet, die Haare verbrannt, an zig Geräte angeschlossen, habe er sie erst nicht erkannt. Es war eine Tätowierung am Arm, die ihm half: Zdravka stand da - der Name der toten Schwester. Ivanova krempelt den rechten Pulloverärmel hoch. Heute ist nur unleserliche Tinte zu sehen.

„Meine ersten Versuche zu sprechen, waren nicht sehr erfolgreich“, schildert Ivanova. „Ich konnte keine ganzen Sätze sprechen.“ Erst als Ärzte die Verbände an den Armen wechseln, sieht sie die Brandwunden. „Aber ich habe nicht gewusst, dass ich im Gesicht verbrannt bin.“

Das erfährt sie erst später beim Blick in den Spiegel. „Das war so ein Schock für mich. Ich hab' gedacht, das bin nicht ich“, sagt Nadka Ivanova. In diesem Moment glänzen Tränen in ihren Augen. Die Frau, die die ganze Zeit so stark wirkte, mit kräftiger, dunkler, rauer Stimme ihre Lebensgeschichte erzählte, ihre Worte mit Gesten untermalte, wird auf einmal leiser, ruhiger, traurig.

Ihr rechtes Augenlid schließt seit dem Unfall nicht mehr. Einige Brandwunden am Körper sind so heftig, dass Teile der Knochen zu sehen sind. Die Hände sind so stark betroffen, dass sie nicht greifen, nichts festhalten kann. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich es schaffe.“

FOLGEN DER GESETZESVERSCHÄRFUNG

Weil alle Unterlagen - Anmeldungen, Steuernummer, Rechnungen - verbrannt sind, kann sie nicht beweisen, wer sie ist. „Die Ärzte haben geglaubt, dass ich illegal hier bin.“ Und weil sie vor der Brandkatastrophe nur geringfügig beschäftigt war, nicht aber Sozialleistungen beantragt hatte, ist Ivanova in Deutschland nicht krankenversichert. Und obwohl sie EU-Bürgerin ist, gelten für sie die seit Ende 2016 strengeren Regeln für die Gesundheitsversorgung.

Arbeitssuchende etwa aus Bulgarien, die seit weniger als fünf Jahren in Deutschland leben, haben binnen zwei Jahren nur noch höchstens einen Monat Anspruch auf Gesundheitsversorgung. Und das auch bloß bei akuten Erkrankungen und Schmerzen sowie Schwangerschaften. Alle Behandlungen, alle Medikamente darüber hinaus, die für deutsche Krankenversicherte übernommen würden, müssten selbst gezahlt werden. Je krasser die Verletzungen, umso höher im Zweifel die Schuldenberge.

Das Bundessozialministerium - damals noch unter Regie von Andrea Nahles (SPD) - begründet die Gesetzesverschärfung mit Entscheidungen der höchsten Gerichte in Deutschland und der EU. Wer nur zur Jobsuche hier ist, könne von der Sozialhilfe ausgeschlossen werden.

Der Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg von den Linken findet, die Regierung mache es den Arbeitslosen in der EU so schwer wie möglich: „Die Abschottungsstrategen um Frau Nahles haben ganze Arbeit geleistet. Die Menschen dürfen so lange nicht zum Arzt, bis sie gehen und nicht wiederkommen.“ Er findet: „Die Angst vor armen Menschen aus der EU, die nach Deutschland kommen, ist hysterisch.“

HERRSCHT NUN RECHTSSICHERHEIT?

Doch es gibt noch mehr Punkte, an denen sich Kritiker stoßen. Da sind zum Beispiel die schwammigen Formulierungen im Gesetzestext - wann etwa ist eine Erkrankung „akut“? Die Bundesregierung schiebe die Verantwortung für kranke Menschen am Rande der Gesellschaft auf Kommunen, Gerichte, Ärzte und Krankenhäuser ab, sagte François De Keersmaeker vom Verein Ärzte der Welt, der sich wie viele Organisationen um Notleidende ohne genug Absicherung kümmert.

Auch könnten Krankenhäuser und Ärzte EU-Bürger abweisen, so befürchtet es die Linke. Oder Betroffene nehmen aus Angst vor hohen Kosten gar nicht erst Hilfe in Anspruch. Die Bundesregierung sah das Problem nicht. Sie antwortete, es müsse eben geklärt werden, ob der Patient krankenversichert sei oder wer für die Kosten aufkomme.

Das ist aber in der Praxis gar nicht so einfach, wie eine Sprecherin der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärt. Krankenhäuser hätten nicht dieselben Möglichkeiten wie Behörden. Strittig seien zudem Fälle, in denen chronische Krankheiten drohten akut zu werden. So springen Krankenhäuser zwar immer wieder als Nothelfer ein - blieben aber dann pro Jahr auf rund 50 Millionen Euro Kosten dafür sitzen.

HELFER HABEN MEHR ZU TUN

Immer häufiger engagieren sich daher Hilfsorganisationen wie der Verein Ärzte der Welt. In den meisten deutschen Städten gibt es solche Anlaufstellen und Unterstützer. Auf ihnen laste nun eine noch größere Verantwortung, sagt Referent Cevat Kara von Ärzte der Welt.

Auch Nadka Ivanova wendet sich in ihrer Not an den Verein. Die Klinik hatte sie verlassen - auch aus Angst vor ins Horrende steigenden Kosten. Nun kümmern sich Ärzte ehrenamtlich um das Brandopfer. Das Team um Kara organisiert einen Mediziner, der das Augenlid operiert. Sie bekommt Physiotherapie und Cremes, damit Narben gut verheilen. Das hilft: Inzwischen kann Nadka Ivanova ihre Hände wieder bewegen und zupacken - so wie es ihre energische Art ist.

Nadka Ivanova hilft auch ihr Gottvertrauen. „Ich bin sehr gläubig, bete jeden Abend und Morgen zu Gott.“ Sie sagt: „Die Leute müssen eines kapieren: Die Hoffnung muss da sein, die gibt auch Kraft.“

HAPPY END?

Dass sie ihre Hände wieder bewegen und somit wieder arbeiten und finanziell auf eigenen Beinen stehen kann, sei ihr größtes Anliegen gewesen. „Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen“, sagt Ivanova mit einem Strahlen im Gesicht. „Jetzt möchte ich nicht mehr abhängig von irgend jemandem sein.“ Seit Anfang dieses Jahres hat Nadka Ivanova auch wieder einen Job: Sie putzt in einem Seniorenheim. „Die alten Menschen wollen sich mit mir unterhalten, aber ich verstehe sie nicht“, sagt die Bulgarin. „Jetzt ist es Zeit, Deutsch zu lernen.“

Rubriklistenbild: © dpa / Sven Hoppe

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