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Eine Nacht im besetzten Audimax

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Schlafen, wo andere sonst studieren: Das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität wird nach wie vor besetzt. Foto: Klaus Haag

München - Seit dem 11. November besetzen Studenten das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Jeden Abend diskutieren sie im Plenum über ihre Lage, über Forderungen an die Politik und darüber, wie es weitergehen soll. Das Protokoll einer kurzen Nacht.

18.07 Uhr: Auch Besetzer brauchen mal eine kurze Auszeit, das Plenum muss heute warten. Ein Florian Schroeder hat sich angekündigt, mit einem Kabarettprogramm „frei nach Gerhard Polt“, wie es an der Tür zum Audimax heißt – „mit Impressionen aus vier Wochen Münchner Besetzungsgeschichte“. Dazu spielt eine Bluegrass-Kapelle.

19.24 Uhr: Es ist nicht einfach, die Gepflogenheiten im Plenum zu durchschauen. Während da vorne einer redet, fuchteln die anderen mit den Armen durch die Luft. Händewedeln bedeutet Zustimmung, die Arme zu einem X kreuzen Ablehnung. Und wer ein imaginäres Fenster in die Luft malt, fordert den Redner auf, doch bitteschön beim Thema zu bleiben. „Ab und zu wünsche ich mir mehr Fenster“, sagt eine Studentin in der vorletzten Bank.

Bilder von Studenten-Demos in München

19.55 Uhr: Das Plenum ist eine basisdemokratische Veranstaltung. Jeder, der etwas beizutragen hat, darf sich auf die Redeliste setzen lassen und seine Meinung kundtun. Das kann schon mal ausarten. Eine schmächtige Studentin tritt ans Rednerpult, sie nennt weder Name noch Studienfach – man kennt sich. „Es ist erschreckend, wie wenige bis jetzt wissen, wie weittragend das hier alles ist“, sagt sie. Sie schmettert es mit einer Inbrunst ins Mikrofon, dass auch die aufschauen, die gerade an ihren Laptops sitzen und ihr Facebook-Profil aktualisieren. Es geht gerade um die Frage, ob die Besetzer an der Besetzung festhalten sollen. Und darum, wie sie aus einem Rückzug „möglichst viel Profit“ ziehen könnten. „Das Audimax ist nicht die Bewegung selbst“, sagt einer. „Je länger wir bleiben, desto länger ist der Huber angepisst“, der nächste. Andere argumentieren, man dürfe nicht aufgeben, bis sich was getan habe. Es gibt Vorschläge, aber keinen Beschluss. Die „Bewegung“ ist gespalten. Viele Studenten stehen offenbar nicht mehr hinter den Besetzern. Heute sitzen 100 von ihnen im Audimax. „Am Donnerstag war es noch bumsvoll“, sagt der Geschichtsstudent Florian. „Doch damals wurde sehr hitzig debattiert, die Redeleitung hat Beiträge einfach übergangen. Das haben einige sehr persönlich genommen. Seitdem kommen sie nicht mehr.“ Nach vier Wochen gibt es immer noch keine funktionierende Geschäftsordnung.

20.54 Uhr: Zwei Männer in schwarzen Uniformen treten unauffällig von hinten ins Audimax. Die Polizei? Wird geräumt? Nein, es sind zwei private Sicherheitsmänner. Sie sollen aufpassen, dass die Besetzer nichts kaputt machen. Heute sind sie arbeitslos.

21.21 Uhr: Pause. Die Protokollantin sucht nach einem Ersatz, sie mache das schon seit mehreren Tagen, sagt sie. Kurzer Besuch in der „Volxküche“: Die Studenten haben Couscous gekocht, doch die Soße ist aus. Wobei: Die Erdnusscreme passt ganz gut, oder? Ein Besetzer hackt Knoblauch für die nächste Ration. Bier kostet 1,50 Euro.

21.46 Uhr: Janina aus Landshut hätte gute Gründe, die Besetzer zu boykottieren. Sie studiert Betriebswirtschaftslehre im ersten Semester, fünf ihrer Vorlesungen finden seit vier Wochen nicht mehr im Audimax statt. Doch sie hockt trotzdem hier, wenn auch nicht jeden Tag. Es sei „wichtig, dass der Protest weitergeht“.

21.59 Uhr: Vorne am Rednerpult ist es laut geworden. „Wir müssen den Huber hier ins Plenum einladen“, ruft einer, der von 1967 bis 1972 an der LMU studiert hat. „Ich werde dem Huber schon einheizen“, brüllt er hinterher. Je lauter er wird, desto mehr merkt man, dass er lallt.

23.01 Uhr: Student Felix ist so etwas wie der Anführer im Audimax. Sein Leben steht seit vier Wochen auf Pause. Er sei „immer hier“, sagt er. Weil er daran glaubt, etwas bewegen zu können. Er nippt an seinem Bier und stellt seine neue Idee vor: Ein Bus soll die Besetzer zur Kultusministerkonferenz nach Bonn bringen. „Wir werden es denen zeigen“, sagt er und rückt seine Rastazöpfe zurecht. Nicht mal ein halbes Dutzend Besetzer hebt die Hand, als er fragt, wer mit will. Felix meint, er brauche dann wohl doch keinen zweiten Bus zu reservieren.

23.07 Uhr: Ein erster konkreter Beschluss: Das Plenum wählt drei Studenten, die mit LMU-Präsident Bernd Huber verhandeln sollen, wenn er denn verhandeln will. Es beschließt ferner, die Gespräche aufzeichnen zu wollen, damit das Plenum darüber befinden kann – falls möglich.

0.24 Uhr: Drüben, auf der anderen Seite des Audimax, hat jemand seinen Kopf auf die Bank gelegt. 50 Besetzer sind noch da, bald fährt die letzte U-Bahn. Die offene Debatte driftet ab, auch weil viele einfach nicht mehr zuhören können – nach über fünf Stunden.

1.20 Uhr: Das Plenum ist vorbei. Aus den Boxen dröhnt Punk-Musik von den „Ärzten“. Die IT-Techniker tanzen Pogo – endlich mal ausspannen. Den ganzen Abend haben sie die Tagesordnung aktualisiert, das Plenum live ins Netz gestellt, nach den Mikrofonen geschaut. Der Informatikstudent Franz, 22, lange blonde Haare, langer Bart, hängt seit dem 11. November immer wieder hier rum. „Es dauert einfach alles bei uns“, sagt er. Es gebe im Prinzip zwei Fraktionen, eine gemäßigte und eine radikalere. Das führe letztlich zu unendlichen Diskussionen.

2.01 Uhr: Franz’ Computer dudelt eine Version von „Stille Nacht“, es klingt wie eine alte Videospiel-Melodie. Die Stimmung ist gelöst, die Besetzer prosten sich zu.

3.54 Uhr: Licht aus. Die Studenten, übrig sind etwa ein Dutzend, putzen sich die Zähne auf dem Uni-Klo und hüllen sich in ihre Schlafsäcke.

8.05 Uhr: Die Nacht verläuft ruhig, die Polizei räumt nicht. Einige Studenten stecken ihre Nasen in das noch dunkle Audimax: Es hat sich nichts getan. Am Infostand sitzt IT-Mann Franz schon wieder am Rechner. Er hat die Nacht durchgemacht, wieder einmal.

Protokoll: Thierry Backes

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