Ein Engel mit 90

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Burgl Kohler unterstützt die dementen Bewohner der Station 1b beim Abendessen, spricht mit ihnen und nimmt sie auch mal in den Arm. Denn: Alzheimer-Patienten vergessen fast alles, aber nicht ihre Gefühle!

München - Hunderte von Orden, Auszeichnungen, Ehrungen werden jedes Jahr in Bayern vergeben – aber wenn man Burgl Kohler trifft, dann fragt man sich, wer die Vorschlagslisten für diese Verleihungen zusammenstellt.

Denn wenn jemand einen Orden ­verdient hätte, dann ist es diese Frau. Seit zehn ­Jahren unterstützt die 90-Jährige (!) jeden Tag das Pflegeteam der Station 1b im Altenheim St. Rita in Oberhaching.

Pünktlich um 17.30 Uhr ist sie zum Abendessen da, um Senioren, die an schwerer Demenz erkrankt sind, bei ihrer Brotzeit zu helfen, mit ihnen zu reden oder sie einfach mal in den Arm zu nehmen. Es gibt Tage, da fällt ihr das nicht leicht – auch weil manchmal Knochen und Gelenke schmerzen – „aber man darf nicht nachlassen“, erklärt sie das Geheimnis ihrer Ausdauer. Der tz erzählte sie von ihrem erfüllten Leben und wie sie zu ihrer späten ehrenamtlichen Berufung kam.

Ihre Geschichte beginnt auf einem Hof im bayerisch-schwäbischen Schönenberg im Kreis Günzburg. Hier wächst die kleine Burgl als jüngstes von neun Geschwistern auf. Früh muss sie im Stall mithelfen – und während des Krieges, als die Brüder an der Front müssen, schultert sie die schwere Arbeitslast fast allein. Doch der Krieg beschert ihr auch die große Liebe ihres Lebens, als ihr Bruder Sepp seinen Kameraden, den Hans aus München, mit auf den Hof bringt.

Bald ist die Burgl schwanger. Aber was heißt das damals schon, die Arbeit macht sich ja nicht von alleine. Noch am Tag der Geburt von Tochter Hedi lädt sie mit dem Knecht Mist auf, melkt die Kühe – „und dann bin ich mit dem Radl zur Entbindung nach Jettingen gefahren!“

Nach Kriegsende zieht die kleine Familie in die Rosenheimer Straße nach München. Weil jeder Pfennig benötigt wird, muss auch die junge Mutter arbeiten. Erst in einer Schneiderei, später bei Philips, dann im ­Deutschen Museum, und schließlich landet die Burgl in der Politik! 21 Jahre lang kümmert sie sich im Landtag um die „Bodenkosmetik“, wie sie ihre Arbeit als Putzfrau liebevoll umschreibt. „I bin in jedes Büro neikomma“, erzählt sie. Und natürlich hat sie auch Franz Josef Strauß erlebt. Beeindruckt hat sie aber vor allem einer seiner Vorgänger. „Der alte Goppel. Der war ein netter und immer sehr höflicher Mensch.“

Als Burgl Kohler 1981 mit 60 in Rente geht, wohnt sie mit ihrem Mann schon in Deisenhofen. Endlich ist Zeit, ein bisserl das Leben zu genießen. Mit ihrem Hans reist sie viel. Mit dem Bus geht es bis ans Nordkap. Aber dann verändert sich der Hans, der zehn Jahre älter ist als seine Burgl, allmählich. Erst vergisst er einfach ein paar Dinge, dann verwechselt er ab und zu die Tabletten. „So ist das halt im Alter“, denkt sich die Burgl, aber irgendwann wird ihr klar, dass sich da ein Drama vor ihren Augen abspielt. Schließlich lässt es sich nicht mehr leugnen: Ihr geliebter Mann leidet an Alzheimer.

Liebevoll umsorgt ihn seine Burgl – bis die Nachbarn sie ansprechen: Die Kinder haben vor ihrem Hans Angst ! Der Burgl zerreißt es das Herz: „Mein Mann hat Kinder immer geliebt, aber die Krankheit hat ihn manchmal richtig böse und zornig gemacht.“

Es ist ein schwerer Gang, als ihr Hans ins Caritas-Altenheim St. Rita in Oberhaching umzieht. Aber in dieser geschützten Umgebung hat sie die Möglichkeit, noch einmal eine ganz neue Beziehung zu ihm aufzubauen. „Wir haben noch viele ­schöne Stunden erlebt“, beschreibt sie im Rückblick die Zeit bis zum Tod ihres Mannes im Jahr 2001. „Drei Tage, bevor er gestorben ist, hat er am Fasching sogar noch einmal getanzt …“

Und nun?

Ein Jahr lang hat Burgl Kohler ihren Mann jeden Tag besucht. Dabei sind ihr auch die anderen ­Bewohner der Station ans Herz gewachsen. Sie jetzt nicht mehr zu besuchen, das bringt Burgl Kohler nicht übers Herz. Also steht sie weiterhin jeden Abend vor der Tür zur Station 1b.

Inzwischen hat sie es nicht mehr weit. Nach einem Sturz mit dem Radl ist sie vor drei Jahren in St. Rita eingezogen – ohne pflegebedürftig zu sein, wie sie stolz betont. Jetzt muss sie nur kurz über den Gang, dann ist sie da.

In den zehn Jahren hat sie viel gelernt über Demenz und Alzheimer. Auch dass die Kranken fast alles vergessen – nur nicht die Gefühle. Im Rückblick würde sie ­deshalb heute vieles ­anders machen mit ihrem Hans. „Ich wollte ihn lange verändern, hab versucht, dass er dies oder das tut. Heute wüsste ich, dass man die Kranken einfach so akzeptieren muss, wie sie sind. Nur das hilft.“

Besuche auf der Station sind für Burgl Kohler oft ein Abenteuer. „Es ist auch schon vorgekommen, dass mich ein Kranker schlagen wollte, weil er sich bedroht fühlte. Aber inzwischen weiß ich, wie ich das zu nehmen habe und wie ich mich wehren kann…“

Die Kraft für ihr Engagement – „und überhaupt für alle schweren Stunden in meinem Leben“ – bezieht Burgl Kohler aus ihrem Glauben. „Besonders die Mutter Gottes hilft mir, wenn ich sie ­darum bitte.“ Deshalb ist sie in ihrem Leben auch schon 50-mal nach Alt­ötting gepilgert.

Vielleicht ist es deshalb auch kein Wunder, wenn dem Pflegeteam der Station 1b zu Burgl Kohler nur ein reichlich überirdischer Vergleich einfällt: „Sie ist unser Engel“, sagt Pfleger Peter. Da kann Burgl Kohler nur schmunzeln: „Ein Engel mit 90 …“

Wolfgang de Ponte

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