Wir erklären die fiese Masche

Albtraum Enkel-Trick! Schon 624 Münchner Fälle

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Rentnerin Agathe F. (76) ist nach dem Betrug ängstlich und vorsichtig

München - Der Enkeltrick wird immer beliebter bei Betrügern - und immer mehr Senioren in München fallen darauf herein. Wir erklären, wovor sich Senioren in Acht nehmen müssen.

"Oma, weißt du denn nicht, wer dran ist? Ich bin’s doch …!“ Was für viele Münchner Senioren als Albtraum endet, fängt meist so scheinbar harmlos an. Das Telefon klingelt, eine Stimme meldet sich, doch der Anrufer nennt gar keinen Namen. Das muss doch der liebe Enkel, der Neffe oder auch der Schwiegersohn sein, denken sich die Senioren. Doch in Wirklichkeit ist es die Masche von kriminellen Betrügerbanden, die gutgläubige Senioren um ihr ehrlich erspartes Geld bringen wollen (siehe unten).

Albtraum Enkel-Trick: „In diesem Jahr sind die Delikte explosionsartig angestiegen“, sagt Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer. Schon 624 Fälle gab es heuer in München – so viele wie noch nie (2011 waren es noch 53). Insgesamt 38-mal machten die Betrüger fette Beute (2011 waren es sechs). Der Schaden in München: mehr als eine Million Euro. In ganz Bayern waren es sogar mehr als drei Millionen Euro – bei 1618 versuchten Delikten.

„In jedem vierten Fall waren die Täter in Bayern erfolgreich“, sagt Innenminister Joachim Herrmann (56, CSU). In München ist es jeder zehnte. „Viele Senioren verlieren ihr ganzes Vermögen, wenn sie auf den Enkel-Trick hereinfallen“, sagt Schmidbauer. In der Vorweihnachtszeit ist es am schlimmsten: „Da sind ältere Menschen in Spenderlaune und heben große Bargeldbeträge ab, um die Familie zu beschenken.“

Das nutzen die skrupellosen Täter. Von Osteuropa aus rufen sie mit unterdrückter Nummer gezielt ältere Menschen an – meist Frauen mit typischen Namen wie Elisabeth oder Maria. Sie bitten um Bargeld und täuschen einen finanziellen Engpass vor, zum Beispiel für einen Hauskauf, der nicht warten kann. Meist geht es um mehrere Tausend Euro. Das Geld holen Boten ab – auf dem Rückweg von der Bank oder zu Hause.

Oft setzen die Täter ihre Opfer mit vielen Anrufen unter Druck. Und fordern: „Oma, versprich mir, das bleibt unter uns!“ Den Enkel sehen die Senioren nie wieder. „Aus Scham werden viele Fälle nicht angezeigt“, so Schmidbauer. Deshalb wird nur jeder zehnte Fall aufgeklärt.

A. Thieme

Agathe F. aus Obermenzing: Sie haben mich um 25 000 € betrogen!

Als das Telefon an jenem Donnerstag Ende November klingelt, ahnt Agathe F. (76) nicht, dass sie zwei Stunden später um 25 000 Euro ärmer sein wird. Der Anrufer nämlich war ein abgezockter Betrüger. Rhetorisch perfekt, psychologisch versiert – und ausgestattet mit einer großen Portion krimineller Energie.

„Weißt du nicht, wer ich bin“, fragt der Unbekannte, als Agathe F. die Stimme nicht erkennt. Die Gedanken schießen der Rentnerin durch den Kopf. Das kann doch nur mein Schwiegersohn sein, denkt sie. Nur er redet so ein gutes Hochdeutsch. „Bernd, bist du es?“, fragt sie schließlich. Es ist der Augenblick, in dem die 76-Jährige aus Obermenzing in der Falle sitzt. Jetzt hat der Betrüger einen Namen, mit dem er arbeiten kann.

„Ja, genau“, sagt der Anrufer, von dem Agathe F. jetzt glaubt, dass es ihr Schwiegersohn ist. „Du, ich habe ein großes Problem. Ich bin bei einer Zwangsversteigerung und brauche 50.000 Euro.“

Der falsche Schwiegersohn macht jetzt richtig Druck. „Er hat mich zugetextet. Ich konnte nicht überlegen“, sagt Agathe F. Sie denkt nicht daran, einfach ihre Tochter zu fragen, die eine paar Häuser weiter wohnt. „Der Mann hat mich ja alle fünf Minuten angerufen.“

Schließlich hat der Betrüger Agathe F. so weit. Sie macht sich auf den Weg zur Hypovereinsbank. Anstandlos werden ihr 8000 Euro ausgezahlt, sogar ihren Dispokredit muss sie ausschöpfen. Kaum daheim, klingelt schon wieder das Telefon. „Ich kann hier nicht weg. Unten steht eine Dame, die mir das Geld gleich bringt.“ Agathe F. greift sich weitere 17 000 Euro, die sie als eiserne Reserve zu Hause hat und geht runter auf die Straße. Sie übergibt einer etwa 30-jährigen Frau das Kuvert mit 25 000 Euro.

Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn fallen aus allen Wolken, als Agathe F. ihnen von allem erzählt. „Besonders sauer bin ich auf die Bank“, sagt Agathe F. „Hätten sie mir dort nur zwei, drei richtige Fragen gestellt, wäre ich stutzig geworden und hätte mein ganzes Geld noch.“ Inzwischen erzählt die Rentnerin allen ihren Bekannten, wie sie betrogen wurde. „Das müssen alle wissen. Damit es ihnen nicht auch so geht wie mir.“

JAM

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