„Wir haben mehr verdient als Beifall“

Enorme Mehrbelastung durch Corona-Krise: Pflegekräfte gehen für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße

Zum Internationalen Tag der Pflegenden haben Münchner Pflegekräfte am Mittwoch vor dem Sozialzentrum Giesing der Gesundheitspolitik die Rote Karte gezeigt.

München - Schon im ersten Lockdown* wurden Pflegekräfte für ihre Leistungen beklatscht, und die Politik versprach bessere Bedingungen. Doch bislang ist nicht viel passiert – und der Unmut wächst.

Demo in Giesing: „Pflegekräfte arbeiten seit Monaten am Anschlag“

In Giesing machten Betroffene nun ihrem Ärger Luft. Ihre Forderungen: eine bedarfsgerechte Personalausstattung und flächendeckend angemessene Bezahlung. „Die Beschäftigten in den Krankenhäusern arbeiten seit Monaten am Anschlag, um die Menschen in der Corona-Pandemie* bestmöglich zu versorgen. Auch in der Altenpflege ist die Lage angesichts der Personalnot weiterhin extrem angespannt“, sagt Dierk Aßmuth, Betriebsrat bei der AWO München. „Die beruflich Pflegenden brauchen jetzt das Signal, dass sich die Bedingungen schnellstmöglich und dauerhaft verbessern.“ So habe Jens Spahn* (CDU) zuletzt zwar etliche Gesetzesinitiativen vorgelegt, an den entscheidenden Stellen blieben diese jedoch weit hinter dem Notwendigen zurück.

„Bundesregierung und Arbeitgeber stehen in der Verantwortung, die Flucht aus den Pflegeberufen durch bessere Arbeitsbedingungen zu stoppen“, sagt Betriebsrätin Ingrid Greif. „Die Gesundheitspolitik hat viel versprochen, aber keine Entlastung gebracht.“ Hier erklären Beschäftigte, was sich ändern muss:

Forderungen: Entbürokratisierung der Pflege und einen besseren Tarif

Dierk Aßmuth (50), Betriebsrat der AWO aus München

Es muss eine bessere Bezahlung und bessere Ausstattung fürs Personal geben. Mit besserer Ausstattung hätten wir auch mehr Zeit für die Menschen, die wir betreuen. Ein wichtiger Punkt wäre auch die Entbürokratisierung der Pflege. Der Aufwand, den wir da betreiben müssen, ist extrem hoch. Das kostet Zeit, die an anderer Stelle abgeht. Und natürlich brauchen wir einen besseren Tarif. Viele Pflegekräfte wandern Richtung Privatwirtschaft ab. Diese Fachkräfte gehen uns dauerhaft ab. Durch Corona* hat sich die Problematik noch mal verschärft. Wir sind sehr unzufrieden mit Jens Spahn. Da wurde vieles angestoßen und dann nichts davon zu Ende gebracht. Und so sind die meisten Pflegekräfte ausgepowert und am Ende ihrer Kräfte. Da hilft ein kurzer Applaus auch nicht. Dierk Aßmuth (50), Betriebsrat der AWO aus München

„Pflege-Studierende müssen über 2000 unbezahlte Praxisstunden ableisten - das muss geändert werden“

Sonja Voss (43), Altenpflegerin aus München

In der Altenpflege und in Krankenhäusern brauchen wir Personalbemessungsinstrumente. 2019 gab es eine entsprechende Studie. 2020 sollte die Umsetzung starten. Geschehen ist aber nichts. Darüber hinaus brauchen wir mehr Professionalisierung in allen Pflegebereichen. Dazu müssten mehr Menschen Pflege studieren. Die Rahmenbedingungen sind aber sehr abschreckend. Unter anderem müssen Studierende nebenbei über 2000 unbezahlte Praxisstunden ableisten. Das muss geändert werden. Und dies fordern wir ausdrücklich von der Politik. Sonja Voss (43), Altenpflegerin aus München

Bei privaten Trägern muss Schluss mit dem Lohndumping sein

Christian Reischl (54), Gewerkschaftssekretär aus München

Heute, am Tag der Pflegenden, möchten wir auf die Situation der Pflegenden und insbesondere auf die, die durch die Corona-Pandemie* besonders belastet sind, aufmerksam machen. Das sind nicht nur jene, die auf den Intensivstationen arbeiten, das sind auch die Menschen, die in der Altenpflege arbeiten. Denn auch hier gab und gibt es Kontaktbeschränkungen und entsprechend besondere Belastungen. Darüber hinaus ist die Ausstattungslage schlecht und die Politik blockiert. Deshalb möchten wir ihr hiermit die rote Karte zeigen. Wir fordern einen einheitlichen Tarifvertrag und Schluss mit dem Lohndumping bei vielen privaten Trägern. Christian Reischl (54), Gewerkschaftssekretär aus München

Der Beruf des Altenpflegers muss attraktiver werden

Maximilian Zierer (27), Altenpfleger aus München

Wir fühlen uns alleingelassen. Schon vor der Krise war das der Fall. Dann bekamen wir kurz mal ein bisschen Applaus, aber das war es dann auch schon wieder. Und das trifft besonders auf den Bereich der Altenpflege zu. Viele meiner Kollegen können nicht mehr, wollen den Beruf wechseln, sind ausgelaugt. Wir sind zu wenige und einige sind auch nicht gut genug ausgebildet. Die Politik müsste den Beruf attraktiver gestalten. Mehr Geld, bessere Arbeitszeiten oder Vergünstigungen anderer Art würden helfen. Werbeaktionen, vielleicht an Schulen, wären eventuell auch hilfreich. Im Moment ist der Beruf extrem unattraktiv. Dabei ist er doch so wichtig. Maximilian Zierer (27), Altenpfleger aus München

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Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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