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Hohe Erbschaftssteuer zwingt Vermieter zum Verkauf – Münchnerin: „Und dann werden wir verdrängt“

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Von: Elisa Buhrke

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Wer in München ein Haus erbt, muss dafür Steuern bis in die Millionenhöhe bezahlen. Viele Vermieter können sich das nicht leisten und verkaufen an Investoren. Das treibt die Mietpreise weiter in die Höhe.

München - Ruth Grießer hat Angst, bald aus ihrer Wohnung verdrängt zu werden. Ihre Vermieterin ist im letzten Jahr verstorben und die Erbin kann sich die Erbschaftssteuer in Millionenhöhe, die sie für das Haus aufbringen müsste, nicht leisten. Als einziger Ausweg bleibt der Verkauf. Doch in solchen Fällen gehen Münchner Immobilien häufig an profitorientierte Investoren, die den Wohnraum sanieren und die Mietpreise drastisch erhöhen. Eine BR-Doku von Report München zeigt auf, wie Einheimische - Eigentümer wie Mieter - um ihren Lebensraum bangen. Bayerische Politiker fordern deshalb eine Reform der Erbschaftssteuer.

Mieterin aus München: „Wir sorgen uns, dass hier ein Investor kommt“

Das Gebäude, in dem Ruth Grießer lebt, wird verkauft. Sie fragt deshalb beim Anwalt ihrer Vermieterin nach, inwiefern sie und die anderen Mieter vor einer Mieterhöhung oder einer Eigenbedarfsklage geschützt sind. Die kurze Antwort: Das alles sei Sache des neuen Eigentümers. „Wir sorgen uns, dass hier ein Investor kommt, der hier groß saniert, Luxuswohnungen draus macht und dann werden wir verdrängt“, erklärt Grießer im Interview mit dem BR. Sie fürchtet, dass auch die Stadtverwaltung wenig dagegen ausrichten kann, wenn Großunternehmer immer weitere Teile Münchens übernehmen. Doch auch, wenn Erben ihr Grundstück behalten, sind sie in der Regel gezwungen, die Miete zu erhöhen. So wie Vermieter Wolfgang Donhärl, der eine Erbschaftssteuer von rund einer Million Euro begleichen muss.

Münchnerin Ruth Grießer in BR-Doku zu Erbschaftssteuer
Mieterin Ruth Grießer hat Angst, sich ihre Wohnung bald nicht mehr leisten zu können. © Screenshot BR

Tegernseer wollen Haus an ihre Kinder weitergeben - Erbschaftssteuer im sechsstelligen Bereich

Auf der anderen Seite stehen Eigentümer wie die Stadlers, eine normale mittelständische Familie, aus Tegernsee. Brigitte Stadler und ihr Ehemann haben das Haus in den 1970ern gebaut und möchten es gerne an ihre beiden Kinder vererben. Doch da der Grundstückswert in der Urlaubsregion in den letzten Jahren stark angestiegen ist, könnte dabei eine Erbschaftssteuer im sechsstelligen Bereich anfallen. „Es ist insgesamt ungerecht, wenn ich sage: Ich muss, weil ich in einer Region wohne, wo die Grundstückspreise explodieren, als Einheimische das schultern“, sagt die Ehefrau und Mutter gegenüber dem BR.

Ihr Sohn Christian ergänzt: „Auch wenn wir nicht verkaufen wollen, es wird halt so vom Finanzamt, von der Behörde so geschätzt.“ Internationale, reiche Käufer, haben die Preise im Tegernseer Tal in die Höhe getrieben - und verdrängen so nach und nach die Einheimischen.

Oberbürgermeister Reiter alarmiert: Erbschaftssteuer in München unbezahlbar

Auch Politikern wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sind Investoren, die den Münchner Wohnraum einnehmen, ein Dorn im Auge: „Dann geht‘s nur noch um Shareholder-Value, nur noch ums Geld. Dann werden die Mieten natürlich dramatisch steigen“, berichtet er dem BR. Er fordert von der Bundesregierung eine Reform der Erbschaftssteuer, also höhere Freibeträge und Ausnahmeregeln für Menschen, die sich durch ihr Erbe übermäßig verschulden würden. Es könne nicht sein, „dass wir genau durch den Prozess des Erbens, Vererbens bezahlbare Wohnungen verlieren.“

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD)
Oberbürgermeister Dieter Reiter fordert eine Anpassung der Erbschaftssteuer. © IMAGO/STL-Studio Liebhart

Während der Steuerfreibetrag - also der Anteil, auf den Erben keine Abgaben zahlen müssen - deutschlandweit gleich bleibt, hängt die Höhe der Erbschaftssteuer von den Grundstückspreisen in der jeweiligen Region ab. Der Freibetrag bei der Erbschaftssteuer beträgt bis zu 500.000 Euro für Ehepartner, für Kinder jeweils 400.000 Euro. In Städten wie München und der Region Oberbayern ist das jedoch nur ein Bruchteil des eigentlichen Immobilienwerts. Wer nicht vorher schon reich ist, kann sich die Erbschaftssteuer zwischen 7 bis zu 50 Prozent kaum leisten. Selbst, wenn sich ein Haus bereits seit Jahren im Familienbesitz befindet, sehen sich Erben dann zum Verkauf gezwungen.

Erbschaftssteuer steigt 2023 weiter an

Wegen einer Gesetzesänderung könnten die Kosten für Immobilien-Erben in diesem Jahr noch höher ausfallen. Das neue Jahressteuergesetz sieht vor, dass Immobilienwerte zukünftig möglichst auf an ihrem geschätzten Verkaufspreis bemessen werden. In einer Boom-Region wie München würde die Erbschaftssteuer damit noch weiter ansteigen. Die bayerische Landesregierung hat deshalb einen Antrag im Bundesrat gestellt, die Regelung der Erbschaftssteuer zukünftig den Bundesländern zu überlassen. Auch FDP-Chef Lindner hatte bereits im November die Anpassung der Freibeträge gefordert.

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