Ist dieses Gemälde wirklich so wertvoll?

Erbstück vom Uropa: Experte verblüfft diese Münchnerin mit Schätzung

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Bürgeranwalt Dietmar Gaiser (li.) ging mit Johanna Meyer zum Auktionator An­dreas Ruef.

Johanna Meyer (76), Rentnerin aus München, hat sich an das Team des tz-Bürgeranwalts gewandt. Es geht um ein Erbstück von ihrem Uropa ...

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Vor einiger Zeit widmete das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm acht Künstlern, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren, eine Ausstellung. Unter den acht Malern war auch Hans Fuglsang (1889 – 1917). Um eines seiner Bilder geht es heute.

Fuglsang gehört zu jener Künstlergeneration, die herauswollte aus dem miefigen Traditionalismus Ende des 19. Jahrhunderts und im aufkommenden Expressionismus einen neuen Weg sah. Aber er gehörte auch zu jenen, die ihren Weg nicht zu Ende gehen konnten. Er überlebte den Kriegseinsatz nur wenige Monate. Entsprechend wenige Werke gibt es von ihm.

Wie sehr die Situation damals in Deutschland verkannt wurde, zeigt die Tatsache, dass die meisten Künstler, die in ihm später fielen, den Ausbruch des Krieges bejubelten. So auch Fuglsang. Die vaterländischen Maler, Bildhauer und Musiker träumten davon, nach dem Krieg eine bessere, freiere Zukunft aufzubauen. Stattdessen stand wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ein Tyrann auf, der nicht nur die Welt unterjochen wollte, sondern ihr auch seinen kleinbürgerlichen Kunstgeschmack aufzudrängen versuchte. Damit war Deutschland von den großen Entwicklungen der Kunst des 20. Jahrhunderts erst einmal abgeschnitten.

Als Fuglsang um 1907 in München zu studieren begann, galt er als großes Talent. Die ersten Erfolge stellten sich 1913/14 ein, als er sich der „Münchner Secession“ anschloss. Er malte vor allem Szenen aus dem Theater, Kaffeehäusern und immer wieder Selbstporträts. Viele seiner Werke gingen im Krieg verloren, sodass die verbleibenden einen großen Seltenheitswert haben. Die Kunstkritiker waren voll des Lobes und eine glanzvolle Karriere schien vorgezeichnet. Doch diese Hoffnungen zerbrachen auf den Schlachtfeldern in Frankreich. Besser als die Kuratoren der Ausstellung in Neu-Ulm kann man dieses Schicksal nicht zusammenfassen. Sie nannten die Schau Verglühte Träume.

Dietmar Gaiser

Dieses Bild bringt mich nach Kanada

Bei mir über der Kommode hängt ein Gemälde, das ich von meinem Uropa geerbt habe. Er war Postbote in Oberbayern. Auf einem seiner Dienstgänge muss er an das Bild gekommen sein. Er hat immer gesagt, es handle sich um einen „guten Maler“. Weil die Signatur nur sehr schwer zu lesen ist, weiß ich aber nicht, um welchen. Da meine Tochter in Kanada lebt und ich meine Enkel wiedersehen möchte, denke ich daran, das Bild zu verkaufen, um mir eine Reise zu den Enkeln leisten zu können. Schließlich sehe ich lieber die Enkel in Kanada als das Bild über der Kommode. Bevor ich es verkaufe, will ich aber wissen, welcher Künstler es gemalt hat und was es wert ist. Können Sie dabei helfen? Meine drei Enkel und ich würden es Ihnen danken. 

Johanna Meyer (76), Rentnerin aus München

Bei einer so charmanten Bitte konnten wir natürlich nicht Nein sagen. Deswegen gingen wir mit Johanna Meyer und dem Gemälde zu Andreas M. Ruef, einem der renommiertesten Auktionshäuser Münchens. Er sah sofort, dass es sich bei der Signatur um die von Hans Fuglsang handelt. Dieser Maler ist in die Reihe der großen Expressionisten einzuordnen, er hat nur relativ wenige Werke hinterlassen.

Fuglsang gehörte neben Franz Marc und August Macke zu den Künstlern, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges ihr Leben ließen. Das Schicksal traf Fuglsang ganz besonders hart. Er war Kanonier und fiel mit 28 Jahren nur wenige Monate, nachdem er eingezogen worden war. Seine Werke befinden sich in den Museen in Hadersleben, Flensburg, Schleswig und Kiel.

Was da über der Kommode von Johanna Meyer hängt, ist also ein Gemälde eines Malers von Museumsrang, auch wenn die Signatur nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. An­dreas Ruef konnte an Hand von Katalogen herausfinden, dass es sich um ein Selbstporträt des Malers handelt. Besonders auffallend sind der weiße Handschuh, den Fuglsang auf dem Bild trägt, und natürlich die lange Pfeife.

Ruef schätzt das Werk als eine der besten Arbeiten des Künstlers ein und geht von einem Wert zwischen 3500 und 4000 Euro aus. Als das Johanna Meyer hörte, was sie überglücklich: „Entweder mein Urgroßvater war außer Postbote auch noch Kunstkenner oder er hatte ungeheures Glück, als er das Bild bekam. Auf jeden Fall ermöglicht es mir, die Urururenkel des Uropas in Kanada zu besuchen.“

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