Tokio: Die Flucht aus der Hölle

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Greet Visser wurde von dem Erdbeben in Tokio überrascht. Sie musste aus der Hochbahn Monotrail evakuiert werden

München - Die Wahl-Münchnerin Greet Visser saß gerade in einer Hochbahn in Tokio, als das verheerende Erdbeben am Freitag einsetzte. Lesen Sie hier den beeindruckenden Augenzeugenbericht.

Das Land der aufgehenden Sonne: Schon lange hatte Greet Visser davon geträumt, Japan zu bereisen, die Kultur und vor allem die Menschen kennenzulernen. Doch der Traumurlaub der Wahl-Münchnerin fiel mit der größten Naturkatastrophe zusammen, die Japan seit Menschengedenken erlebt hat. Als vergangenen Freitag das verheerende Beben wütete, war die 59-jährige Grafikerin in der Tokio Monorail - einer Hochbahn über der Millionenmetropole – gefangen. In der tz schildert Greet Visser ihre dramatischen Erlebnisse.

Live-Ticker: Katastrophe in Japan

„Wir waren etwa drei Kilometer vom Bahnhof entfernt, als der Zug plötzlich stehen blieb“, erinnert sich Greet Visser an die ersten Schrecksekunden. „Ich saß ganz vorne am Fenster und sah plötzlich, dass Gebäude und Masten anfingen zu schwingen.“ Der Beginn einer Katastrophe, deren Ausmaß Greet Visser in diesem Augenblick noch gar nicht bewusst sein konnte.

Greet Visser

Es war ihr letzter Urlaubstag nach zwei Wochen in Japan. In Ruhe ein paar Mitbringsel besorgen und die Erinnerungen an zwei wundervolle Wochen noch einmal in Ruhe sacken lassen: So hatten sich Greet Visser und ihre Reisebegleiterin, eine Freundin aus New York, ihr Programm eigentlich vorgestellt. „Dann fing unser Zug ganz unglaublich an zu ruckeln, er schwankte von links nach rechts. Wer einen Stehplatz hatte, kauerte sich sofort instinktiv auf den Boden. Gefühlt hat das eine Ewigkeit gedauert, aber wahrscheinlich waren es nur ein, zwei Minuten“, so Greet Visser.

Bilder aus Japan

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Momente in Todesangst? „Es war natürlich beklemmend, wie wir da so halb über dem Abgrund hingen. Unter uns sah man die Autobahn. Als die Erde bebte, stand der Verkehr still. Auch im Zug war es total ruhig. Da war kein Pieps zu hören.“ Die Ruhe und Disziplin der Japaner haben Greet Visser spürbar und nachhaltig beeindruckt. „Wenn ich in Japan etwas gelernt habe, dann ist es das geduldige Warten. Im Zug hat niemand gemurrt. Da wäre ich die Letzte gewesen, die Ungeduld gezeigt hätte.“

Nach quälenden 45 Minuten der Ungewissheit – alle Durchsagen kamen in japanischer Sprache – wurden die Passagiere schließlich über eine Nottreppe aus dem Zug evakuiert. Über die Gleise mussten sie zur Bahnstation zurücklaufen. Die Odyssee von Greet Visser und ihrer Begleiterin sollte noch weitere drei Stunden andauern. „Es gab keine Taxis, keine Busse, keine U-Bahn. Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als die zwölf Kilometer zu unserem Hotel zu Fuß zurückzulegen.“ In einem Strom von Hunderttausenden von Menschen – ohne drängeln, gesittet, japanisch. Die schrecklichen Bilder der Verwüstung sah Greet Visser dann am Abend im Fernseher eines japanischen Restaurants.

Und sie lassen die 59-Jährige auch nicht los, nachdem sie am Samstag nach einer abenteuerlichen Bahnfahrt zum Flughafen („Der Zug war so vollgestopft. Ich hatte nur einen Gedanken: Jetzt darf nichts passieren.“) endlich glücklich in München gelandet ist. Es ist nicht ihr eigenes Schicksal, das Greet Visser so tief bewegt. „Es schmerzt mich sehr, was in diesem Land gerade passiert. Während meiner Reise habe ich die Japaner als unglaublich liebenswert und hilfsbereit kennen gelernt. Ihre Not trifft mich ins Herz.“ Irgendwann will Greet Visser wieder ins Land der aufgehenden Sonne reisen. „Wenn die Kirschblüten blühen.“ Und die Hoffnung.

Sabine Schiwnde

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