Wie der Boom eine Region prägt

Bauboom in München und die Folgen für Freising, Erding & die Flughafen-Debatte

Der Ort musste dem Flughafen weichen, Anwohner-Protest blieb erfolglos.

Heute besuchen wir die Landkreise Freising und Erding mit der heiß diskutierten Frage: Braucht der Flughafen im Erdinger Moos eine dritte Startbahn?

München wächst –und das spürt auch das Umland. Derzeit leben rund sechs Millionen ­Menschen in der Metropolregion, ­also zwischen ­Ingolstadt und ­Garmisch, zwischen Augsburg und Traunstein. Bis zum Jahr 2030 sollen 300 000 weitere Menschen dazukommen. Die tz zeigt, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Heute besuchen wir die Landkreise ­Freising und Erding mit der heiß diskutierten Frage: Braucht der Flughafen im Erdinger Moos ­eine dritte Startbahn?

Hier finden Sie die anderen Teile der Serie:

Miesbach: München gräbt uns das Wasser ab

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Startbahn-Sorge in Attaching

Neulich war wieder so eine Nacht, in der Franz Spitzenberger senkrecht im Bett stand. Ein Flieger landete mit Schubumkehr: Lärm, an den sich der 65-Jährige in fast drei Jahrzehnten nicht gewöhnt hat. „Ich habe mich damit arrangiert“, sagt Spitzenberger – und seine Frau Katharina (61) sagt: „Es gibt Menschen, die wohnen an der Autobahn, es gibt Menschen, die wohnen neben einem Atomkraftwerk. Wir wohnen halt neben dem Flughafen.“

Die Spitzenbergers sind keine Flughafengegner, aber Feinde der Dritten Startbahn – wie jeder hier in Attaching, dem 979-Seelen-Dorf bei Freising. Klar ist: Kommt die dritte Startbahn, erleiden die Attachinger Höllenlärm. Landende Flugzeuge donnern dann in 75 Metern Höhe übers Dorf. Gäbe es die dritte Bahn schon, aber Attaching nicht, wäre es verboten, hier ein Dorf zu bauen. Das betont die Bürgerinitiative Attaching, der Spitzenberger vorsteht.

Prozess dritte Startbahn München

Die Attachinger haben einen Übernahmeanspruch gegenüber der Flughafen München GmbH (FMG): Sie dürfen ihre Häuser an die FMG verkaufen – und könnten sich andernorts ein neues Zuhause suchen. Das betrifft circa 500 Attachinger. Was mit den Häusern passieren würde, ist unklar – möglich ist alles bis hin zum Abriss. Der Übernahmeanspruch gilt jedoch nicht für ganz Attaching. Nur ein Teil des Dorfs ist Entschädigungsgebiet, die Spitzenbergers wohnen im anderen Teil. Keine 50 Meter entfernt von der Grenze, die den Ort spaltet. Spitzenberger hält die Grenze, die sich durch ein paar Dezibel Unterschied errechnet, für realitätsfern.

Die FMG betont, dass sie 50 Millionen Euro für Härtefälle zur Verfügung stellt. Für sie ist unstrittig, dass die dritte Startbahn notwendig ist. Auch der Freistaat, dem 51 Prozent des Flughafens gehören, will die Piste bauen. Der künftige Ministerpräsident Markus Söder (51, CSU) meint gar, die Bahn müsse bis 2025 fertig sein, sonst drohe die Abwanderung tausender Arbeitsplätze!

Derzeit scheitert das Projekt am Veto der Stadt München, die sich an den Bürgerentscheid von 2012 gebunden fühlt. Allerdings schließt OB Dieter Reiter (59, SPD) nicht aus, auf Basis neuer Fakten ein Ratsbegehren zu starten. Laut Startbahn-Befürwortern liegen die Fakten längst auf dem Tisch: 536.000 Flugbewegungen jährlich prognostizierte die FMG im Jahr 2010 für 2020. Die aktuelle Kapazität reiche aber nur für 479.000, und selbst das sei Theorie. Praktisch könne man maximal 430.000 Flugbewegungen abwickeln.

Startbahn-Gegner kontern, dass die tatsächliche Zahl der Flugbewegungen geringer sei. 2017 lag sie bei 405.000. Ein Minus verglichen etwa mit 2008 und 2009, wo wir von 432.000 reden – also mehr, als der Flughafen laut eigener Aussage abwickeln kann.

Michael Buchberger (43) ist ein Nachbar der Spitzenbergers. „Ich bin die dritte Generation im Widerstand“, sagt er. Sein Opa wehrte sich einst gegen den Bau des Flughafens – umsonst. Buchberger wirft der FMG vor, die Zahl der Flugbewegungen zu frisieren. „Die versuchen mit aller Gewalt, Flugzeuge hierher zu zerren, nur um einen Bedarf vorzugaukeln, den es nicht gibt.“ Tatsächlich unterstützt die FMG die Einführung neuer Verbindungen mit Marketingzuschüssen. So flossen 2016 Zuschüsse von 21 Millionen Euro. Das entspricht zwar gängiger internationaler Praxis, Startbahn-Gegner prangern das aber als „gekauftes Wachstum“ an.

Die Attachinger wollen ihren Protest vor der Landtagswahl verschärfen. Sogar eine Kapelle haben sie errichten lassen: Hier flehen sie den lieben Gott an, ihr Dorf zu retten. Attaching ist die Speerspitze des Widerstands: Insgesamt wehren sich 84 Initiativen gegen den Bau der Piste.

Hier war einst mein Dorf

Er war Freisinger Landrat, Bürgermeister von Hallbergmoos, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler und Vorsitzender der Fluglärmkommission: Seit fast 50 Jahren beschäftigt sich Manfred Pointner (75) mit dem Flughafen. Aktuell ist der Jurist Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Erding Nord, Freising und Umgebung, um sich gegen negative Folgen des Flughafens zu wehren. Wir sprachen mit ihm über seinen im Landkreis Erding liegenden Geburtsort Franzheim, der einst dem Flughafen weichen musste:

Ihre Kindheits-Erinnerungen?

Manfred Pointner: Mir kommt als Erstes unser Bauernhof in den Sinn, auf dem ich aufgewachsen bin. Die Felder rings­herum, vor allem die Pfefferminztee­felder. Dann unsere alte Schule, ein Barackenbau, der nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Und ich denke an den Süßbach. Den gibt es immer noch, der macht eine Kurve um den Flughafen herum. Da haben wir als Buben Fische gefangen, mit der Hand. Hin und wieder haben wir sogar eine Forelle erwischt.

Warum wehrten sich die Betroffenen in Franzheim damals nicht?

Pointner: Doch, sie haben sich gewehrt. Am 6. Dezember 1967 wurde die Schutzgemeinschaft gegründet, also schon vor Eröffnung des Raumordnungsverfahrens. Auch in den Nachbarorten Oberding, Pulling und Neufahrn gab es massive Proteste, nachdem die Leute gemerkt haben, dass die Flieger nicht senkrecht in die Luft gehen, sondern mehrere Orte überfliegen. Man muss aber sehen: Es waren vor allem kleine Bauern. Die hatten Respekt vor der Staatsmacht. Man kann natürlich kämpfen. Aber man kann dabei auch verlieren. Da war ein gewisser Druck da. Nur ein Bauer wehrte sich bis zuletzt. Um seinen Hof herum war alles Baustelle, nur noch er war mittendrin. Irgendwann hat auch er aufgegeben.

Was halten Sie von der dritten Startbahn?

Pointner: Die Region hat den Flughafen ertragen, und sie erträgt ihn immer noch. Wir hatten auch Vorteile vom Flughafen. Als Bürgermeister von Hallbergmoos konnte ich zum Beispiel ein großes Gewerbegebiet bauen. Hallbergmoos ist inzwischen eine der reichsten Gemeinden in der Region. Aber irgendwann ist es genug. Wir haben ganz andere Probleme in der Region als die Flughafenerweiterung. Der Flughafen ist groß und funktioniert gut. Dagegen haben wir riesige Verkehrsprobleme und eine große Wohnungsnot. Ich war ja fünf Jahre lang im Landtag. Bin fünf Mal in der Woche nach München gefahren. Ich wusste nie: Komme ich rechtzeitig an? Ganz gleich, ob mit dem Auto oder der Bahn. Es war nie kalkulierbar, wie lange es dauert.

Verschärft die dritte Startbahn diese Probleme?

Pointner: Natürlich. Die dritte Startbahn wird ja laut Gutachten damit begründet, dass weiterer Flugverkehr kommt und bis zu 20 000 Arbeitsplätze entstehen. So viele Arbeitskräfte haben wir doch gar nicht in der Gegend, die müssten hierherziehen. Da bekommen wir ein Riesen-Problem, weil wir nicht genügend Wohnraum haben. Auch im Verkehr wird es weitere große Belastungen geben. Ich glaube allerdings, dass gar nicht eintritt, was im Gutachten steht. Und deshalb brauchen wir auch die dritte Startbahn nicht.

bst

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