Aufgeheizte Stimmung in der Stadt

Erdogan, der (Un-)Heilsbringer: Das sagen Münchner Türken

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Pro und contra Erdogan: Mahir Zeytinoglu (links) und Tayfun T.

Die tz hat Türken in München getroffen, die ihre Meinung zu Recep Tayyip Erdogan sagen. Aber: Die Kritiker wollen unbedingt unerkannt bleiben. 

München - Auch wenn die meisten schon seit Generationen in Deutschland leben, trauen sie sich oft nicht, ihre Meinung zu äußern. Man sähe ja gerade, was mit Kritikern geschieht. Die tz hat dennoch fünf türkischstämmige Münchner getroffen, die klar ihre Meinung sagen – pro und contra Recep Tayyip Erdogan.

Er ist kein Engel, aber ich stehe hinter ihm 

Achmed Ister.

„Als ich vor fast 50 Jahren hierher gekommen bin, waren wir noch gern gesehene Gäste. Das gute Verhältnis hielt etwa drei Generationen, doch auf einmal waren wir Ausländer. Und irgendwann schlug die Stimmung sogar in Hass um. Ich fühle mich deutsch, bin Deutscher, habe hier meine Kinder großgezogen, bin im Fußballverein und spiele Schafkopfen. Erdogan hat den Türken in Deutschland die Ehre zurückgegeben. Natürlich ist er kein Engel, er hat Fehler gemacht, wie jeder Fehler macht. Aber ich stehe hinter ihm und hoffe, dass er die Wahl gewinnt.“

Achmed Ister (65), Taxler aus München

Erdogan macht die Türkei kaputt

Tayfun T.

„Die Türkei steuert direkt auf eine Diktatur zu. Wenn Erdogan das Referendum für sich entscheiden sollte, sieht es düster aus. Ich lebe jetzt seit über 17 Jahren in Deutschland, und trotzdem mache ich mir Sorgen um das Land, in dem ich geboren wurde. Ich glaube, Erdogan will die Türkei kaputtmachen. Ich habe ihn während seiner gesamten Regierungszeit noch kein einziges Mal von seinem „türkischen Volk“ sprechen hören.“

Tayfun T. (36), Selbstständiger aus München

Ich habe Angst, in die Türkei zu fliegen

Yusuf A.

„Weil ich mich vor ein paar Wochen schon einmal öffentlich gegen Erdogan ausgesprochen habe, fahre ich nicht im April meine Mutter besuchen. Ich habe Angst, am Flughafen in der Türkei abgefangen und inhaftiert zu werden. Trotzdem: Ich lasse mir den Mund nicht verbieten, Angst ist keine Lösung. Deutschland ist ein freies, demokratisches Land.

Ich habe mich vor 20 Jahren entschieden, in München zu arbeiten. Mir gefällt es hier. Ich schätze die Menschenrechte und vor allem die Menschlichkeit, die in Deutschland sehr groß geschrieben wird. Ich versuche mich anzupassen, so gut es geht. Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit.

Aber ich kenne auch sehr viele, die das leider nicht so sehen. Vor allem die Erdogan-Anhänger. Ich finde: Wer die Regeln des Landes, in dem er lebt, nicht akzeptiert, der hat kein Recht, hier zu bleiben.

Ich gehe übrigens nicht mehr zum Beten in die Moscheen in meiner Nähe – weil hier nur noch politische Propaganda für Erdogan betrieben wird.“

Yusuf A. (64), Metallarbeiter aus Markt Schwaben

Erdogan ist ein Segen für sein Land!

Mahir Zeytinoglu.

„Wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Welt befindet sich in einer Krise. Wäre Erdogan nicht gewesen, dann wären nach dem Putsch am 15. August 2016 über 20 Millionen Türken nach Deutschland gekommen. Das weiß ich aus Erfahrung – ich war an dem besagten Tag in der Türkei, um das Polizeipräsidium zu schützen.

Erdogan ist ein Segen für sein Land. Er hat die Wirtschaft wieder aufgebaut, Straßen angelegt und ein Sozialsystem eingeführt. Ohne Erdogan würde die Türkei kaputt gehen – oder wäre es schon längst. Ich habe absolut kein Problem damit, dass Erdogan in Deutschland Wahlkampf betreibt. Und dass die Wahlen in der Türkei gefälscht gewesen seien, ist einfach nur lächerlich.

Wir leben in Deutschland in einem demokratischen Land, in dem jeder seine Meinung frei äußern darf. Erdogan ist der Letzte, der seinem Land Schaden zufügen würde. Ich glaube, das Problem liegt vielmehr darin, dass viele Informationen nur noch über Berater kommuniziert werden – da geht einiges an Wahrheit verloren – oder wird falsch verstanden.“

Mahir Zeytinoglu (67), Hotelier aus München

Ich würde sofort eingesperrt werden

Kilic M.

„Erdogan ist ein Diktator und ein Lügner, der sein wahres Gesicht gekonnt verschleiert. Eigentlich ist Erdogan nämlich gar kein Türke, sondern ein jüdisch-stämmiger Georgier – aber das weiß hierzulande fast niemand.

Ich lebe mittlerweile seit 40 Jahren hier in Deutschland. Wenn ich Urlaub mache, bekomme ich jedes Mal Heimweh. Spätestens nach zwei bis drei Wochen. Deutschland ist mein Zuhause, und ich will nicht, dass sich daran etwas ändert. Aber mit Erdogan tut es das – definitiv. Und davor habe ich Angst. Ich hoffe sehr, dass dieser Mann nicht noch mehr Macht gewinnt, und finde es absolut richtig, dass Deutschland Pro-Erdogan-Veranstaltungen künftig verbieten will. Ich kenne mein Land: Würde ich das in der Türkei sagen, würde ich sofort eingesperrt.“

Kilic M. (58), Taxifahrer aus München

Sarah Brenner

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