Erdrutsche: Münchner Forscher erfinden Frühwarnsystem

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2009 starben bei einem Erdrutsch in Giampilieri auf Sizilien 19 Menschen.

München - Münchner Forschern ist eine große Erfindung geglückt: Ein neuartiges Gerät erkennt die Bewegungen von Felsen. Damit können Erdrutsche vorhergesagt werden.

Das Grauen kommt in der Nacht. Hunderte Tonnen Schlamm und Geröll wälzen sich durch das kleine Dorf Giampilieri auf Sizilien. Häuser werden wie Spielzeug weggerissen, mit ihnen die Menschen die darin leben. Die Bilanz des verheerenden Erdrutsches am 3. Oktober 2009: Dutzende Tote, Schäden in Millionenhöhe, viele Einwohner haben ihren Ort für immer verlassen.

tz-Stichwort: Erdrutsch

Erdrutsche entstehen meistens, wenn ein Hang zu viel Wasser aufgenommen hat. Das Wasser dient dann als Gleitschicht, auf der der Boden abrutscht. Ursachen können aber auch Erdbeben, Erosion oder die Abholzung von Wäldern sein. Einer der folgenschwersten Erdrutsche ereignete sich am 9. Oktober 1963 im norditalienischen Städtchen Longarone. Rund 270 Millionen Kubikmeter Gestein donnerten in einen Stausee oberhalb der Kommune. Die darauffolgende Flutwelle tötete knapp 2.000 Menschen.

Das Schicksal Giampilieris droht auch anderen Bergdörfern. Immer mehr Hänge geraten ins Rutschen. Alle zu überwachen war bisher unmöglich. Die permanente Kontrolle wäre viel zu aufwändig und zu teuer. Das haben Münchner Geoforscher von der Technischen Universität (TU) und der Universität der Bundeswehr jetzt geändert. Sie haben ein günstiges System ausgetüftelt, das gefährliche Hänge permanent überwacht und Gemeinden rechtzeitig warnt. „Wenn es marktreif ist, ist es eine echte Revolution“, sagt Professor Thomas Wunderlich von der TU. Denn bisher mussten die Forscher in gefährdeten Hängen stets Löcher bohren, teure Sonden darin versenken und aufgestellte Markierungspunkte anvisieren. Das ist nicht nur ein Riesen-Aufwand, auch weidende Kühe finden das teure wissenschaftliche Equipment offenbar interessant und trampeln es regelmäßig nieder.

Die Lösung des Problems besteht aus drei Teilen. Auch hier bohren die Forscher Löcher. „Die bestücken wir aber mit ganz simplen Koaxialkabeln, wie man sie von Antennenkabeln kennt“, sagt Professor Kurosch Thuro vom Lehrstuhl für Ingenieurgeologie. Rutscht die obere Schicht, wird das Kabel am Übergang zu festem Boden gequetscht. Das können die Wissenschaftler messen. Zudem verteilen die Forscher günstige GPS-Sensoren über den Hang. Dritter Teil des Systems ist ein so genannter Video-Tachymeter, ein optisches Gerät, mit dem der Berg vom Gegenhang beobachtet wird.

Der Clou: Der Tachymeter wird so programmiert, dass er auch Baumstümpfe oder Felsen erkennt und deren Bewegung misst. Ihr System haben die Forscher über drei Jahre lang am Sudelfeld bei Oberaudorf getestet. Dort bedroht ein Hang mehrere Almen und eine Bundesstraße. Ihr Fazit: „Wir verstehen jetzt viel mehr von dieser Bewegung.“ In zwei bis drei Jahren soll das System einsatzbereit sein. Professor Wunderlich schätzt die Kosten für eine Gemeinde auf rund 100 000 Euro. Ein Klacks, wenn man bedenkt welches Grauen ein Bergrutsch über ein Dorf bringen kann.

Tobias Gehre

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