Die Ergebnisse des Stadtteil-Checks

Wo die glücklichsten Münchner wohnen

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Das beliebteste Stadtviertel Münchens ist Schwabing-West mit der Note 2,35.

München - Sechs Wochen hat die tz ihre Leser beim größten Stadtteilcheck Münchens befragt, 7000 Bürger haben daran teilgenommen. Jetzt sind die Ergebnisse da, die die Uni Augsburg ausgewertet hat.

23 Kategorien von Miete, Verkehrsanbindung, Kulturangebot über Sauberkeit und Sicherheit haben wir abgefragt – und der Sieger unter den 25 Stadtvierteln ist: Schwabing-West mit einer Note von 2,35. Knapp dahinter folgen Au-Haidhausen (2,39) und Neuhausen-Nymphenburg (2,43). Sie liegen deutlich über dem Gesamt-Durchschnitt von 2,62, den die Münchner ihrer Stadt geben. Am Ende der Tabelle rangieren Allach-Untermenzing (2,80) und Obergiesing-Fasangarten (2,82). Am unzufriedensten sind die Menschen im Stadtteil Berg am Laim, den die Bewohner dort lediglich mit 2,88 benotet haben.

Keine Überraschung: Quer durch alle Viertel ziehen die durchweg schlechten Noten bei Mietkosten und Immobilienpreise das Ergebnis nach unten: Hier steht keine einzige 2 vor dem Komma! Am schlimmsten bewerten die Bewohner der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (Miete: 4,12 bzw. Immopreis 4,89) und im Bezirk Altstadt- Lehel (4,08 bzw. 4,75) die Lage. Das sind auch die schlechtesten Noten im gesamten Check.

Die mit 1,24 beste Zensur heimste übrigens die Maxvorstadt bei der Verkehrsanbindung ein. Top auch der Wert bei den Grünflächen in Untergiesing-Harlaching mit 1,50. Das lauteste Viertel ist laut tz-Leser Sendling-Westpark (3,23). Am unsichersten fühlen sich die Bürger in Ramersdorf-Perlach (2,91), am besten ist hier Altstadt-Lehel (1,81).

Die detaillierten Ergebnisse für alle Stadtviertel und alle Kategorien veröffentlichen wir ab Samstag im großen Stadtteilcheck der tz-Leser für ganz München.

Heute erzählen drei Menschen aus dem siegreichen Schwabing-West, was sie über ihr Viertel denken: OB Christian Ude, Kabarettist Helmut Schleich und Neu-Ankömmling Katja Kerschl.

Die ewig Liebe

Ude: Nicht so laut & und nicht so prominent

Daheim bei Ude und Kater Udefix am Kaiserplatz: Der Oberbürgermeister ist ein Ur-Schwabinger

OB Christian Ude hat selbst beim Stadtteilcheck mitgemacht. Dass sein Viertel jetzt gewonnen hat, freut den Rathauschef umso mehr. „Ich bin hier vor 66 Jahren geboren und liebe diesen Stadtteil“, sagt er. Dass die meisten seiner Nachbarn dieser Meinung sind, hat für ihn auch gute Gründe: „Schwabing-West ist nicht so prominent und nicht so laut wie Schwabing-Ost“, analysiert Ude. „Es ist deshalb beschaulicher, bietet Wohnungen in ruhiger Lage und liegt mit Bus, Tram und U-Bahn dennoch verkehrsgünstig.“

Ferner schätzt Ude das kulturelle Angebot mit der Schauburg, die dichte Kneipenkultur und die Grünflächen, die allen voran der Luitpoldpark bietet. Trotz der rasanten Entwicklung, die München in den vergangenen Jahrzehnten hingelegt hat, bewahrt sich Schwabing-West Udes Eindruck nach ein gewisse Entspanntheit.

Wenn er kommendes Jahr als Oberbürgermeister in Pension geht, wird aus seinem Wohnort natürlich auch der Altersruhesitz. „Ich habe hier meine Kindheit verbracht, während meines Studiums hier gelebt und als Mieteranwalt vielen Leuten im Viertel helfen können. Und vor allem sind es die Menschen, die hier leben, die es so lebenswert machen.“

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Eines stellt Genosse Ude zudem heraus: Schwabing-West ist seit jeher die einzige rote Insel im schwarzen Meer Bayerns, die im Landtag von der SPD erfolgreich gegen die CSU verteidigt werden kann: zunächst unter Franz Maget und seit September von Ruth Waldmann. „Für mich ist die private Heimat auch politisch ein Heimathafen geworden“, freut sich Ude. Einmal Schwabing, ewig Schwabing! Echte Liebe.

Die Hass-Liebe

Schleich: Schnösel & Familien

Wer wissen will, wie es sich anfühlt, auf einer Baustelle zu leben, der muss nach Schwabing-West ziehen. Das Viertel zwischen Nordbad, Kaiserstraße, Luitpoldpark und Elisabethplatz scheint der kaputteste Stadtbezirk unserer glänzenden Landeshauptstadt zu sein. In jeder Ecke findet sich ein Haus, vor dem ein Gerüst steht, das gerade saniert wird, entkernt ist oder kurz vor Beginn der Bauarbeiten steht.

Kabarettist Helmut Schleich wohnt am Hohenzollernplatz – und hat jüngst in einem Buch festgestellt: „Daheim is ned dahoam“

Bis vor einiger Zeit war das noch den nobleren Stadtvierteln wie dem Lehel oder dem Ostteil Schwabings vorbehalten. Doch mittlerweile ist unser Viertel anscheinend so attraktiv geworden, dass die Bagger jetzt auch auf die Nachkriegsbauten und die Wohnblocks der 60er-Jahre zurollen. Der Hohenzollernplatz, sehr weitläufig und darüber hinaus völlig verkehrsfrei, könnte ein wunderbares „Wohnzimmer“ des Viertels sein, wenn er nicht vor 30 Jahren von irgendeinem minder begabten Architekten unter Verwendung von vergammelten Blumentrögen und sinnlosen Bodendeckern unter den Bäumen derart kaputtgeplant worden wäre, dass er einen nur im Notfall zum Verweilen bringt. Einzig den Luitpoldpark bringen sie nicht klein. Der kleine und eventfreie Bruder des Englischen Gartens ist die grüne Oase unseres dynamischen Viertels.

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Neulich ist mir diese Dynamik wieder gewaltig auf die Pelle gerückt. Das Haus, neben dem ich wohne wurde vor fünf Jahren an eine Unternehmensberatung verkauft, luxussaniert und kürzlich war „House-warming-Party“ – wie die Einzugsfeier in Schnöselkreisen heißt – stilecht münchnerisch mit Türsteher, Caterer & Prosecco. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mit nacktem Oberkörper und Bierflasche an meinem Fensterbrett zu hängen und den Neu-Schwabingern zuzuprosten. Die leichte Irritation über das vermeintlich mit eingekaufte prekäre Wohnumfeld bereitet mir noch heute Vergnügen.

Schließlich habe ich in einem Immobilienprospekt, der sanierte Wohnungen in Schwabing-West angepreist, gelesen: „Die gemischte Struktur des Viertels macht sein besonderes Flair aus.“ Ganz normale Leute gehören hier also dazu. Auch Familien mit Kindern. 10.000 Euro Monatseinkommen wären halt gut.

Die neue Liebe

Hier gibt es einfach alles!

Katja Kerschl ist vor etwa einem Jahr nach Schwabing-West gezogen. Vorher hat sie in Landshut gewohnt. „Ich wollte raus von zuhause und München ist eine wirklich schöne Stadt. Außerdem hab ich hier einen Arbeitsstelle bekommen“, erzählt die 18-Jährige, die eine Ausbildung zur Kommunikationskauffrau macht.

Seit einem Jahr wohnt Katja Kerschl in Schwabing-West. Die Entscheidung für ihren Traum-Stadtteil hat sie nicht bereut

Nach längerer Suche hat sie auch eine bezahlbare Wohnung in ihrem Traum-Stadtteil gefunden: „Da ist der Ruf von Schwabing-West wirklich schlimmer als die Realität. Für meine Einzimmerwohnung mit 26 Quadrametern zahle ich 420 Euro. Das ist total okay.“ Sich für den Stadtteilsieger entschieden zu haben, hat Kerschl noch nie bereut. „Man hat hier einfach alles! Es ist super zentral, gibt viele Parks, Bars und junge Leute. Die Verkehrsanbindung ist toll. Ich fahre überall mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad hin. Hier kannst du sogar bis 5 Uhr morgens frische Eier kaufen“, schwärmt sie. Und tatsächlich: In der Clemensstraße 84 gibt es einen Schnellimbiss/Laden, in dem von Zucker über Nudeln und Teebeuteln bis hin zur Pizza alles mögliche verkauft wird.

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Kerschls Lieblingsplätze im Stadtteil sind aber der Luitpoldpark und die vielen kleinen Cafés: „Die sind wahnsinnig gemütlich. Da fühlt man sich wie bei dahoam bei der Oma.“ Wegziehen aus Schwabing-West? Kommt für sie nicht in Frage.

tz-Interview mit Dr. Hilpert von der Uni Augsburg

Herr Dr. Hilpert, Sie haben mit Ihrem Forscherteam von der Uni Augsburg den Wohlfühl-Faktor der Münchner erforscht. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Hilpert: Die Lebensqualität ist sehr hoch! Wir haben in Süddeutschland ohnehin ein recht gutes Wohlfühl-Niveau – und das wird in München noch getoppt.

Gibt es an der Isar auch Problemviertel?

Hilpert: Richtig schlecht ist die Lebensqualität nirgends. Es gibt aber Stadtteile, in denen die Münchner nicht ganz so zufrieden sind. Dazu behört Ramersdorf-Perlach sowie Milbertshofen-Am Hart und Berg am Laim. Aber wie gesagt: Das ist Jammern auf höchstem Niveau!

Geht die Schere in der Stadt zu weit auseinander?

Hilpert: Nein. Die Unterschiede sind nicht groß. In anderen Städten gibt es richtig reiche und sehr arme Viertel. Aber solche Polarisierungen gibt es in München nicht.

Sie haben die Studie mit ihren Mitarbeitern und Studenten am Lehrstuhl für Humangeographie der Uni Augsburg für die tz erstellt. Wie war das Vorgehen?

Dr. Markus Hilpert von der Universität Augsburg

Hilpert: Das war zunächst viel Handarbeit! Fast 3500 ausgefüllte Fragebögen mussten unser Mitarbeiter Florian Haas nämlich in den Computer eintippen, damit wir sie zusammen mit den Angaben der 3500 Teilnehmer im Internet statistisch und mit wissenschaftlichen Methoden auswerten konnten. Bis zum Sommer haben die 30 Studenten dann in meinem Seminar mit meiner Mitarbeiterin Daniela Schneider die Daten genau analysiert. Dann sind sie in alle 25 Stadtbezirke ausgeschwärmt, um von den Münchnern vor Ort die besten Geschichten aus den Vierteln zu erfahren – und aufzuschreiben. Ich glaube, dass die Ergebnisse ziemlich repräsentativ sind.

"Unser München": Münchner Stadtteile im Porträt

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Stefan Dorner, Helmut Schleich, Ramona Anner, David Costanzo

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