Mr. Slowhand in München

Eric Clapton in der Oly-Halle: tz-Kritik

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Eric Clapton bei einem seiner Konzerte

München - Wer Mr. Slowhand nicht in der ausverkauften Oly-Halle erlebte, der hat etwas versäumt. Eric Clapton zeigt sich von seiner tiefsten, emotionalsten Seite - und in höchster Spiellaune.

Sonntag, 21.48 Uhr. Eric Clapton tut es wieder. Etwas, das nur er kann: Er schlägt während des Solos zu I Shot The Sheriff eine Saite auf seiner Stratocaster an, zieht sie langsam zwei Töne nach oben – und lässt sie stehen. Sekundenlang surrt der Ton glasklar durch den Raum. Das Publikum staunt, seufzt – um dann in tosenden Applaus auszubrechen. Große Kunst.

Wer Mr. Slowhand nicht in der ausverkauften Oly-Halle erlebte, der hat etwas versäumt. Clapton zeigt sich von seiner tiefsten, emotionalsten Seite – und in höchster Spiellaune. Mit Hello Old Friend legt der Weltstar los, mit My Father’s Eyes nach: eine wunderschöne Ballade mit großartigen Background-Sängerinnen.

Das Lied dreht sich um Claptons verstorbenen Sohn Conor, der einst aus dem Fenster eines Hochhauses zu Tode stürzte. Immer, wenn Eric Clapton in die Augen seines Kleinen schaute, sah er auch die Augen seines Vaters. Diesen hatte er nie persönlich kennengelernt. Man merkt dem 68- Jährigen beim Singen an, dass er jede Zeile fühlt.

Wer ein Medley der größten Hits erwartete, lag falsch: Drei Nummern folgen vom großartigen Album Layla von 1970. Voll dampfender Energie legt die achtköpfige Band das treibende Tell The Truth hin, wenig später folgt eine akustische Version des Blues-Standards Nobody Knows You When You’re Down And Out. Besonders der zweite Gitarrist, Doyle Bramhall II, kann hier mit geschmackvollen Läufen und Soli glänzen. Und Chris Stantons Keyboard-Solos sind sowieso das Feinste im Blues. Traumhaft.

Und dann? Clapton entscheidet sich für eine jazzige Version von Come Rain Or Come Shine sowie Robert Johnsons Love In Vain. Der Mann spielt, auf was er Lust hat. Er muss keine Alben mehr verkaufen, Geld hat er genug verdient. Das kitschige Wonderful Tonight (eines seiner meistverkauften Lieder) lässt er einfach mal unter den Tisch fallen. Gut so.

Gut ist sowieso, wenn Clapton das tut, was er am besten kann: den Blues spielen. Bei Little Queen Of Spades stockt einem regelrecht der Atem. Niemand saust so filigran übers Griffbrett wie der Meister, lässt die Noten so flüssig ineinanderfließen und setzt dennoch perfekte Pausen. Kein Wunder, dass B.B. King mal über seinen Kollegen sagte: „Clapton? Er ist der Beste von uns allen.“

Am Ende des Konzerts kommen noch die Fans der großen Hits auf ihre Kosten: Erst schießt Clapton sein Cocaine aus der Hüfte, dann erinnert er mit Sunshine Of Your Love an die großen Cream-Zeiten. Damals, Mitte der 60er, begannen die Fans bei seinen großartigen und ewig langen Soli, langsam rhythmisch mitzuklatschen – sie spendeten ihm langsamen Applaus, a slow hand. Da kommt der Spitzname der lebenden Legende her. Hat also nichts mit seiner Geschwindigkeit auf dem Gitarrenhals zu tun, die ist alles andere als slow.

Armin Geier

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