Ex-Politiker und Löwenpräsident

Erich Riedls Rück-Runde zum 80. Geburtstag

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Erich Riedl

München - Erich Riedl ist schmal geworden, er wirkt gebrechlich, es geht nur noch langsam voran. Körperlich ist nicht viel übrig von dieser einst so massiven Erscheinung, von einem g’standenens Mannsbild.

Erich Riedl ist schmal geworden, er wirkt gebrechlich, es geht nur noch langsam voran. Die wenigen Meter von seinem Auto ins Café Widmann in der Großhaderner Heiglhofstraße, sie dauern. Das Gehen fällt ihm schwer, er braucht einen Stock, die Beine wollen nicht mehr so richtig. Spätfolgen einer Kinderlähmung, dazu lassen die Muskeln nach. Körperlich ist nicht viel übrig von dieser einst so massiven Erscheinung, von einem, über den man sagte, er sei ein g’standenes Mannsbild. Von Erich Riedl. Vor Kurzem feierte das Münchner Polit-Urgestein seinen 80. Geburtstag. Wir führten ein dreistündiges Exklusiv-Gespräch mit ihm. Was er über Strauß, Saddam Hussein und die Löwen sagt, lesen sie hier:

Erich Riedl über …

Riedl neben Strauß: "Kaum einer kannte ihn besser"

… Franz-Josef Strauß: Wer sich heute alles als Strauß-Experte ausgibt, das ist schon enorm. Kaum einer kannte ihn besser als ich. Sein Scharfsinn und seine historische Intellektualität waren einzigartig. Aber anders als heute viele sagen, war er auch ein großer Zauderer. Allein die Debatte um den Atomwaffensperrvertrag. Er hat alle Seiten beleuchtet, erst dann hat er sich entschieden. Das gibt es heute nicht mehr. Ein Horst Seehofer etwa, der erklärt die Beschäftigungsaffäre seiner Abgeordneten einfach für erledigt. Beim Strauß wäre es gar nicht erst soweit gekommen.

… einen Besuch bei Strauß in dessen Sendlinger Wohnhaus: Komme ich durch die Gartentür, gehe durch den Garten, steht Strauß zum Empfang an der Haustür. Sagt er: „Haben Sie den Kasperl schon gezogen?“ Frage ich: „Welchen Kasperl?“ Sagt er: „Den draußen im Garten, sonst kommen Sie mir nicht rein.“ Gehe ich zurück, hängt da ein Hampelmann mit Schnur. Darauf stand: „Dr. Kohl“.

… einen Besuch mit Strauß beim chilenischen Diktator Pinochet: Über die Beziehung der beiden entstand ein völlig falsches Bild. Einmal besuchten wir ihn in der Stadt Vina del Mar. Strauß saß da, Pinochet dort, ich daneben. Marianne war mit Frau Pinochet in der Küche, sie ließ sich zeigen, wie man chilenische Seeaale zubereitet. Plötzlich sagt Strauß zum Pinochet: „Jetzt hol’n S’ amal a Blatt Papier und einen Kugelschreiber.“ Pinochet steht auf, holt Block und Stift, da fängt der Strauß an, ihm auf Spanisch und Englisch eine neue Verfassung für Chile zu diktieren. Ab Artikel 1, wie unser Grundgesetz. Und Pinochet schrieb mit. Ein paar Jahre später eskalierte die Lage in Chile, da sagte Strauß zu mir über Pinochet: „Der Trottel. Hätte er halt gemacht, was ich ihm gesagt habe.“

Beim Jubel mit Jupp Kapellmann im Olympiastadion

… einen Besuch in China: Ich war Vorsitzender des Vertrauensgremiums der deutschen Geheimdienste. Kurz vor einer Reise nach China kam Strauß zu mir und sagte: „Herr Riedl, besorgen Sie mir doch die Aufmarschpläne der Sowjets an der chinesischen Grenze, am besten schriftlich.“ Schriftlich ging natürlich nichts, aber mündlich. Als wir in Peking bei Deng Xiaoping saßen, fing Strauß zu erzählen an, verdoppelte in seinen Schilderungen die Zahl der Sowjets, der Deng wurde immer nervöser. Am Schluss sagte Strauß: „Bitte verurteilen Sie Ihren Geheimdienstchef jetzt nicht zum Tode, weil er Ihnen nicht das gesagt hat, was ich Ihnen nun erzählt habe.“

… einen Besuch bei Saddam Hussein 1996: Saddam erkundigte sich über Strauß, fragte mich: „Warum ist er gestorben?“ Sagte ich: „Nun, er hat leider gut gegessen und gut getrunken und gerne gelebt.“ Sagt Hussein: „Meinen Sie, ich tue das nicht?“

… seine Rolle als Buhmann nach dem Zwangsabstieg des TSV 1860: Damit musste ich leben. Im Parlament gab es auch Häme. In einer legendären Haushaltsdebatte beschimpfte mich Herbert Wehner immer wieder: „Sie Absteiger, Sie Absteiger.“ Am gleichen Tag stehe ich in der Toilette, plötzlich kommt Wehner rein, stellt sich neben mich. Sagt er: „Nicht dass Sie meinen, ich hätte was gegen 1860, ist ja ein alter Arbeiterverein. Aber ich ärgere mich, dass sie jedes Wochenende verlieren.“ Dann ging er wieder. Mit Wehner habe ich mich immer sehr gut verstanden, ein großartiger Politiker.

… eine Begegnung mit Joseph Ratzinger 1977, damals Erzbischof von München und Freising: Das war kurz vor unseren Relegationsspielen mit 1860 gegen Bielefeld um den Aufstieg in die Bundesliga. Ratzinger war immer auf der Seite der Sechzger. Sage ich zu ihm: „Bitte legen Sie da oben ein gutes Wort für uns ein, sonst haben wir beim ersten Spiel in Bielefeld keine Chance.“ Und was ist? Bielefeld gewinnt das Spiel 4:0. Dann im Rückspiel die Sensation, wir gewinnen 4:0 und das Entscheidungsspiel in Frankfurt 2:0, steigen in die Bundesliga auf. Kurze Zeit später sehe ich Ratzinger wieder, sage ich: „Herr Kardinal, da hat ihr Gebet beim ersten Mal aber nichts geholfen.“ Da schaut mich Ratzinger an und sagt: „Herr Riedl, merken Sie sich für Ihr ganzes Leben: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen sicher."

Verehrt und angefeindet

Das Ehepaar Riedl mit den beiden Töchtern Barbara und Susi (re.)

Es gibt nur wenige Münchner Politiker, die die Bundespolitik so erlebt und so geprägt haben wie Erich Riedl. Und nicht viele, die so polarisiert haben wie er. Von vielen verehrt, von anderen angefeindet, vor allem von vielen Fans des TSV 1860, bei denen sein Name zum Synonym für Misswirtschaft wurde, da unter seiner Präsidentschaft (1974 bis 1981) die Löwen nach dem Lizenzentzug in die Bayernliga absteigen mussten.

Geboren am 23. Juni 1933 im Sudetenland arbeitete Riedl nach dem Krieg im gehobenen Postdienst, studierte BWL und machte 1962 seine Promotion zum Doktor. 1964 trat er der CSU bei, 1969 wurde Riedl über die Landesliste in den Bundestag gewählt, später als Direktkandidat im Wahlkreis München-Süd. Von 1987 bis 1993 war er im Kabinett Kohl Parlamentarischer Staatssekretär der FDP-Bundeswirtschaftsminister Bangemann, Haussmann, Möllemann.

1996 ermittelte die Staatsanwaltschaft Augsburg gegen Riedl, es ging um Steuerhinterziehung und Provisionen im Zusammenhang mit den Waffengeschäften von Karl-Heinz Schreiber, weshalb auch gegen Max Strauß ermittelt wurde. Der Bundestag hob Riedls Immunität auf. Als die Ermittlungen mangels Tatverdacht wieder eingestellt wurden, bekam Riedl im Bundestag 1997 die Immunität zurück. Bei der Wahl 1998 verlor er seinen Wahlkreis, nach 29 Jahren im Parlament verließ er den Bundestag. Seitdem ist es ruhig geworden um ihn. Riedl lebt mit seiner Frau Gertrud in Hadern, die beiden haben drei Kinder: Gerhard (54), Susi (50), Barbara (46). Zu seinem 80. Geburtstag reiste Riedl mit seiner Frau für eine Woche in die alte Heimat, nach Franzensbad: „Dort war ich seit meiner Jugend nicht mehr.“

Florian Kinast

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