Königinstraße: Neue Gedenktafeln für in der NS-Zeit ermordete Juden angebracht

Erinnerung an unermessliches Leid

Marianne Wintgen mit einer Rose in der Hand an der Gedenktafel, die sie für Paul Hirsch und dessen Mutter Auguste beantragt hat. 
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Marianne Wintgen mit einer Rose in der Hand an der Gedenktafel, die sie für Paul Hirsch und dessen Mutter Auguste beantragt hat. 

Marianne Wintgen steht vor dem Haus an der Königinstraße, hält zwei rote Rosen in der Hand und berührt sanft das Erinnerungszeichen für Paul Hirsch. Er war ein Freund der Familie und wurde im Dritten Reich von den Nazis ermordet. Wie das Ehepaar Landauer, das auch in dem Gebäude nahe dem Englischen Garten gelebt hat. Wintgen wohnt in Berlin, zur Einweihung der Gedenktafel, die sie beantragt hat, ist die 78-Jährige an diesem Herbsttag extra nach München gereist. Weil es ihr wichtig ist, dem Familienfreund würdig zu gedenken.

Pfingsten 1942. Helene Wintgen will ihren guten Freund Paul Hirsch in einem Sanatorium nahe Koblenz besuchen. Doch die Heilanstalt ist leer gefegt. Ein Geisterhaus. Das ganze Sanatorium sei evakuiert worden, heißt es, als sich Helene Wintgen im Ort erkundigt. Sie ahnt Böses. Was sie damals noch nicht weiß: Alle 271 jüdischen Patienten sind mit dem Zug ins Vernichtungslager Sobibor deportiert worden. Dort werden Paul Hirsch und die anderen Menschen sofort nach Ankunft am 19. Juni 1942 von der SS ermordet – sie sind Opfer des Euthanasieprogramms der Nazis. In ihren Erinnerungen schreibt Helene Wintgen: „Wir hoffen, dass Paul Hirsch schon den Transport nicht überlebt hat.“

Marianne Wintgen ist die Enkelin von Helene Wintgen. Hirschs trauriges Schicksal wäre wohl für immer in Vergessenheit geraten, hätte sie nicht eines Tages Briefe aus dem Nachlass ihrer Großmutter gefunden. In den Schriftstücken erfährt man viel über die Biografie des Münchner NS-Opfers.

Paul Hirsch hat zusammen mit seiner Mutter lange in dem Haus an der Königinstraße gewohnt, an dem jetzt das Erinnerungszeichen angebracht worden ist. Er besucht das Wilhelms-Gymnasium. In Göttingen studiert er und promoviert in Physik. Dort lernt er auch Helene Wintgen, die Großmutter von Marianne Wintgen, kennen.

Hirsch ist ein vielseitig begabter Mann, passionierter Geiger, Schriftsteller und viel auf Reisen. Sein legerer Lebensstil gefällt den Nationalsozialisten nicht. Ende der 1930er-Jahre beginnt er zu kränkeln. physisch und psychisch. Im April 1941 verschleppen ihn die Nazis in eine Heilanstalt bei Koblenz. Es ist eine Reise ohne Wiederkehr. Bei seinem Tode ist Paul Hirsch 56 Jahre alt. Auch das Konterfei von Hirschs Mutter Auguste ist an der Hausfassade verewigt. Sie emigriert im August 1939 in die Niederlande und stirbt im Alter von 85 Jahren am 2. April 1942 in Arnheim. Nur zwei ihrer fünf Kinder überleben den Holocaust.

Das schmucke Jugendstilgebäude am Englischen Garten – es ist heute ein Bürogebäude – atmet überhaupt eine tragische Geschichte. Hier haben auch Franz und Tilly Landauer gelebt. Den Eheleuten sind vor gut drei Jahren die ersten Erinnerungszeichen gewidmet worden. OB Dieter Reiter (SPD) sagte damals beim Gedenkakt: „Eine geachtete Familie, waschechte Münchner.“ Doch während der NS-Diktatur werden sie drangsaliert und Franz Landauer, Bruder des früheren FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer, zwischenzeitlich ins KZ Dachau verschleppt. 1939 gelingt dem Ehepaar die Ausreise in die Niederlande. Reiter: „Wie schwer mag es ihnen gefallen sein, ihre Heimatstadt München verlassen zu müssen.“ Die Landauers wägen sich zunächst in Sicherheit. Nach dem Einmarsch der Nazis geraten sie erneut in die Fänge ihrer Verfolger. Franz Landauer erliegt am 10. Juli 1943 im Alter von 60 Jahren den prekären Lebensbedingungen im niederländischen Internierungslager Kamp Westerbork. Tilly Landauer wird am 15. Oktober 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Sie wird 57 Jahre alt.

Die Landauers und die Hirschs – nun also künden vier Erinnerungszeichen an dieser Hauswand in Schwabing von den tragischen Schicksalen der ehemaligen Bewohner. Gedenktafeln, die zum Innehalten bewegen, die das unermessliche Leid der Opfer aber bis heute nicht begreifbar machen können.

Heute ist dieses Gebäude nahe dem Englischen Garten ein Bürohaus. Foto: Jens Hartmann
Paul Hirsch wurde von den Nazis ermordet.

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