Erkältungswelle und Influenza

Die Stadt schnieft: Wo die Erreger lauern

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Prof. Georg Vogel und Charlotte Komm unter­suchen Patient Heinz Wirler

München - Die Stadt schnieft! Eine Erkältungswelle rollt über München hinweg. Dazu gibt es Influenza-Fälle. Wir sagen Ihnen, wo uns die Erreger auflauern, und wann Antibiotika das falsche Mittel sind. 

Husten, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen – in Münchens Arztpraxen geben sich die Erkältungs­patienten derzeit die Klinke in die Hand. Und was noch schlimmer ist: Neben vergleichsweise harmlosen grippalen Infekten breitet sich auch die gefährliche echte Grippe immer weiter aus!

Experten des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) berichten, dass sich in Deutschland allein in der vergangenen Woche etwa 1700 Patienten mit Influenza-Viren angesteckt haben. „Das ist eine hohe Zahl“, sagte ein RKI-Sprecherin.

Zwar ist Bayern heuer noch nicht so stark betroffen wie im vergangenen Winter. Trotzdem dürfe man die Entwicklung nicht auf die leichte Schulter nehmen, warnt Professor Georg E. Vogel. In seiner Nymphenburger Praxis hat der renommierte Grippe-­Experte allein am Mittwoch sechs neue Influenza-Fälle ­diagnostiziert und behandelt. „Anders als ein grippaler ­Infekt kann Influenza im schlimmsten Fall tödlich enden“, betont der Internist.

Die Stadt schnieft – lesen Sie in Münchens größtem Praxis-Report, was sich in den Wartezimmern abspielt, wie Grippe-Patienten unter der Krankheit leiden und wie Sie sich dagegen wappnen können.

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Heinz Wirler (58) ist hart im Nehmen. Deshalb ist er auch nicht gleich zum Arzt gegangen, als ihn am vergangenen Sonntag plötzlich diese heftigen Kopf- und Gliederschmerzen überfielen. Am Montagfrüh meldete er sich in seiner Firma für zwei Tage ab, legte sich ins Bett. „Ich wollte mich gesundschlafen und am Mittwoch wieder zur Arbeit gehen“, erzählt der Unterschleißheimer. Aber daraus wurde nichts. Stattdessen saß Wirler am Mittwochvormittag in der Praxis von Professor Vogel. Die Diagnose: Influenza, Typ B.

„Ich fühlte mich hundeelend, war benommen und konnte mich kaum mehr auf den ­Beinen halten“, erzählt der Patient. „Es ging mir praktisch von Stunde zu Stunde immer schlechter.“

Offenbar hatte sich Wirler besonders angriffslustige Viren eingefangen. „Ich habe selten einen so aggressiven Verlauf erlebt“, ­berichtet Professor Vogel, „auf dem Röntgenbild waren bereits Anzeichen für eine Lungenentzündung zu sehen – und das innerhalb von gerade mal drei ­Tagen.“

Der Patient bekam noch in der Praxis eine erhöhte Dosis Tamiflu, ein Medikament zur Bekämpfung der Influenza­viren, sowie Infusionen.

Am Donnerstag fühlte er sich bereits deutlich besser. „Es ist schon gespenstisch, wie schnell mich die Krankheit überfallen hat“, sagt Heinz Wirler der tz. „Ich bin froh, dass ich es doch noch rechtzeitig zum Arzt geschafft habe. Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn ich noch einen Tag abgewartet hätte.“ Professor Vogel sieht’s ähnlich: „Herr Wirler hätte an der Influenza sterben können.“

Auch Gabriele Blachnik hat letztlich alles richtig gemacht. Die Münchner Modedesignerin wollte sich eigentlich auf die nächsten Messen vorbereiten, doch am Mittwochmorgen baute sie radikal ab. „Innerhalb von zwei, drei Stunden habe ich einen starken innerlichen Schüttelfrost und wahnsinnige Kopfschmerzen bekommen. Ich war total fertig und bin sofort zum Arzt gefahren.“ Der Schnelltest von Professor Vogel ergab dieselbe Diagnose: Influenza B. „Ich habe diese Krankheit zum ersten Mal, keine Ahnung, wo ich mich angesteckt habe“, berichtet Gabriele Blachnik, „aber diese Virus-Grippe ist wirklich heftig!“

Die Gefahr dabei sei, so Professor Vogel, dass viele Menschen die Erkrankung unterschätzen: „Die Influenza ist nach wie vor eine sehr gefährliche Infektionskrankheit. Sie kann die Patienten das Leben kosten – und zwar nicht nur Babys und ältere Leute.“

Andreas Beez

Erreger lauern in U-Bahn und Großraumbüros

Ausnahmezustand in den Münchner Arztpraxen! „Am Montag haben wir die Vormittags-Sprechstunde erst um 14 Uhr beendet“, sagt Dr. Markus von Specht aus Laim. Ähnliches berichten Kollegen aus anderen Stadtteilen. „Bei uns ist wesentlich mehr los als sonst“, sagt zum Beispiel Dr. Stefanie Regensburger, die in einer Gemeinschaftspraxis im Glockenbachviertel arbeitet.

Die Erkältungswelle legt vor allem jüngere Berufstätige bis etwa 45 Jahre lahm. „Die stecken sich meistens in der U-Bahn oder im Großraumbüro an“, so Prof. Albert Standl. In seiner Praxis in der Au behandelt der Hausarzt zurzeit drei bis vier Mal so viele Menschen mit grippalen Infekten.

Ungewöhnlich in diesem Jahr: Die grippalen Infekte sind sehr hartnäckig und ärgern die Betroffenen oft mehrere Wochen lang. Wenn Schnupfen, Fieber, Hals- und Gliederschmerzen den Körper schon wieder verlassen haben, schlägt der Husten zu. Er wird vor allem durch gereizte Schleimhäute ausgelöst. „Man kann sich das vorstellen wie eine Schürfwunde im Hals. Die will der Körper durch Husten loswerden“, erklärt Dr. Iva Tauer-Reich aus Perlach. Für die Kranken bedeutet das oft schlaflose Nächte. „Manche haben sogar Schmerzen an den Rippen, weil die Muskulatur sich verkrampft“, so Tauer-Reich. Hustentropfen helfen, um zumindest wieder schlafen zu können. „Die besten Mittel zur Unterstützung sind frische Luft, warmer Tee und Salbei-Bonbons“, so die Hausärztin.

Beate Winterer

Vorsicht bei Antibiotika

So wenig wie möglich, so viel wie nötig – bei einer normalen Erkältung sollte man sich nicht vorschnell Antibiotika verschreiben lassen. Sie sind zwar ein sehr effektives Medikament im Kampf gegen bakterielle Erkrankungen. „Aber grippale Infekte werden in den allermeisten Fällen von Viren verursacht“, erklärt der erfahrene Münchner Mediziner Dr. Nikolaus Frühwein. „Diese Infekte flauen meist nach vier bis fünf Tagen von alleine ab.“

Die Crux: Wer Antibiotika einnimmt, der bekämpft nicht nur die gefährlichen Bakterien, sondern auch die nützlichen. Dadurch kann die Darmflora Schaden nehmen. Es können Nebenwirkungen wie Durchfall auftreten.

Bei einem grippalen Infekt sollte sich der Patient schonen und die Selbstheilungskräfte seines Körpers unterstützen, rät Dr. Frühwein: „Wer Fieber hat, der sollte zu Hause bleiben und sich einfach mal ein, zwei Tage ins Bett legen und ausruhen. Trinken Sie elektrolythaltige Getränke.“ Sinnvoll könne es auch sein, vorübergehend Aspirin zu nehmen: „Das hilft dabei, die Entzündungswerte zu senken.“

tz

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