Ludger R. kritisiert Schlachthof

Totes Rindvieh: Jetzt spricht der Kuh-Händler

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Viehhändler Ludger R. (49) vor seinem Lkw, mit dem er Kühe transportiert.

München - Die tote Kuh von der Theresienwiese beschäftigt nach wie vor die Münchner. Jetzt hat sich der Kuh-Händler zu Wort gemeldet. Ihm war das Tier auf dem Schlachthofgelände ausgebüxt.

Zwei Kerzen, eine rote Rose und eine kleine Kuh als Kuscheltier: Das ist alles, was von dem Drama am Dienstag geblieben ist, als die Polizei am Bavariaring eine Kuh erschießen musste. Bei der Anlieferung am Schlachthof war das achtjährige Tier frühmorgens ausgebüchst und rannte verängstigt quer durchs Viertel bis zur Wiesn. Dabei fiel es eine Joggerin an und demolierte auch zwei Polizeiwagen.

„Es hätte alles noch viel schlimmer ausgehen können, zum Beispiel mit einer Massenhysterie und weiteren Verletzten“, sagt Ludger R. (49). Er ist der Viehhändler aus dem Emsland, der die Kuh angeliefert hatte. In der tz erklärt er, wie alles wirklich ablief!

„Wir kaufen Tiere in der jeweiligen Region und beliefern den Münchner Schlachthof zweimal pro Woche – seit mittlerweile drei Monaten. Am Dienstag hatte ich 28 Tiere dabei, die wir in Nürnberg gekauft hatten“, sagt R. „Vom Lkw laden wir sie am Schlachthof über Rampen in Treibgänge ab, dafür ist vor Ort der Stallmeister zuständig.“ Das Problem: „Ich wurde wegen der Papiere ins Büro gerufen und ließ den Mann kurz alleine abladen. Plötzlich schrie er: ‚Eine Kuh ist weg!‘“ Der Fehler liege beim Schlachthof, bemängelt der Viehhändler. Denn schon länger entspreche dieser nicht mehr den Standards.

„Die Rampe unseres Lkw ist 2,50 Meter breit, die am Schlachthof aber etwa 3,20 Meter. Je nachdem, wie mittig man den Laster parkt, bleibt an den Seiten also noch Luft. Überall sonst werden die Gatter an den Seiten arretiert, nur hier funktioniert das nicht.“ Gleichzeitig seien die Herdentiere es von der Weide gewohnt, durch Nischen zu schlüpfen – am Schlachthof sind sie zudem nervös vom Transport. „Kein Mensch kann sich da einfach in den Weg stellen.“

In 20 Jahren sei es nie vorgekommen, dass beim Transport Passanten verletzt wurden. „Das Problem in München ist auch, dass das Schlachthof-Gelände wegen der Geschäfte nicht eingezäunt ist – ich wundere mich, dass das Veterinäramt so etwas überhaupt erlaubt“, sagt R. „Auch das Tor stand offen! Wir fahren Schlachtereien in der ganzen Republik an. Der Vorfall mit der Kuh hätte woanders sicher vermieden werden können.“

So aber floh sie, wurde wild – und gezielt getötet. „Ich habe der Polizei dazu geraten, sie zu erschießen. Sie war außer Kontrolle und eine Gefahr.“ Für R. könnte der Vorfall nun teuer werden. Denn neben den Einsatzkosten und kaputten Polizei-Autos kann auch die Joggerin Schmerzensgeld fordern. Zudem fehlen ihm rund 1000 Euro an Einnahmen für den Verkauf der Kuh. Der Viehhändler: „Aus meiner Sicht hat der Stallmeister fahrlässig gehandelt.“

Das sagt der Schlachthof

Bis zu 1500 Rinder werden – je nach Auftragslage – pro Woche am Schlachthof angeliefert. Dass ein Tier ausreißen konnte, kam bislang nicht vor. „Es bestehen Anhaltspunkte dafür, dass menschliche Unachtsamkeit bei der Verriegelung des Gatters nicht ausgeschlossen werden kann. Wir befinden uns noch im Aufklärungsprozess“, sagt Andrea Attenberger, Geschäftsleiterin der Schlachthof Betriebs GmbH. Das Gelände sei „zentral zugänglich“ und daher nicht abgesperrt – so gelang der Kuh die Flucht in die Stadt. Vorwürfe über ungenügende Standards weist Attenberger zurück: Der Schlachthof erfülle sämtliche Vorgaben der Aufsichtsbehörde: „Die neuesten Qualitätsanforderungen werden eingehalten.“ Zudem werde die Anlieferung der Rinder „im Außen- und Innenbereich durch mehrere Vertreter des Veterinäramtes München überwacht.“ Im eingezäunten Bereich seien Treibgänge Standard, dazu überwachten Veterinärbeamte, wie Lieferanten die Rinder an Lohnschlächter übergeben.

Verrückt: So trauert München um tote Kuh "Bavaria"

Andreas Thieme

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