Vom Braunen Haus zum weißen Würfel

Die tz gibt erste Einblicke ins NS-Dokuzentrum

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Ein weißer Würfel gegen die dunkle Zeit: Am 30. April öffnet das NS-Dokuzentrum.

München - Das NS-Dokumentationszentrum in der Brienner Straße steht vor der Eröffnung. Die tz erklärt die Entstehungsgeschichte, wie die Ausstellung wird und was sich die Architekten gedacht haben.

Es kommt spät, aber nicht zu spät, hat der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer (95) einmal über das NS-Dokumentationszentrum in der Brienner Straße gesagt. Am 30. April begrüßt OB Dieter Reiter (SPD) hochrangige internationale Gäste zum Festakt – auf den Tag genau 70 Jahre nachdem die US-Armee die Stadt befreite. Die erste Maßnahme der Soldaten der Rainbow Division: Sie schraubten das Stadtschild mit der Aufschrift „Hauptstadt der Bewegung“ ab.

Gespannt auf die Eröffnung (v.l.): OB Dieter Reiter, Gründungs­direktor Prof. Winfried Nerdinger, Baureferentin Rosemarie Hingerl, Kulturreferent Hans-Georg Küppers.

Warum München? Und was geht uns das heute an? So lautet die entscheidende Frage, die das Dokuzentrum beantworten will. „München ist wie keine andere Stadt mit der Frühgeschichte des Nationalsozialismus verbunden“, sagt OB Reiter. Hier wurde Adolf Hitler groß, hier übernahm er 1921 die NSDAP – und in der Brienner Straße schuf er 1930 die Parteizentrale im „Braunen Haus“ – der erste Kontrollraum in der Maschinerie des Völkermords. Bald wurde die Nachbarschaft zum Parteiviertel, in 60 Gebäuden wurden mehr als 6000 Menschen zu Rädchen in der Maschinerie.

Heute ist es das Kunstareal mit Blick auf das Lenbachhaus mit Universitäten in der Nachbarschaft. „Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle, die im Sommer hier auf den Wiesen liegen, dieser Geschichte bewusst sind“, sagt Reiter. Wohl kaum. Aber dieses Bewusstsein soll das Dokuzentrum schaffen – nicht als Museum, sondern als Ort der Aufklärung.

Der weiße Würfel wird kein Hochsicherheitstrakt – Alarmanlage und Videoüberwachung genügen. „Wir wollen einen Lernort“, sagt Reiter. Bis zu 250.000 Besucher – Münchner und Touristen – erwartet die Stadt im Jahr. Für Schulklassen gibt es Arbeitsräume, für Lesungen und Diskussionen einen Saal für 200 Zuschauer. Von 1. Mai bis Ende Juli haben die Besucher freien Eintritt. Die Kosten von 28,2 Millionen Euro teilen sich Stadt, Freistaat und Bund. Den Anstoß gaben 2005 engagierte Münchner.

Genau 70 Jahre hat es also gedauert. Gründungsdirektor Prof. Winfried Nerdinger, einer der Befürworter der ersten Stunde, erklärt, München habe sich schwerer als andere Städte getan, weil der Nationalsozialismus viel stärker mit der Stadtgesellschaft verhaftet gewesen sei.

So soll die Ausstellung werden

„Das wird kein Museum“, betont Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD). Gründungsdirektor Prof. Winfried Nerdinger ergänzt: „Es wird kein einziges Original zu sehen sein.“ Uniformen oder Waffen müssten sonst aufpoliert und hinter Glas präsentiert werden – so hergerichtet will man die barbarische Mördermaschine nicht zeigen. Stattdessen soll der weiße Würfel ein Ort der Aufklärung, des Lernens und der Diskussion sein. Warum wurde München die Hauptstadt der Bewegung? Nüchtern und historisch abgesichert sollen Tafeln, Fotos und Filme die Zusammenhänge aufzeigen. Es wird ein Stadtplan mit 110 „Täterorten“ in München geben. Die Ausstellung endet nicht 1945: Verstrickungen von Nazis in der Bundesrepublik werden demonstriert und am Schluss ein News­ticker auf zwei Bildschirmen installiert, der die neuesten Nachrichten über Rechtsradikalismus und Antisemitismus zeigt.

Die Architektur

Quadratisch, dramatisch, gut: Die Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel wollten mit ihrem Sieger-Entwurf bewusst einen Gegenpunkt zur historisierenden, größenwahnsinnigen Nazi-Architektur schaffen. „Ein weißer Würfel gegen die dunkle Zeit“, sagt Baureferentin Rosemarie Hingerl. Der Neubau überragt das „Braune Haus“, sein kantiger Auftritt macht ihn auch heute noch mitten im Kunstareal sperrig. Die klaren Linien setzen sich innen fort. Nichts ist rund – außer der Drehtür am Eingang.

David Costanzo

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