Neue App soll Leben retten

Ersthelfer in München bekommen ein Alarmsystem fürs Handy

Acht Minuten brauchen Rettungskräfte, bis sie vor Ort sind. Per App geht’s in vier Minuten.

Die Stadt München will künftig eine Rettungs-App einsetzen. Mit der Technik sollen freiwillige Helfer geortet und per SMS benachrichtigt werden, wenn in direkter Nähe ein Notruf abgesetzt wird.

München - Die Profi-Retter kommen in München schnell. Der Rettungswagen war nach einer Auswertung der Ludwig-Maximilians-Universität im Jahr 2015 in der Hälfte der Fälle nach weniger als fünf Minuten am Einsatzort. In weiteren 40 Prozent der Fälle dauerte es fast acht Minuten. Für Patienten mit einem Herzstillstand ist beides zu spät. „Bleibt das Gehirn mehr als drei Minuten ohne Sauerstoff, führt das in der Regel zu Folgeschäden“, sagt Roland Dollmeier, Geschäftsführer des Rettungszweckverbands München (siehe unten).

Um das zu verhindern, will die Stadt München künftig eine Rettungs-App einsetzen. „Auch wenn die Rettungsdienste in München sehr schnell sind, können wir so noch mehr Leben retten“, glaubt Dollmeier. Mit der Technik sollen freiwillige Helfer geortet und per SMS benachrichtigt werden, wenn in direkter Nähe ein Notruf abgesetzt wird. So soll, etwa nach einem Herzinfarkt, die Wiederbelebung starten, bevor der Rettungswagen eintrifft.

Ersthelfer könnten freilich auch Passanten sein. Doch im internationalen Vergleich steht Deutschland miserabel da. Nur 31 Prozent der Menschen sind hier zu einer Wiederbelebung bereit. Viele zögern – aus Angst, etwas falsch zu machen oder weil sie eine Atemspende unhygienisch finden.

Den Anstoß zur Retter-App, die der Gesundheitsausschuss morgen beschließen soll, gaben die CSU-Stadträte Hans Theiss und Michael Kuffer 2015 mit einem Antrag. Nun hat die Stadt zusammen mit dem Rettungszweckverband das Konzept erarbeitet. Los gehen soll es 2018. Löst die Integrierte Leitstelle dann Alarm mit der Meldung „Reanimation“ aus, werden automatisch auch Freiwillige im Umkreis von 500 Metern benachrichtigt. Sie können den Notruf annehmen oder ablehnen.

Zunächst kommen als Ersthelfer nur Mitarbeiter von Rettungsorganisationen infrage. Aktuell sind rund 300 Personen bereit, mitzuwirken. Geht es nach Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs, sollen in einer zweiten Stufe Pfleger, Ärzte und betriebliche Ersthelfer einbezogen werden. Rund 420 000 Euro kostet das Vorhaben bis 2020, danach jährlich 25 000 Euro. Das vom Gesundheitsreferat und dem Rettungszweckverband entwickelte „Münchner Modell“ der App lehnt sich an die in Gütersloh – und seit 2016 in Ingolstadt – erprobte „Mobile Retter“-App an. Gütersloh berichtet bereits von Erfolgen: Zu 108 von 237 Einsätzen kamen ehrenamtliche Ersthelfer. In 78 Prozent der Fälle waren sie vor dem Rettungsdienst vor Ort. 

Warum jede Sekunde zählt

Mehr als 50 000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Eine schnelle Wiederbelebung ist dann entscheidend. Mit jeder Minute Zeitverlust sinkt die Überlebenschance des Betroffenen um zehn Prozent. Steht das Herz still, wird das Blut nicht mehr mit Sauerstoff angereichert, und dieser kommt nicht mehr in den Organen an. Am sensibelsten reagiert darauf das Gehirn. Schon nach wenigen Minuten sterben Gehirnzellen ab. Je nach verstrichener Zeit drohen schwere Folgeschäden, etwa epileptische Anfälle oder eine geistige Behinderung.

Das Herz eines Patienten steht still, wenn er bewusstlos ist und nicht mehr atmet. Nach aktuellem Kenntnisstand ist eine sofortige Herzdruckmassage (Patient mit dem Rücken auf dem Boden lagern, Kopf überstrecken, Kinn anheben und mindestens 100-mal pro Minute Brustbein rund fünf Zentimeter eindrücken) nach einem Herzstillstand wichtiger als eine Beatmung. Wer es sich zutraut, kann nach je 30 Kompressionen Atem spenden (normal einatmen, dann zwei Mal in Mund oder Nase des Patienten ausatmen).

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