„Hatten wir bislang nicht“

Erstmals Ministrantinnen in Dompfarrei: Frauendienst in der Frauenkirche

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Ein Frauentrio bei den Ministranten: Svea Straßburger, Nicole Tolve und Katrin Behnam (von links nach rechts) dienen neuerdings im Liebfrauendom.

Drei junge Frauen zwischen 16 und 21 sind ein Novum in der Geschichte der Frauenkirche in München. Nicole Tolve, Svea Straßburger und Katrin Behnam sind die ersten Ministrantinnen der Münchner Dompfarrei.

München – An ihren ersten Gang zum Altar in der Münchener Frauenkirche können sich Nicole Tolve, Katrin Behnam, und Svea Straßburger noch genau erinnern. Gemeinsam mit den Männern ziehen die drei jungen Frauen in Ministrantenkleidung zur Heiligen Messe ein. Die Münchnerinnen gehen in den Altarbereich, als sei es das Normalste der Welt. Sie schauen ins weite Kirchenschiff, zu den Gläubigen auf den Bänken, eine Frau lächelt freundlich. Einige schauen verdutzt, als sie merken, dass heute etwas anders ist. Zum ersten Mal in der fast 800-jährigen Geschichte des Doms gibt es junge Frauen in der Ministrantenschar der Dompfarrei.

Jahrhundertelang war der Ministrantendienst in der katholischen Kirche den Männern vorbehalten. Doch nach den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) wurden nach und nach auch Mädchen für diesen Dienst eingesetzt, allerdings oftmals gegen erhebliche Widerstände. Es sollte bis 1994 dauern, bis Papst Johannes Paul II. weibliche Messdiener zuließ.

Heute sind in vielen katholischen Pfarrgemeinden Ministrantinnen sogar schon in der Überzahl. Nicht so in der kleinsten Pfarrei Münchens, der Pfarrei „Zu Unserer Lieben Frau“ – oder kurz: der Dompfarrei. Die Ministranten in der Frauenkirche waren ausschließlich Männer. Derzeit sind es rund 60 Messdiener, in der Regel volljährig, oft Studenten.

„Eigene Dom-Ministrantinnen hatten wir bislang nicht“

Domdekan Lorenz Wolf, der an der Spitze des Domkapitels steht, will aber die Kathedralkirche des Münchner Erzbistums keinesfalls als hinterwäldlerisch aussehen lassen: Ein Verbot gab es nicht. Wenn bei großen Messen aus anderen Pfarrgemeinden Ministrantinnen dabei waren – kein Problem. „Bei der Chrisammesse am Gründonnerstag sind immer schon Ministrantinnen gewesen“, betont er. Auch Lektorinnen und Kantorinnen gibt es schon lange. „Aber eigene Dom-Ministrantinnen“, das räumt er ein, „hatten wir bislang nicht.“

Das hängt mit den besonderen Gegebenheiten rund um den Dom zusammen. Nur 350 Katholiken gehören zur Dompfarrei, es gibt keine Schulen oder Kommuniongruppen, aus denen man Ministranten rekrutieren könnte. So dienen im Dom viele ältere Männer, die in der Nähe des Domes wohnen – und jederzeit schnell einsetzbar sind. „Routiniers“ im besten Sinne, wie sie der Domdekan beschreibt. „Sie leben so mit der Liturgie, die kann ich in der Nacht aufwecken – sie wissen, wo sie stehen müssen, was zu tun ist. Die muss ich nicht einweisen. Das ist natürlich ein großer Vorteil“, gesteht er. Aber er sieht auch die andere Seite. Der Dom hat schließlich einen Vorbild-Charakter, gerade auch in der Liturgie. Wenn es in der Dompfarrei keine Ministrantinnen gibt, „dann fällt das auf“.

„Hier will ich ministrieren“

Der entscheidende Anstoß kam aber von den Frauen. Die 21-jährige Nicole Tolve war die Erste. Bei einem Drehtag für den Bayerischen Rundfunk in der Frauenkirche fragte die Kabelträgerin einfach, ob sie künftig im Dom ministrieren dürfe. Sie wollte sich einen Traum erfüllen. Einen Traum, den sie seit dem Besuch von Papst Benedikt XIV. im Dom 2006 hatte. Als sie mit neun Jahren dem Heiligen Vater die Hand küsste. Als sie von Joseph Ratzinger und der Atmosphäre in der Frauenkirche so beeindruckt war, dass sie beschloss: „Hier will ich ministrieren.“

Die Reaktion auf ihren Wunsch verblüffte die 21-Jährige. „Die waren ganz erstaunt, dass ich gefragt hab“, sagt Nicole Tolve. Noch nie hatte eine Frau angefragt, ob sie als Domministrant aufgenommen werden kann. Ministrantinnen in der Münchner Dompfarrei einzuführen, wurde im Ordinariat zwar immer mal wieder besprochen. Wirklich Thema war es aber nie.

Doch die Frauen und vor allem die Jugend gaben nicht auf. Bei einem Treffen auf dem Freisinger Domberg mit Prälat Wolf und Kardinal Reinhard Marx hakte die Jugend nach. Und fand bei Prälat Wolf Unterstützung. Ganz einfach war es aber wohl nicht, die „Routiniers“ zu überzeugen. „Ich habe ja schon häufiger Changementprozesse begleitet“, schmunzelt der Domdekan. Das sei immer etwas schwierig, „weil man Gewohntes aufgeben muss“. Manche altgedienten Ministranten wollten keine Vorzeige-Frauen für TV-Aufzeichnungen. Und keine jungen Mädchen, die bei schönem Wetter „schwänzen“. Sie wollen keine Beliebigkeit, sondern Verlässlichkeit. Darauf legt aber auch der Domdekan großen Wert: „Kein Dienst nach Lust und Laune“. Domzeremoniar Bernhard Stürber wusste von einer Ministrantinnengruppe am Maria-Ward-Gymnasium in Nymphenburg – und so kam Bewegung in die Sache. Das Domkapitel stimmte „selbstverständlich zu“.

Immer noch vereinzelte skeptische Stimmen

Nicole Tolve ministriert nun seit Juni am Dom, fast gleichzeitig begannen auch die 16-jährige Svea Straßburger und die 17-jährige Katrin Behnam. Die beiden Schülerinnen mussten aber noch ihre Ausbildung zur Ministrantin nachholen, bevor sie dienen durften. Angst, dass ihre männlichen Kollegen sie nur mürrisch aufnehmen würden, hatten sie nicht. Im Gegenteil. „Sie haben sich gefreut, dass nun Mädchen da sind“, sagt Svea Straßburger. Der Empfang sei sehr herzlich gewesen. Auch wenn es gerade am Anfang für manche ungewohnt war, mit Frauen zu ministrieren. Noch immer gebe es vereinzelte skeptische Stimmen, ob es richtig war, Frauen aufzunehmen.

Das Trio ist indes überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nicole Tolve ministrierte bereits seit Kindertagen bei St. Martin in Moosach. Katrin Behnam wuchs in einer gläubigen Familie irakischer Christen auf und spielte schon lange mit dem Gedanken, in der Messe zu dienen. In der Schule ist die 17-Jährige in der Ministrantinnen-AG. Sie glaubt, in der Dompfarrei den perfekten Ort gefunden zu haben, um ihren Glauben zu leben. „Ich mache das aus tiefer Überzeugung“, sagt sie. Svea Straßburger sucht noch nach ihrem Glauben. Deshalb ist sie jetzt Ministrantin. Der Kontakt mit Ministranten, Priestern, Diakonen und Gläubigen hilft ihr, Antworten zu finden, hofft sie. Nicole, Katrin und Svea könnten schon bald Verstärkung bekommen. Eine ehemalige Schülerin des Maria Ward-Gymnasiums ist ebenfalls interessiert. In der Münchner Frauenkirche hat für die Frauen offenbar eine neue Zeitrechnung begonnen.

Lesen Sie auch: Studie deckt Geheimdienst-Orte in und um München auf - auch die Frauenkirche gehörte dazu

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