Ist das noch unser München? Teil 5 der Serie

Es lebe der Sport: Früher und heute - was bewegt München?

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Sport wird in München reichlich betrieben. Doch nicht nur König Fußball bestimmt das Geschehen der Bewohner. Es gibt auch neue Trendsporten, die begeistern.

Wie hat sich der Spitzensport in der Fußball-Stadt München verändert? Wie lebendig ist das Vereinsleben noch? Und wie halten sich die Münchner heute fit? Darum geht es im fünften Teil unserer großen Serie.

München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, Lederhosn und die Frauenkirche vor der unverrückbaren Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt geht der Wandel der Zeit nicht spurlos vorüber. Wie viel München steckt eigentlich noch in München? In der großen tz-Serie „Ist das noch unser München?“ gehen wir dieser Frage auf den Grund. Diesmal dreht es sich um den Sport.

So sieht es die Fußball-Legende: Peter Grosser

Er ist eine lebende Münchner Legende: Peter Grosser, von 1956 bis 1963 beim FC Bayern, dann der Wechsel zu den Löwen, mit denen er 1966 Deutscher Meister wurde. 

Herr Grosser, wären Sie lieber heutzutage Profi? 

Peter Grosser: Zu meiner Zeit ist der Profi ja erst eingeführt worden, 1963 bei der Gründung der Bundesliga. Davor hatte der Fußball für Medien, Sponsoren und Werbung praktisch  keine Bedeutung. Das änderte sich erst mit der Bundesliga. Damals hat der DFB sogar die Gehälter vorgeschrieben. Inklusive Prämien durfte man 1200 Mark im Monat verdienen. Ungefähr das Doppelte von einem Büroangestellten. 

Werden Sie beim Blick auf heutige Fußballergehälter neidisch? 

Grosser: Ja, selbstverständlich werde ich das (lacht). Vom Finanziellen aber mal abgesehen, haben sich auch die Trainings- und Spielbedingungen extrem geändert. Heute gibt es individuelle Trainings für jeden einzelnen Spieler am Computer ausgerechnet. Bei uns mussten alle das gleiche Training machen. 

Peter Grosser bei einer Buchvorstellung 2016. Der Löwen-Spieler aus der Meistermannschaft von 1966 analysiert im tz-Interview, was im Münchner Fußball falsch und was richtig läuft.

Was war einfacher früher? 

Grosser: Vielleicht hat mal ein Journalist vorbeigeschaut, aber es gab keine Kameras beim Training. Man konnte sich besser auf das Spiel am Wochenende konzentrieren. Zu Ihrer besten Zeit waren die Löwen der Platzhirsch in München. 

Wie konnte es danach so schnell bergab gehen? 

Grosser: Das Entscheidende sind die Personen, die den Verein führen. Ein guter Präsident holt andere gute Leute mit ins Präsidium, die holen dann einen gescheiten Geschäftsführer und einen fähigen Sportdirektor. Zusammen wird ein guter Trainer verpflichtet und eine Mannschaft zusammengebaut. Es geht also von oben nach unten und nicht andersherum, wie es aktuell der Fall ist. Daniel Bierofka versucht alles, aber aus der Führung gibt es keine Resonanz. Im Gegenteil! Es herrscht permanent Streit zwischen den Anteilseignern. 

Wie ist der Zustand des Münchner Fußballs in Ihren Augen? 

Grosser: Was bei 1860 passiert ist, kann ich nicht als positiv bezeichnen. Der FC Bayern ist aber phänomenal. Ohne Schulden und ohne sich von überhöhten Ablösesummen drängen zu lassen. Trotzdem international vorne dabei. 

Glauben Sie, dass Sie noch ein Bundesliga-Derby zwischen den Bayern und Löwen erleben werden? 

Grosser: Sie wissen wahrscheinlich, dass ich heuer 80 werde. Also eher schwierig (lacht). 

So sieht es der Fußball-Reporter: Claudius Mayer

München ist hierzulande Fußball-Hauptstadt, keine Frage. Doch während dafür heute der FC Bayern im Alleingang sorgt, waren es in den Sechzigerjahren zwei Vereine: die Bayern und die Löwen. Heimstätte beider Klubs war das Stadion an der Grünwalder Straße, in das sich vor allem bei Lokalderbys 44.000 Zuschauer quetschten. Das Beeindruckendste war die Stehhalle auf der Gegengeraden, auf der rund 15.000 Besucher Platz fanden und die für den beeindruckenden Sechzger-Roar verantwortlich war. Im Dezember 1972 fiel die Stehhalle einem Orkan zum Opfer. 

Der langjährige Sportreporter der tz, Claudius Mayer (re.). Hier 1979 bei Löwen-Star Heinz Flohe.

Auf der Stehhalle hatte auch der Löwen-Otto seinen Stammplatz. Ein Unikum. 1969 schwindelte er sich beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg im blauen Trikot und kurzer Hose auf den Platz, um die Löwen als 12. Mann zu unterstützen. Die Spieler machten den Spaß mit und passten ihm sogar den Ball zu. Nach etwa einer Minute bemerkte Schiedsrichter Riegg den „blinden Passagier“ und verwies ihn des Platzes. Einen Pressesprecher, Mediendirektor oder dergleichen, den gab es nicht. Niemanden, der jedes Zitat einer chemischen Reinigung unterzog, damit der Verein auch ja in einem guten Licht erscheint. Als ich 1977 als Fußballreporter bei der tz anfing, wurde gefragt, geantwortet (oder auch nicht), geschrieben und gedruckt. 

Bis Mitte der 90er-Jahre war es sogar üblich, dass Journalisten im Mannschaftsbus mitfuhren. Natürlich blieb manches tabu. Aber viele Kicker machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Bayern-Torhüter Raimund Aumann etwa lästerte nach einem Spiel in Hamburg über seinen extrovertierten Konkurrenten Jean-Marie Pfaff: „Der soll doch besser in den Zirkus gehen und auf einem Elefanten reiten.“ 

Selbst das Hotel teilten sich Spieler und Reporter manchmal. Im Mai 1981 stand das für den Abstiegskampf vorentscheidende Spiel bei Arminia Bielefeld an. Der Bus wartete morgens abfahrtsbereit vor dem Quartier in Bad Salzuflen. Alle an Bord, nur nicht der Kollege vom Münchner Merkur... Löwen-Manager Hans Ettlinger eilte zurück, während die Spieler bei Hitze im Bus warteten, und trommelte den Kollegen aus dem Hotelbett. Mit zehnminütiger Verspätung fuhr der Bus los auf die Bielefelder Alm, wo die Löwen 2:3 verloren - ein paar Wochen später stiegen sie ab. Nicht nur im Falle eines Abstiegs kam es schon immer vor, dass Spieler den Verein verlassen wollten. Aber damals sagten sie nicht „Ich will den nächsten Schritt machen“, sondern einfach: „I wui weg.“ Und niemand verwendete den Satz: „Ich will der Mannschaft helfen“. Es ging ja direkter. Zum Beispiel: „Der blinde Trainer soll mich endlich aufstellen!“ 

So läuft‘s im Verein: TSV Turnerbund München

705 Sportvereine zählt die Stadt München mit insgesamt rund 574 000 Mitgliedern, Tendenz steigend. Seit 1995 ist Gerhard Walz (67) im Vorstand des TSV Turnerbund München. Auch er hat den Zuwachs im Münchner Vereinssport bemerkt. „Wir sind ein Breitensportverein mit zwölf Abteilungen und 3467 Mitgliedern. München ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, und damit auch unsere Mitgliederzahlen. Mittlerweile haben wir ein echtes Platzproblem. Neue Hallen sind im Gespräch, aber die Standortsuche verläuft zäh. Dieses Problem haben jedoch nicht nur wir, sondern fast alle Sportvereine in München.“ 

Im Jahr 1882 wurde der Verein im Neudeckgarten als „Turnverein Au-München“ gegründet. Den Monatsbeitrag von 50 Pfennig konnten sich damals nur wenige leisten. Dafür war der „Turnerbund“, wie er sich ab 1903 nannte, der zweite Verein, bei dem auch Frauen mitmachen konnten. Heute werden Trendsportarten wie Yoga und Pilates, Zumba oder auch Cheerleading hauptsächlich von Frauen ausgeübt. Dennoch bildet die 136 Jahre alte Turntradition auch weiterhin den Schwerpunkt des Vereins und hat seitdem die meisten Mitglieder zu verzeichnen. 

Vereinsleben in München anno 1910. Heute ist Gerhard Walz Vorstand des TSV Turnerbund München.

„Heutzutage sehen viele Leute den Sportverein mehr als eine Art Dienstleister, vor allem in der Großstadt“, sagt Walz. „Wir haben viele Singles unter unseren Mitgliedern, die ein bis zwei Mal pro Woche Sport machen wollen, der preiswerter ist als ein herkömmliches Studio.“ Aber es gibt auch Bestleistungen. So hat die Abteilung Cheerleading letztes Jahr in der Kategorie Senior Allgirl Cheer Level 6 (das ist die Mannschaft der Erwachsenen ab ca. 18 Jahren) den deutschen Vizemeistertitel errungen. 

„Früher war der Verein sehr wichtig für die Menschen. Heute kommt es kaum noch vor, dass jemand vom Kindes- bis zum Seniorenalter in ein und demselben Verein aktiv ist“, berichtet Walz. „Der Zusammenhalt in den Abteilungen ist trotzdem noch immer deutlich spürbar. Auch das Engagement der Trainer oder der Eltern ist hier sehr hoch.“ Und auch wenn es immer seltener wird, geht man hier nach dem Sport gerne noch ein Bier zusammen trinken.

Ein Bayern-Fan zieht Bilanz: Fan-Urgestein Norbert Breitschaft

„Der ganze Fußball hat sich die vergangenen Jahre über verändert, und mit ihm auch der FC Bayern. Es geht ja schon damit los, dass früher viel mehr Trainingseinheiten angesetzt wurden und man als Fan auch hautnah dabei sein konnte. Heute findet der Großteil davon hinter verschlossenen Türen statt, was ja auch irgendwo verständlich ist. Und zwar nicht nur, weil die Mannschaft keinen Einblick in ihre Spielvorbereitung geben will, sondern auch weil die Fans von Jahr zu Jahr verrückter geworden sind. 

Fan-Urgestein Norbert Breitschaft

Die meisten von ihnen haben keinen blassen Schimmer von Fußball und kommen nur an die Säbener Straße, um ein Selfie mit den Stars zu schießen. Früher standen bei jedem Training dieselben Kiebitze an der Seitenlinie und haben sich über Fußball unterhalten. Da hat dann sogar mal der Uli Hoeneß vorbeigeschaut und hat uns Würschtl vorbeigebracht, es war eine vollkommen andere Zeit. Ganz zu schweigen von den Ultras aus der Südkurve, die ohnehin immer gegen alles und jeden sind und nur protestieren.“

So halten wir uns heute fit: Die neuen Trends der Sportstadt München

Laufen in der Gruppe Graue Joggingbuxe? Ausgemustert! Wer heute durch die Stadtparks oder an der Isar joggt, trägt stylische Klamotten und beste Laufschuhe. Die Running-Community ist größer und vielfältiger denn je. Von privat organisierten Laufgruppen abgesehen, veranstaltet mittlerweile so ziemlich jedes Sporthaus, jeder noch so kleine Outdoor-Laden regelmäßige Lauftreffs. Das ist denn auch Kern-Unterschied zu früher - das gemeinsame Laufen wird immer beliebter, macht mehr Spaß als solo. www.facebook.com/ urbanrunnersmunich

Gerade weil dieser Wassersport auf Binnengewässern und sogar bei Flaute funktioniert, liegt Stand Up Paddling, kurz SUP, voll im Trend.

Klettern/Bouldern Klettern hat sich als Fitnesssport zu einem Massenphänomen entwickelt. Sieben Kletter- und Boulderhallen stehen allein in München, wo 1968 die erste Kletteranlage Deutschlands gebaut wurde: ein 12 Meter hoher Holzturm am Messegelände. Dazu kam der SportScheck-Kletterbrocken in Unterföhring. Mit einer Kletterfläche von 7800 Quadratmetern ist das 1999 eröffnete DAV-Kletter- und Boulderzentrum in Thalkirchen die größte Kletteranlage der Welt. Das Publikum ist so bunt wie die Griffe an der Wand: Anfänger, Profis, Frauen, Männer, Kinder jeden Alters – München kraxelt! Pressereferentin Claudia Oberbeil: „Im Winter zählen wir in Thalkirchen zwischen 400 und 900 Eintritte am Tag.“ Seit 2015 das DAV-Kletter- und Boulderzentrum in Freimann eröffnet hat, entspannt sich die Lage in den 4 Münchner DAV Kletteranlagen.

Stand Up Paddling Gerade weil dieser Wassersport auf Binnengewässern und sogar bei Flaute funktioniert, liegt Stand Up Paddling, kurz SUP, voll im Trend. Hat man die leicht zu erlernenden Paddelschläge beim Stehpaddeln erst einmal raus, steht einem auf dem Board die ganze Wasserwelt zur Verfügung. Eliane Droemer betreibt seit 2014 eine feste Verleihstation im Strandbad Starnberg, den SUP Club. Die Hälfte ihrer Gäste kommt aus München. sup-club.bayern

CrossFit Schnellkraft, Balance, Koordination, Ausdauer und Flexibilität sind nur einige der Fähigkeiten, die man beim CrossFit, einem ganzheitlichen Konditionstraining, verbessert. In München wurde 2010 die erste von zwei CrossFit-Stations (Frankfurter Ring & Werksviertel) eröffnet. Geschäftsführer und Hauptgesellschafter Alexander Wichmann: „Bei uns trainieren regelmäßig über 900 begeisterte Mitglieder. Der Frauenanteil beträgt 40 Prozent und steigt rasant an.“ www.crossfitmunich.com

Air-Fit In zwei Locations feiert sich die junge Sportszene der Stadt. Im 2016 eröffneten Trampolinpark des AirHop an der Ingolstädter Straße bilden 70 Trampoline einen XXL-Trampolinpark. Beim AirFit-Training steht die Freude am Hüpfen im Vordergrund. Ähnlich und doch ganz anders: Das ebenfalls 2016 eröffnete GravityLab in Sendling bietet Trainingsmöglichkeiten für zahlreiche Freestyle-Sportarten. www.airhoppark.de/muench; www.gravitylab.de

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“:

Claudius Mayer, Florian Fussek, Judith Kohnle, J. Carlos Menzel-López, Johanna Stöckl, Christian Schulz

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