Esoterik-Star Shanti als Kinderschänder vor Gericht

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Shanti, bürgerlich Ulrich S. (60), soll Kinder missbraucht haben

München - Der Esoterik-Star und selbsternannte Guru Oliver Shanti muss sich ab Mittwoch vor dem Landgericht München I verantworten: Ihm wird Kindesmissbrauch in mehr als 300 Fällen vorgeworfen.

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Seine Anhänger müssen rückhaltlos an ihn geglaubt haben. Einige vertrauten dem selbsternannten Guru und Esoterik-Musiker Oliver Shanti ihre Kinder allein im Urlaub an oder ließen sie bei ihm übernachten - und die Kinder betrachteten den heute 60-Jährigen praktisch als ihren Vater. Doch soll Shanti seine Stellung ausgenutzt haben, um sich an den Kindern zu vergehen: In der nächsten Woche muss sich Shanti wegen sexuellen Missbrauchs in mehr als 300 Fällen vor dem Landgericht München I verantworten. Shanti, der mit bürgerlichem Namen Ulrich S. heißt und in Stadelheim in Untersuchungshaft sitzt, ließ über seine Anwälte die Vorwürfe bestreiten. Der Künstlername des mutmaßlichen Kinderschänders, “Shanti“, bedeutet in Hindi “Frieden“.

„Wir fürchten, dass es noch mehr Opfer gibt“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem gebürtigen Hamburger vor, sich von 1985 bis 1998 mindestens an vier Buben und zwei Mädchen vergangen haben. Konkret werden ihm 314 Fälle zur Last gelegt, bei fünf sieht die Anklage einen besonders schweren Fall. “Wir fürchten, dass es noch mehr Opfer gibt, die aber nicht bereit waren, sich zu melden“, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler nach der Anklageherhebung. Bei Kinder von Sektenangehörigen sei nicht ausgeschlossen, dass die Eltern etwas von dem Missbrauch gewusst hätten. Einzelheiten müsse aber der Prozess bringen. Bis zum 24. September sind acht Verhandlungstage angesetzt. Bei den Aussagen der Opfer könnte die Öffentlichkeit je nach Einzelfall ausgeschlossen werden.

“Die Gemeinschaft des Angeschuldigten war hierarchisch strukturiert, er war der geistige und wirtschaftliche Führer“, erläuterte Winkler. Shantis Ausstrahlung zog offenbar Eltern wie Kinder in ihren Bahn. Nur so scheint erklärbar, wie der Mann mutmaßlich jahrelang hunderte von Malen ungestört Kinder missbrauchen konnte.

Die Täter seien oft Menschen, über die sich auch Erwachsene täuschten, erläutert die Leiterin der Münchner Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt (kibs), Ulrike Tümmler-Wanger. “Was in allen Fällen abläuft: Sie versuchen den Kindern eigene Schuld zu unterstellen, sie hätten es gewollt.“ Gerade Jungen sähen sich nicht als Opfer, suchten zugleich nach männlichen Vorbildern. “Jungen wissen nicht, dass die vergewaltigt werden können. Auch Eltern und Fachkräfte haben das viel zu wenig auf dem Bildschirm.“ Der Kinderschänder sei oft kein Fremder. “Wir haben immer den ominösen Fremdtäter vor Augen, der hinter dem Baum hervorspringt. Dass es der nette Nachbar sein kann oder der engagierte Trainer im Jugendverband, das ist viel schwieriger zu akzeptieren.“

Opfer meist über Eltern kennengelernt

Shanti lernte seine mutmaßlichen Opfer meist über die Eltern kennen. Einen Buben soll er Anfang der 1990er in München getroffen und ihn dort, aber auch während der Ferien in Portugal missbraucht haben. In einem anderen Fall wohnte die Mutter den Ermittlungen zufolge mit ihrem Sohn in einer Wohngemeinschaft mit Shanti in München . In einem weiteren Fall soll einem Buben beigebracht worden sein, der Sektenführer sei ein heiliger Mann, dessen sexuelle Übergriffe reinigende spirituelle Wirkung hätten.

Shanti, der sich manchmal auch Oliver Serano-Alves nannte, hatte Ende der 1970er Jahre auf einem Bauernhof im Bayerischen Wald eine Wohngemeinschaft gegründet. Nach einigen Jahren in München zog Shanti auf eine Finca in Portugal, wo er seine Anhänger versammelte. Die Gruppe verbanden esoterische Anschauungen, es ging aber auch um Geschäftliches: Mit meditativer Musik feierte der Musiker und Produzent in vielen Ländern Erfolge. Seine Alben mit esoterischen Titeln erreichten hohe Auflagen.

Sechs Jahre nach Shanti gefahndet

Gegen Shanti war schon vor zehn Jahren ermittelt worden - doch damals stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. 2002 tauchten neue Vorwürfe auf. Sechs Jahre fahndeten Interpol und Münchner Zielfahnder nach ihm, bis er am 27. Juni 2008 in der Deutschen Botschaft in Lissabon bei der Verlängerung seines Passes von Mitarbeitern erkannt wurde. Als er die Botschaft verließ, klickten die Handschellen. Nach früheren BKA-Angaben gehörte Shanti zu den meistgesuchten Verbrechern in Deutschland. Shanti sprach von einem Komplott.

Von Sabine Dobel

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