680 000 Euro eingespart

Schwarzarbeit bei Billig-Friseur

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Die Friseurbranche ist geprägt von starkem Konkurrenzkampf - Dumpinglöhne und Schwarzarbeit sind häufig die Folge.

München - Über Jahre hat der Inhaber mehrerer Friseursalons hunderttausende Euro an Sozialabgaben unterschlagen. Vor Gericht rechtfertigte er sich mit dem hohen Konkurrenzdruck in der Branche.

Ein Herren-Haarschnitt für neun Euro, eine schicke Damenfrisur für 13 Euro – um solche Preise zu halten, musste Mehmet S. (45, Name geändert), Inhaber mehrerer Friseur- und Kosmetiksalons in München, offenbar an anderer Stelle sparen. Er entschied sich für einen illegalen Sparkurs und entwickelte ein Zahlungssystem, mit dem er das Gehalt seiner Mitarbeiter aufstockte – in bar und am Fiskus vorbei.

So sparte er Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Diese Barzahlungen nannte er „Prämien“. Der Staat nennt sie Schwarzgeld. Jahrelang funktionierte sein System, doch dann kam das Hauptzollamt München Mehmet S. auf die Schliche. Seit gestern muss er sich vor dem Landgericht verantworten. Der Vorwurf: 407 Fälle des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsengelt. Laut Anklage beträgt der Schaden rund 680 000 Euro.

Der Wandel zum Billig-Friseur

Zum Prozessauftakt gestand Mehmet S. gestern im Wesentlichen die Vorwürfe, die sich auf die Jahre 2004 bis 2009 beziehen. Sein Verteidiger Berthold Braunger erklärte: „Meinem Mandanten ist heute klar, dass er durch sein Handeln die Allgemeinheit geschädigt hat. Sein Ziel war es aber immer, dass es seinen Angestellten gutgeht.“ Über die Jahre habe sich das Geschäft von Mehmet S. zum „Billig-Friseur“ gewandelt, sodass ein hoher Umsatz habe erzielt werden müssen. „Der Konkurrenzkampf unter den Friseuren ist sehr groß.“

Im März 2004 gründete Mehmet S. eine Friseur-GmbH mit zwei Filialen an der Goethestraße. Dort nahm das Schwarzgeld-System seinen Anfang: Die Umsätze der einzelnen Mitarbeiter wurden an der Kasse erfasst. Wer pro Tag mindestens 175 Euro einnahm, bekam die Prämien „für gute Arbeit“, wie es in der Anklage heißt. Fünf Euro extra gab es dann, und pro weitere 25 Euro Umsatz nochmals je fünf Euro obendrauf. Das Geld wurde täglich, wöchentlich oder monatlich von den Filialleitern ausgezahlt, im Auftrag von Mehmet S., der mit einigen Mitarbeitern darüber hinaus Teilzeitverträge schloss und sie mit entsprechend niedrigem Lohn anmeldete.

Mitarbeiter packten nach jahrelangem Schweigen aus

Es waren aber zusätzliche Arbeitstage vereinbart, für die die Friseure und Kosmetiker 50 bis 70 Euro kassierten. In den Kassensystemen tauchten sie an diesen Tagen nicht auf – die Zollfahnder fanden jedoch handschriftliche Notizen, die das System beweisen. Die Anklage beruht zudem auf Aussagen von Mitarbeitern, die zuvor jahrelang geschwiegen hatten – auf Anweisung von Mehmet S. „Erst durch die Barzahlungen kamen sie auf ein Gehalt, mit dem man in München leben kann“, sagte eine Ermittlerin des Zolls vor Gericht.

In weiteren von ihm gegründeten Gesellschaften und Einzelgewerben im Stadtgebiet führte Mehmet S. das illegale System fort, unter anderem an der Weißenburger Straße in Haidhausen. Der Schaden, der vor allem Krankenkassen traf, liegt nach seinen Angaben etwa 15 Prozent unter den von der Staatsanwaltschaft veranschlagten 680 000 Euro. Nach Angaben seines Anwalts hat Mehmet S. bereits 140 000 Euro Wiedergutmachung gezahlt. Im Gegenzug dafür und für sein Geständnis kann er voraussichtlich mit einer Bewährungsstrafe rechnen. Das Urteil soll heute fallen. Mehmet S. ist mittlerweile bei einem anderen Friseurbetrieb angestellt – als Berater.

Ann-Kathrin Gerke

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