Experte: Was alles durch unsere Stadt rollt

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Gefahrgut-Experte Klaus Ridder

München - Nach dem Gefahrgut-Unfall am Rangierbahnhof München Ost erklärt ein Experte, welche Züge durch unsere Stadt rollen.

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Die Bahn ist auch für Güter das sicherste Verkehrsmittel. Aber wehe, wenn was passiert… Erst vor vier Tagen flog in Thüringen ein Kesselwagen bei einem Auffahrunfall in die Luft. Als 2009 im italienischen Viareggio ein Kesselwagen-Zug entgleiste und explodierte, starben 14 Menschen. Gefahrgut-Züge sind rollende Bomben! Trotzdem rollen sie auch täglich durch München, nur wenige Meter von Wohnhäusern entfernt.

„Jährlich werden 58 Millionen Tonnen Gefahrgüter auf der Schiene durch Deutschland befördert“, weiß Dipl. Ing. Klaus Ridder, Autor des Gefahrgut-Handbuchs und Leiter der Münchner Gefahrgut-Tage. Das macht bei einer Zuladung von 70 Tonnen pro Waggon 800 000 Wagen oder 20 000 Güterzüge zu 40 Wagen pro Jahr. Wobei die gefährlichen Last oft nicht in eigenen Zügen, sondern in normalen Verbindungen mitläuft.

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Offizielle Zahlen, wie viele dieser Züge täglich durch München rollen, will DB-Sprecherin Bettina von Gaisberg nicht nennen, obwohl die DB-Netz aus Sicherheitsgründen wissen muss, wann wo Gefahrgut befördert wird. Vermutet darf aber werden, dass es mehrere Dutzend Züge sind. Denn Süd- und Nordring liegen an der Hauptroute zum Mittelmeer. Dazu kommen der Gefahrgutverkehr aus dem Burghausener Chemie-Dreieck sowie Kerosin- und Benzinzüge aus Ingolstadt.

Experte Ridders: „Die Gefahrgutzüge haben Benzin, Kerosin, Heizöl, Chlor, Säure, Laugen, Lösungsmittel, organische Peroxide, Pestizide und Mineraldünger geladen.“ Kurz: alles, was giftig, explosiv und brennbar ist. Ridders: „Seit 40 Jahren ist auch vorgeschrieben, dass rund 100 besonders gefährliche Stoffe, wo möglich, nur auf Schiene und Wasserstraße befördert werden dürfen.“ Die Liste reicht von Ammoniak über Fluor bis Valeraldehyd.

Weil die Stoffe bei einem Unglück so gefährlich sind, unterhält die chemische Industrie sogar ein eigenes Hilfsnetz namens TUIS. Es steht für Transport, Unfall, ­Information, Hilfeleistung. Experte Ridders: „Es ist auch notwendig, weil die vielen freiwilligen Feuerwehren mit einem Chemieunfall überfordert wären.“ Neben telefonischer Beratung schickt das Netzwerk im Ernstfall Experten und technisches Equipment vor Ort. Notfalls mit dem Hubschrauber.

Warum aber müssen rollende Bomben durch Großstädte und Ballungsräume fahren? „Es gibt gesetzlich keine Verbote“, sagt Moritz Huckebrinck von der Aufsichtsbehörde Eisenbahnbundesamt. Ihr wurden 2010 sechs Gefahrgutunfälle auf der Schiene gemeldet.

Karl-Heinz Dix

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