Immo-Messe Expo Real gestartet

Der Wahnsinn des Münchner Mietmarktes - Experten schildern die Brennpunkte

Besucher strömen auf die Messe Expo Real in München
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Besucher strömen auf die Messe Expo Real in München.

Zahlreiche Aussteller, Tausende Besucher: Mit der Expo Real ist die nächste große Münchner Messe gestartet. Teuer, teuer, am teuersten: Wie steht’s um den Münchner Mietmarkt?


Dr. Stephan Kippes, Sprecher des Immobilienverbands Region Süd (IVD), sagt: Die Mietpreis-Lage bleibt angespannt. „Wir hatten gehofft, Corona führt zu einem Entlastungseffekt.“ Dem sei nicht so gewesen. In Zukunft könnte es Konsequenzen aus dem Homeoffice-Trend geben: Münchner ziehen ins Umland, weil das Pendeln seinen Schrecken verliert. „Bisher ist in diese Richtung aber noch nicht viel passiert.“ Homeoffice könnte die Miet-Situation aber auch noch verschlimmern: Weil mehr Münchner größere Wohnungen suchen. Was hilft? „Bautätigkeit reicht sicher nicht“, sagt Kippes. Es müsste zum Beispiel soziologische Modelle geben, wie man weg von den in München* vorherrschenden Einpersonhaushalten kommt.

München bleibt ein heißes Pflaster

Rechtsanwalt Rudolf Stürzer, Vorsitzender Haus + Grund München

Die Situation sei im Grunde seit Jahrzehnten gleich, sagt Rudolf Stürzer von der Haus und Grund München: „Die Nachfrage nach Wohnungen übersteigt das Angebot bei weitem.“ Die Lage spitze sich aber zu, weil immer mehr Neubürger nach München ziehen und zugleich der Anspruch der Münchner auf immer mehr Wohnfläche steige. Der sei mit Corona noch gestiegen. „Und dieser Trend wird auch nach Corona anhalten.“ In den nächsten fünf Jahren werde es 50.000 bis 100.000 mehr Neubürger geben. 50.000 Wohnungen in der Stadt neu bauen? „Das schaffen wir nie und nimmer.“ Stürzer schätzt, dass die Mietpreise im Jahr weiter um zwei bis drei Prozent steigen werden. „München bleibt ein heißes Pflaster.“

Für Thomas Aigner, Geschäftsführer bei Aigner Immobilien, könne man das Problem der fehlenden Wohnungen nicht in der Stadt lösen. „Wir müssen an den Stadtrand und ins Umland gehen.“ Da dies für die Kommunen aber Folgekosten bedeute (etwa für Infrastruktur, Straßenbau, Kita-, Schulbauten etc.) und die Bürger der Umlandgemeinden dies gar nicht wollten, werde sich nichts ändern. Man bräuchte eine Reform des kommunalen Planungsrechts, das auch über den Rand einer Kommune hinaus gelte. „Das ist ein politisches Problem.“ In fünf Jahren werden die Mieten in München* bei Neuvermietungen um zehn Prozent steigen, schätzt Aigner.

München: Die Lage für die Mieter ist extrem schwierig

Wir sprachen zu dem Thema auch mit Beatrix Zurek, Vorsitzende DMB Mieterverein München:

Wie (schlimm) ist aus Sicht des Mietervereins die aktuelle Situation für Mieter in München?

Beatrix Zurek: Die Lage für Mieterinnen und Mieter in München ist extrem schwierig und angespannt. Viele Menschen befürchten, sich ihr Zuhause bald nicht mehr leisten zu können. Gerade Rentner*innen und Alleinerziehende stellen die immer weiter steigenden Mieten vor extreme Schwierigkeiten. Oftmals frisst die Miete fast die gesamte Rente auf. Doch zu einem erfüllten Leben gehören auch Treffen mit Freunden, Besuche im Schwimmbar oder ein schöner Film im Kino. Für all das bleibt diesen Menschen aber kein Geld mehr. Fürs Leben bleibt nichts mehr übrig. Wer, etwa wegen einer Eigenbedarfskündigung der Vermieterin oder des Vermieters, aus seiner Wohnung muss, findet nichts mehr Bezahlbares. Viele Familien mit Kindern leben auf viel zu engem Raum. Vier-Zimmer-Wohnungen mit rund 100 Quadratmetern kosten oftmals um die 2000 Euro Kaltmiete – dazu kommen dann noch die Nebenkosten. Wer soll sich das noch leisten können? Da kommen selbst Doppelverdienende an ihre Grenzen. Junge Leute wiederum können aufgrund der hohen Preise oftmals nicht von zuhause ausziehen und in ein selbstbestimmtes Leben starten. Das sind bedenkliche Entwicklungen für eine Gesellschaft.

Wie ist die Entwicklung in absehbarer Zeit zu beurteilen?

Beatrix Zurek: Bislang ist leider keine Besserung auf dem Mietmarkt in Sicht. Bemühungen der Stadt München, Mieterinnen und Mieter besser zu schützen, werden oftmals von Gerichten ausgebremst. Eine Änderung der Gesetzeslage auf Bundesebene ist dringend notwendig. Ein sofortiger, bundesweiter Mietenstopp für sechs Jahre wäre extrem wichtig. Das, um Mieter*innen jetzt zu schützen vor weiteren Mieterhöhungen. Die Mieten befinden sich in München auf einem Niveau, von dem Vermieter gut über die Runden kommen können. Für Vermieter, die besonders wenig Miete verlangen, sind beim Konzept des Mietenstopps außerdem Ausnahmen vorgesehen (www.mietenstopp.de). Sie dürfen die Miete noch in einem gewissen Rahmen erhöhen. Der Mietenstopp soll aber natürlich kein Allheilmittel sein. Sondern der Auftakt, für weitere Maßnahmen – wie eine Bodenrechtsreform und Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen und von Sozialwohnungen.

Wenn wir jetzt nicht alle gemeinsam handeln, werden die Probleme in absehbarer Zeit noch viel extremer werden. Schon jetzt sind große Teile der Münchner Bevölkerung von Verdrängung bedroht. Und auch im Umland spitzt sich die Lage immer weiter zu. Wohnen ist ein Menschenrecht. Jede und jeder von uns muss wohnen und muss die Möglichkeit dazu haben. Dessen müssen wir uns wieder bewusst werden. Wer eine maximale Rendite einfahren möchte, sollte mit seinem Geld an die Börse gehen und hat beim Wohnen nichts verloren.

Münchner Wohnungsmarkt: Expertin prangert hohe Bodenpreise an

Wie schaffen wir es, irgendwann auf ein „normales“ Niveau zu kommen? Was muss sich ändern?

Beatrix Zurek: Wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Wohnen ist ein Grundrecht. Wir alle brauchen ein sicheres Dach über dem Kopf, um uns sicher zu fühlen. Es darf nicht sein, dass Menschen ständig der Angst ausgesetzt sind, ihr Zuhause zu verlieren. Wohnen als Recht jeder Menschen muss wieder in den Köpfen der Gesellschaft ankommen. Was sich ändern muss: Wir brauchen ein neues Bodenrecht, um das Übel an der Wurzel zu packen. Denn Boden ist wie Wasser oder Luft: Er ist nicht vermehrbar. Und so kann es nicht sein, dass er wie jedes andere Gut behandelt wird. Die Bodenpreise sind über die Jahrzehnte explodiert. In München machen sie bei Neubauprojekten mittlerweile den größten Teil der Kosten aus. Doch wenn schon der Boden extrem teuer ist, kann kein bezahlbarer Wohnraum entstehen. Hier muss der Staat mit einer Bodenrechtsreform eingreifen. Auch wenn es viele Menschen gibt, die das nicht wollen, da sie durch die Entwicklung der Bodenpreise sehr viel Geld verdienen. Außerdem muss sich der Staat seiner Aufgabe als Anbieter günstiger, öffentlicher Wohnungen bewusst werden. Es braucht eine richtige Anstrengung zum Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen und Sozialwohnungen. Und die Wohnungsgemeinnützigkeit muss wieder eingeführt werden. Das Gemeinwohl muss beim Wohnungsbau im Mittelpunkt stehen.

Wie sehen Sie die Situation in fünf Jahren?        

Beatrix Zurek: Von den drei Parteien, die wahrscheinlich die neue Bundesregierung stellen werden, haben sich die SPD und die Grünen im Wahlkampf deutlich für mehr Schutz von Mieterinnen und Mietern* ausgesprochen. Beispielsweise steht in beiden Wahlprogrammen eine Art Mietenstopp, der sich in Details unterscheidet. Wir appellieren an die Parteien, diese Maßnahmen jetzt auch umzusetzen. Neben einem Mietenstopp wären verstärkter Neubau von Mietwohnungen und eine Bodenrechtsreform sehr wichtig für die Mieterinnen und Mieter. Diese Maßnahmen sind wichtig, damit der soziale Frieden in unserem Land nicht in Gefahr gerät. Die Gesellschaft darf unter keinen Umständen noch mehr gespalten werden.

Die Wohnungssuche in München ist anstrengend. Sie kostet viel Zeit und vor allem auch viele Nerven. So sucht man* in München nach einer passenden Wohnung.*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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