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Fakten, Schicksale, Zeitzeugen: Vor 70 Jahren endete der Krieg

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Das zerstörte Stadtmuseum in der Innenstadt.

München - Die tz erinnert ab heute in einer Serie über die dramatischen Ereignisse und Schicksale des 2. Weltkriegs, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und dokumentiert, was sich tagtäglich vor 70 Jahren in München, Bayern und der Welt ereignete.

Ständige Todesangst, Hunger und Sorge um die Lieben: Was heute Menschen in den Krisenherden der Welt erleben, war vor 70 Jahren Alltag in München. Die „Hauptstadt der Bewegung“ der Nationalsozialisten erlebte ihre schwärzesten Stunden, während die Amerikaner jeden Tag näher rückten. Am 30. April war der 2. Weltkrieg für die meisten Münchner vorüber, endlich Frieden! Die tz erinnert ab heute in einer Serie über die dramatischen Ereignisse und Schicksale, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und dokumentiert, was sich tagtäglich vor 70 Jahren in München, Bayern und der Welt ereignete.

Während am 20. April 1945 der „Führer“ Adolf Hitler mit seinen Parteibonzen seinen 56. Geburtstag im eingekesselten Berlin feiert (siehe unten), liegt ein Geruch von Rauch und Schwefel über der Stadt, in der sein Terror-Regime groß geworden ist und die ihm als „Hauptstadt der Bewegung“ sehr am Herzen liegt. München ist jetzt nur noch ein Trümmermeer. Die Amerikaner haben als „Geburtstagsgeschenk“ für Hitler Nürnberg eingenommen, die „Stadt der Reichsparteitage“, in der die NSDAP 1933 bis 1938 monumentale Shows abgehalten hatte. Vor allem SS-Truppen versuchen noch, die Amerikaner in der Oberpfalz aufzuhalten.

Rund 540 000 Menschen leben noch in München, zu Kriegsbeginn waren es 824 000. Viele sind ausgebombt und auf dem Land untergekommen, Buben und Mädchen wurden per „Kinderlandverschickung“ in Sicherheit gebracht, die Schulen sind seit Februar geschlossen. Im KZ Dachau warten die Gefangenen sehnsüchtig auf die anrückenden Befreier.

In München wird heimlich der britische „Feindsender“ BBC gehört – ein lebensgefährliches Unterfangen. Doch man sehnt sich nach den Amerikanern, damit endlich keine Bomben mehr fallen. So auch diese tz-Leserinnen:

Die Angst vor dunklen Kellern

Es ist diese Mischung aus Rauch, Moder und Angstschweiß, die Rosemarie Griesbacher (78) noch immer in der Nase hat und die sie niemals wird vergessen können.

Es waren die Bombennächte, die sie so oft im Keller des Maximiliansgymnasiums in Schwabing erlebt hatte. So oft, dass sie diese nicht zählen konnte. Dieses Mal galt der Angriff der Engländer und Amerikaner dem Schwabinger Krankenhaus, wo die Alliierten eine kriegswichtige Einrichtungen vermuteten.

Rosemarie Griesbacher als Kind...

„Ein Bombentreffer hatte den Eingang von unserem Keller verschüttet. Eine Frau, die mit ihren Kindern hergeflohen war, drehte völlig durch. Sie hatte einen hysterischen Anfall, bis ihr eine andere Frau eine heftige Watschn gab. Dann wimmerte sie nur noch.“ Alle Eingeschlossenen dachten, sie kommen nicht mehr raus an die Oberfläche, doch die Luftschutzhelfer gruben von außen einen Durchschlupf.

Damals wie heute lebt Griesbacher in dem Haus, das ihr Vater mit eigenen Händen in der Löwithstraße in Schwabing gebaut hatte. Die Familie hatte Glück. „Bis auf einen Querschläger blieb unser Haus verschont.“ Durch diesen Querschläger zerbarst die Bierkrugsammlung von Griesbachers Großvater, nur die Zinndeckel blieben erhalten und schmücken noch heute eine Wand in Griesbachers Wohnzimmer.

... und mit den Deckeln der zerstörten Bierkrüge.

An was sich die umtriebige Rentnerin noch erinnert: „Da war dieser gscherde Typ von Luftschutzwart. Jedes Mal, wenn es eine Fliegerwarnung gab, trommelte er wie wahnsinnig an unsere Wohnungstür, als wenn wir taub wären.“ Beim Spielen sammelten die Kinder Bombensplitter. „Die hatten ganz scharfe Kanten, aber man konnte die als Altmetall auf dem Schwarzmarkt verkaufen.“

Als 2012 die Fliegerbombe von der Schwabinger 7 explodierte, zeigte ein Anwohner Rosi Griesbacher Splitter der Detonation. „Mir schossen sofort Tränen in die Augen, weil ich die schlimmen Bilder von damals wieder vor Augen hatte.“

Die Seniorin resümiert: „Ich hatte keine schöne Kindheit.“ Aber eines hat sie für sich mitgenommen: „Ich habe selbst erlebt, was Krieg und Diktatur bedeuten, deshalb mache ich mich heute für die Flüchtlingshilfe in der ehemaligen Bayernkaserne stark.“

Ausgebombt und ausgeliefert

Ruth Götz überlebte das Bombardement ihres Elternhauses im Bunker, der jetzt umgebaut wurde.

Die Jahrestage des Kriegsendes wühlen bei der Freimanner Rentnerin Ruth Götz (73) schlimme Erinnerungen auf. Vor allem den Bombenkrieg hat sie nicht vergessen: „Ich weiß den Tag nicht mehr genau, aber es muss 1944 gewesen sein, als wir wieder einmal bei einem Bombenalarm in den Bunker in der Ungererstraße flüchten mussten. Wir schafften es gerade noch. Draußen waren schon die Explosionen zu hören.“ Ruth Götz lebte mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester und ihrer Mutter zwei Wohnblöcke weiter, der Vater war in Russland im Krieg. „Als wir nach der Entwarnung wieder rauskamen, war das Haus, in dem wir wohnten, nur noch eine Ruine.“

Ruth Götz mit ihrer Mutter Anna Koch auf einem Foto von 1944

Aber die Familie war am Leben. „Wir kamen als Ausgebombte nach Bad Aibling zu einer Bauernfamilie.“ Die Bäuerin versorgte die Mutter und ihre Kinder schlecht. „Erst, als mein Vater mal zum Fronturlaub zurückkam und mit der Bäuerin sprach, wurde es besser.“

Nach Kriegsende bekamen die Götz’ wieder eine Wohnung in der Ungererstraße. Wieder bei der Zentralbaugenossenschaft, bei der sie heute noch lebt.

Heute vor 70 Jahren

München: Das Wetter ist trocken, morgens 5 Grad kalt, tagsüber 14 Grad warm. Das stellvertretende Generalkommando erlässt den Tagesbefehl zum „Führergeburtstag“: Aufgabe sei es, die engere Heimat zu verteidigen. Laut Hitler würde die Schlacht um Berlin „beim Durchhalten unserer Soldaten“ die Wende bringen.

Vier Bombenangriffe: Von 7.33 bis 8.36 Uhr werden acht Sprengbomben abgeworfen. Dazu Bordwaffenbeschuss, fünf Verwundete. Von 12.53 bis 13.09 Uhr 28 Spreng- und 200 Stabbrandbomben, zwei Tote und 14 Verwundete. Von 18.54 bis 19.15 Uhr drei Sprengbomben, sechs Verwundete. Von 22.58 bis 0.05 Uhr vier Sprengbomben, keine Schäden.

Bayern: US-Truppen besetzen nach heftigen Kämpfen Nürnberg. In Neumarkt/Opf. verursacht die Waffen-SS mit ihrem Widerstand starken US-Artilleriebeschuss und Bombardements. Der Lagerkommandant des KZ Flossenbürg, Max Koegel, befiehlt den Todesmarsch zum KZ Da-chau. 50 000 Häftlinge werden „evakuiert“, die Alliierten zählen später 5000 Tote entlang der Marschrouten. Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr erbeutet die US-Army riesige Munitionslager.

Welt: Hitler empfängt im Berliner Führerbunker letztmals Gäste zu seinem Geburtstag. Luftwaffenchef Hermann Göring, Reichsminister Martin Bormann, Wehrmachts-Oberkommandeur Wilhelm Keitel und Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop gratulieren. Im Garten der Reichskanzlei zeichnet Hitler Männer des „Volkssturms“ und Hitlerjungen mit dem Eisernen Kreuz aus. Als Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Villa neben dem Brandenburger Tor die Rundfunk-Geburtstagsrede für Hitler hält, schlägt neben dem Haus eine Granate ein.

Im Rahmen der Operation „Sunfish“ stoßen britische Marineeinheiten zur Nordküste von Sumatra vor.

Johannes Welte

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