Glockentöne vertauscht

Falsches Spiel im Rathausturm

+
Hat man da noch Töne? Das 100 Jahre alte Glockenspiel im Rathausturm geht seit der Renovierung, für die die Münchner 660 000 Euro Euro gespendet haben, falsch. Stefan Duschl (re.) und Rainer Kühne erbringen den Beweis.

München - Vor zwei Jahren ist das Glockenspiel im Rathaus restauriert worden. Dass die Melodie der Spieluhr seitdem dennoch grausam falsch klingt, liegt nicht nur am Alter der Anlage. Es wurden Töne vertauscht – und bis jetzt hat’s keiner gemerkt.

Die Zuschauer auf dem Marienplatz brechen in Jubel aus. Das Ritterturnier im Rathausturm ist vorbei, oben drehen sich jetzt die Schäffler-Figuren. Deutschlands größtes Glockenspiel erklingt aufs Neue. Doch Stefan Duschl und Rainer Kühne stehen in der Menge und verziehen gequält das Gesicht. „Es ist unfassbar, wie einem das nicht auffallen kann“, sagt Kühne über die schauderhaften Dissonanzen. Duschl bestätigt: „Anstelle des zweigestrichenen C wird dauernd die Cis-Glocke angeschlagen – das ist ein Halbton drüber. Über 40 Mal.“ Kühne seufzt: „Gerade der Schäfflertanz – das Paradestück des Glockenspiels – ist ganz fatal verhagelt„, sagte er dem Münchner Merkur

Hier hören Sie das Glockenspiel

Duschl und Kühne sind Carilloneure, musizieren auf Glockenspielen. Aufgefallen sind ihnen die falschen Töne, als ein Glockensachverständiger aus Südtirol sie darauf aufmerksam machte – im Frühjahr 2008 bereits. „Er hat sich auch an die Stadt gewandt, aber seitdem hat sich nichts verändert“, sagt Duschl, der das Glockenspiel sogar auf Tonband aufgezeichnet und mit alten Aufnahmen auf der Internet-Plattform „YouTube“ verglichen hat. „Vor 2007 klingen die Glocken zwar nicht toll – aber das C ist ein C.“ Der 44-Jährige ist überzeugt: „Bei der Renovierung der Glocken sind die beiden Töne vertauscht worden.“

Das falsche C spielen die Experten selbst mal an.

Wenige Minuten später bestätigt sich diese Theorie. Wir bekommen auf Vermittlung des Presseamtes eine Führung: Im achten Stock des Turms steht die Spieluhren-Walze, die die 43 Glocken automatisch anwählt. Man kann sie ausschalten und die einzelnen Töne über eine Klaviatur spielen. Duschl drückt das C – und es erschallt ein Cis.

Wie kann das sein? Ein Haustechniker führt uns noch höher. Dort wandern 43 Drähte über einen riesigen Tisch mit 43 Relais-Stationen, sogenannte Sitze. Die Sitze dehnen die Drähte, wenn unten der Ton gedrückt wird, und oben schlägt ein Klöppel gegen die Glocke – es ist noch die Original-Mechanik von 1908. Doch die Holländische Firma „Eijsbouts“, die 2007 mit der Renovierung der Anlage beauftragt war, hat einiges verändert. „Sie haben viele Sitze vertauscht“, sagt der Techniker. Acht bis zehn Töne hätten nicht mehr gestimmt, man habe die Sitze danach gleich korrigieren müssen.

Das bestätigt tags darauf ein Kollege von ihm: „14 Tage waren wir beschäftigt.“ Aufgrund der alten Mechanik schlagen die Klöppel bisweilen auch gar nicht mehr oder zu sachte gegen die Glocken – das tiefe F, die mit über einer Tonne schwerste Glocke, hört man auf dem Marienplatz nicht. Die sorgsamen Techniker beheben die Unzulänglichkeiten, wo sie können.

Am nächsten Tag sind wir zu sechst: Das zuständige Baureferat ist hellhörig geworden – und sieht angesichts des falschen Tons Aufklärungsbedarf. „In dieser Sache ist noch nie jemand auf uns zugekommen“, gibt Salome Benz zu, die fürs Gockenspiel zuständig ist.

750 000 Euro hat die Renovierung gekostet, die Münchner haben 660 000 Euro davon gespendet. „Interessant wäre, ob die Firma Eijsbouts nur den Auftrag hatte, die Glocken zu stimmen, oder ob sie das Glockenspiel in seiner Gesamtheit hörbar restaurieren sollte“, meint Duschl. Benz kann diese Frage nicht genau beantworten. Jedenfalls seien Computer-Analysen von den Glocken gemacht worden, und ein renommierter Sachverständiger habe die Töne später überprüft. Gegen eine neue Anlage habe man sich aus Denkmalschutzgründen bewusst entschieden. Benz will so schnell wie möglich den Sachverständigen kontaktieren, um den Misston zu beseitigen.

Gut geklungen hat das Glockenspiel freilich nie: Bereits 1908 mokierten sich die Münchner. Das hat sich später nicht geändert: Sogar im Glockenmuseum von Asten/Niederlande, der Stadt, in der die Firma Eijsbouts die Glocken restaurierte, macht man sich lustig. Dort gibt es einen Artikel zu München, in dem steht: „Die Glocken sind beinahe unerträglich falsch. Aber das kümmert die zahlreichen Zuschauer nicht.“

Johannes Löhr

Auch interessant

Kommentare