Entsetzliches Ende einer Party-Nacht

18-Jährige vergewaltigt? Familienvater vor Gericht

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Soll eine 18-Jährige vergewaltigt haben: Stefan S. ist zweifacher Familienvater.

München - Julia P. und Stefan S. lernten sich einst auf einer Schaumparty kennen. Jetzt sehen sie sich vor Gericht wieder. Denn er soll sie vergewaltigt haben.

Impression einer Schaumparty.

Der 25. Juli 2015 wird in ihrem Leben der Tag bleiben, der alles verändert hat. Für Julia P. (heute 19, Name geändert), weil sie zum Opfer wurde. Und für Stefan S. (24), weil er ein Vergewaltiger sein soll.

Bei einer Schaumparty in Österreich hatten sie sich vergangenen Sommer kennengelernt. Beide kamen sich in der Ötztaler Event-Arena schnell näher. Am Ende der Nacht landeten sie in der Damen-Toilette. Um miteinander Spaß zu haben? So sieht es Stefan S., der von einer schnellen Liebesnummer berichtet. Julia P. aber hat ihn danach angezeigt. Sie gibt an, brutal vergewaltigt worden zu sein. Am Freitag sehen sich beide nun erstmals wieder - vor dem Münchner Landgericht. Stefan S. als Angeklagter, Julia P. als wichtigste Zeugin.

Stefan S. drohen bis zu 15 Jahre Haft

Verteidiger Alexander Betz.

Für sie geht es um ihre Würde. Für den Maurer, der von seiner Ehefrau getrennt lebt, um sein weiteres Leben: Mit bis zu 15 Jahren Haft wird Vergewaltigung bestraft. Für die Richter zählen Prozesse wie diese zu den größten Herausforderungen. Denn Stefan S. bestreitet die Tat - und Julia P. hat keine Zeugen. Niemand hat die Szene beobachtet. Es gibt kaum Fakten. Eine Aussage steht gegen die andere. „In dieser Kons­tellation ist es einer der am schwierigsten aufzuklärenden Delikte“, sagt Andreas von Mariassy, Vize-Präsident der Münchner Rechtsanwaltskammer und seit 1987 Strafverteidiger. Das Urteil sei fast existenziell - „weil es das Leben beider Menschen nachhaltig verändern kann“.

Was geschah wirklich in der Nacht des 25. Juli? Bislang gibt es darüber nur wenig Erkenntnisse. „In Österreich wurde leider sehr schlampig ermittelt. Beispielsweise hat die Polizei das vermeintliche Opfer erst am nächsten Tag und erst nach der ärztlichen Untersuchung vernommen“, sagt Rechtsanwalt Philip Müller von der Münchner Kanzlei Lucas und Stevens. „Die Polizistin, die als Erstes Kontakt mit der Frau hatte, wurde bislang noch gar nicht vernommen“, ergänzt sein Kollege Alexander Betz. Beide verteidigen Stefan S. am Landgericht. Julia P. sei für sie eine „Blackbox“: Weder der Staatsanwalt noch das Gericht hätten bisher mit ihr gesprochen. Trotzdem sitzt Stefan S. seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft.

Julia P. hat Angeklagten einst als Täter ausgeschlossen

Verteidiger Philip Müller.

Den vermeintlichen Täter hatte sie zunächst aber gar nicht identifizieren können. „Die Frau hat unseren Mandanten auf einer Bildvorlage nicht wiedererkannt und als Täter sogar ausgeschlossen.“ Über eine DNA-Spur habe die Polizei S. eher zufällig ausfindig gemacht. Seit dem 18. November 2015 sitzt er in der JVA Stadelheim. Angeblich besteht Fluchtgefahr. „Das gleicht einer Vorverurteilung“, kritisieren Betz und Müller. „Er hatte einen Job, zwei kleine Kinder und einen Wohnsitz in Garmisch“, sei also fest verwurzelt.

Die Staatsanwaltschaft sieht den Fall anders. Sie wirft Stefan S. vor, Julia P. in eine Kabine gezogen und auf dem Toilettensitz vergewaltigt zu haben. Selbst Fußtritte hätten ihn nicht abgehalten. Die Verteidiger sprechen dagegen von „einvernehmlichem Geschlechtsverkehr“ . Für Julia P. sei es der erste Sex überhaupt gewesen. Zuvor floss viel Alkohol. Die Vermutung: War sie vielleicht überfordert von der Situation? Oder hat Stefan S. doch ihren Widerstand gebrochen und Julia P. sogar verletzt, wie die Anklage ihm vorwirft? „Am ersten Verhandlungstag“, sagen die Verteidiger, „wird sich einiges aufklären.“

Das sagt die Chefin vom Weißen Ring

Vergewaltigt bei einer Schaumparty? Julia P. erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Maurer aus Garmisch. Ob sie stimmen, muss das Landgericht klären.

Dass es in ähnlichen Fällen zur Strafanzeige kommt, ist nicht selbstverständlich. So die Erfahrung von Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin vom Weißen Ring. Nur von sechs Prozent der mutmaßlichen Sexualdelikte habe die Polizei im Jahr 2014 erfahren, so eine Studie. „Aus unserer praktischen Arbeit wissen wir, dass besonders die Opfer von Sexualdelikten oft nach der Tat Gefühle wie Angst, Scham und Hilflosigkeit empfinden“, sagt Biwer. Deshalb suchen sie keine Hilfe.

Bianca Biwer.

Viele sorgten sich auch, dass ihnen bei der Polizei oder vor Gericht nicht geglaubt wird. So hat es Anita Heiliger vom Münchner Frauenverein Kofra erlebt, die die Initiative Ich habe nicht angezeigt gründete. „Die Frauen fürchten eine erneute Demütigung“, sagt sie.

Vor Gericht müssen sie die Tat und deren Folgen nochmal durchleben, was laut Biwer „zu erheblichen psychischen Belastungen führen kann“. Man brauche viel Stärke, sagt Heiliger, „um das durchzustehen.“

Andererseits gibt es aber auch Fälle, wo Männer zu Unrecht beschuldigt werden. Dieses Leid widerfuhr etwa Meteorologe Jörg Kachelmann, der nach jahrelangen Gerichtsprozessen freigesprochen wurde.

Andreas Thieme

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