Farb-Offensive und Fahrgast-Knigge für mehr Pünktlichkeit

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Freundlicher Fingerzeig: Ein Pantomime erklärt den Sinn des gelben Streifens.

München - S-Bahnen sollen pünktlicher werden und Fahrgäste sollen mithelfen: mit einem Fahrgast-Knigge, gelben Farbstreifen in den Zügen und Aufklebern:

Um pünktlicher zu werden, geht die S-Bahn auf Sekunden-Jagd, und die Fahrgäste sollen dabei helfen: Eine groß angelegte Informationskampagne ruft sie auf, beim Ein- und Aussteigen wertvolle Zeit zu sparen.

Eine Sekunde. Das klingt nach wenig. Doch für S-Bahn-Chef Bernhard Weisser ist sie im Berufsverkehr der Schlüssel zur Pünktlichkeit. Wenn die Züge an den elf Haltestellen der Stammstrecke ihre Haltezeit nur um eine Sekunde verkürzen könnten, „dann würde die Pünktlichkeit um 25 Prozent steigen“, sagte er gestern bei einer Pressekonferenz. Er ist optimistisch, die Fahrgäste dafür gewinnen zu können, denn „wir sitzen alle im selben Boot: Wir wollen pünktlich S-Bahn fahren.“

Echt bayerische S-Bahn-Ansagen - hier reinhören:

Ansage Hauptbahnhof

Ansage Giesing

Ansage Riem

Zentrales Element der Bemühungen sind leuchtend gelbe Streifen, die in den vergangenen Monaten an allen 5712 Türen der 238 S-Bahn-Züge angebracht worden sind. Sie markieren den Bereich, den Fahrgäste nach dem Einsteigen unbedingt frei halten sollten. Denn hier sind Infrarot-Lichtschranken installiert, die prüfen, ob die Tür frei ist und geschlossen werden kann. Blockiert ein Fahrgast – absichtlich oder unabsichtlich – diesen Bereich, bleibt die Tür offen, und die Zug kann nicht losfahren. Jeder kennt das dann folgende Prozedere: Der Zugführer greift zum Mikrofon und bittet, die Türen freizumachen. Wertvolle Zeit verrinnt, auch für die nachfolgenden Züge. Denn das System hat auf der Stammstrecke keine Puffer mehr. Sekundengenau ist die Zugfolge geplant, um – im zwei-Minuten-Takt – so viele Züge wie möglich durch das Nadelöhr schleusen zu können. „Wir fahren unter Grenzlast-Bedingungen“, sagt Weisser.

Technisch sei das System weitgehend ausgereizt. Luft sieht Weisser derzeit nur noch bei den 18 bis 24 Sekunden, die der Fahrplan den Fahrgästen zum Ein- und Aussteigen einräumt. Hier zu sparen, lässt sich die S-Bahn einiges kosten: Zusammen mit der bayerischen Eisenbahngesellschaft hat sie eine Million Euro in die Kampagne zur „Gelbmarkierung der Einstiegsbereiche“ gesteckt. „Sekunden suchen, Zeit finden“, heißt das Motto. Es wird auf den Internetseiten der S-Bahn propagiert, prangt auf Werbeplakaten und Scheibenaufklebern. Ein Faltblatt, das in den nächsten Wochen von Promotion-Teams in den Zügen und auf Bahnhöfen verteilt wird, verkündet in etwas holpriger Reimform: „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn die Tür zu geht.“ Dazu gibt’s Schokolade und ein Pantomime-Kartenspiel, das die Fahrgäste auf die auffälligsten Botschafter der Kampagne einstimmen soll: Pantomime-Künstler, die in den nächsten Tagen auf den Bahnsteigen zeigen wollen, was es mit den gelben Streifen auf sich hat. „Ohne erhobenen Zeigefinger“, so Weisser, soll ein „Einsteiger-Knigge“ bei der Jagd nach Sekunden helfen. Er liegt als Faltblatt in den Zügen aus und gibt folgende Tipps:

Die Tipps im Fahgast-Knigge

- Erst aussteigen lassen, dann einsteigen! Denn: Wer drängelt ist vielleicht schneller im Zug, aber noch lange nicht schneller am Ziel.

- Gruppen verteilen sich am besten auf mehrere Türen.

- Bahnsteig-Anzeigen beachten: Sie zeigen, ob der nächste Zug einen Kurz-, Voll- oder Langzug ist und in welchem Abschnitt er hält. So wissen die Fahrgäste sofort, wo sie am günstigsten stehen.

- Die Ansage „Zurückbleiben bitte“ bedeutet für die Fahrgäste: Nicht mehr zusteigen. Wer sich doch noch hineindrängt, verursacht Verzögerungen. Gewaltsames Öffnen der Türen führt zu technischen Türstörungen und größeren Verspätungen.

- Auch für kurze Fahrten gilt: Kinderwagen und Fahrräder in den Mehrzweckräumen unterbringen.

- Im Berufsverkehr keine Fahrräder mitnehmen

- Nach dem Einsteigen den Einstiegsbereich freimachen und ins Wageninnere durchgehen.

Peter T. Schmidt

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