So wild ging‘s früher zu

Fasching in München war der nackte Wahnsinn

+
Königliches Vergnügen: Rudolph Moshammer als Ludwig II. (li.) und blanke Popo-Ansichten.

Die fünfte Jahreszeit war in München schon immer eine besonders wilde. Im zweiten Teil unserer Faschings-Serie widmen wir uns dem vergangenen Jahrhundert.

München - Wenn der Münchner heutzutage stocknarrisch in den Fasching geht, zieht er wahlweise eine Clownsnase oder ein Krokodilskostüm an. Vor 40 Jahren hat er sich einfach ausgezogen: In den wilden 70er-Jahren war das Adams- bzw. Evakostüm die angesagteste Verkleidung. Lange vorbei – aber immer noch sehenswert: In unserer Mini-Serie zur fünften Jahreszeit stellen wir Ihnen die Entwicklung des Faschings vor. Im ersten Teil haben wir geschildert, wie das narrische Treiben vor 300 Jahren in München Einzug gehalten und sich bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts gewandelt hat – von königlich-bayerischen Kostümfesten hin zu rauschenden Künstlerpartys. Im zweiten und letzten Teil erzählen wir die Faschingshistorie der letzten 100 Jahre.

Münchens erste Faschingshochburgen 1910

Um die Jahrhundertwende war die „Prinzregentenzeit“, das goldene Zeitalter Münchens, auf seinem Höhepunkt – jetzt ließen es die Münchner im Fasching richtig krachen. Natürlich nicht mehr im vornehmen königlichen Odeon, sondern im 1896 erbauten Deutschen Theater und in den riesigen Bierhochburgen, worüber der Schriftsteller Kasimir Edschmid 1910 schrieb: „Die Keller des Löwenbräu, des Mathäser, des Hofbräu waren von einer Armee von wundervollen Menschen gefüllt, die eine Orgie des Tanzes und Geschrei losließen, die barbarisch schön war. Es werden Betten verkauft und Küchen verpfändet, nur um diesem Taumel frönen zu können. Man fuhr nach München zum Fasching, wie man im Februar nach Cannes fuhr.“

Geburtenschwemme neun Monate nach der Narrensause

München war damals im Faschingsrausch: Die Stadtchronik verzeichnete allein im Jahr 1914 533 Maskenbälle, 145 Schwarz-Weiß-Bälle und 36 karnevalistische Abendvorstellungen. Der russische Maler Igor Grabar, der 1914 an der Kunstakademie studierte, notierte: „Hier ist alles besoffen, keiner geniert sich, und neun Monate nach der heißen Faschingszeit nimmt die Bevölkerung wesentlich zu.“

Adolf Hitler als „Stimmungskanone“ beim Gaudiwurm

Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen die ersten Faschingsbälle wieder in Schwung, die Münchner trauten sich 1949 auch wieder maskiert auf die Straße. Für heutige Verhältnisse unfassbar: Bei den ersten Münchner Faschingszügen marschierten als Adolf Hiltler maskierte Münchner – Hakenkreuzfahnen schwingend – als offizielle Teilnehmer durch die Maximilianstraße. „Wieder waren die Einzelgänger die Stimmungskanonen. Unter den Mitläufern grüßte Hitler persönlich in gewohnter Weise zu den Fenstern hinauf“, schrieb am 5. Februar 1951 der Münchner Merkur zu einem Foto, auf dem ein als Hitler verkleideter Münchner im Faschingszug marschiert. Der Nachkriegsfotograf Rudi Dix dokumentierte aber nicht nur Hitler-Masken auf der Straße, sondern auch zahlreiche tanzende Hitler-Figuren bei den Faschingsbällen und erzählte später, dass die Münchner zwar darüber geschmunzelt haben, vielen aber doch das Lachen im Halse steckenblieb.

Die wilden 70er: laut und nackt

Ende der 60er-Jahre hatten sich die Faschingszüge durch die Stadt totgelaufen – dafür aber die Faschingshochburgen in dröhnende Beat-Schuppen verwandelt. „Noch nie so teuer, so laut, so nackt“, titelte 1971 die tz, die damals selbst berühmt-berüchtigte Faschingsbälle im Regina-Palast-Hotel am Maximiliansplatz veranstaltete, in denen es so heiß herging, dass um Mitternacht die Katakomben des Hotels und der Ballsaal an ein FKK-Gelände erinnerten. In den wilden Siebzigern ging man aber auch aufwendig kostümiert zu den Bällen: Rudolf Moshammer zog im Hermelin als Märchenkönig Ludwig II. in die Vorstadthochzeit ein, flankiert von den Hofdamen Gerd Käfer und Richard Süßmeier.

Das sind die wichtigsten Termine am Faschingsdienstag

  • „München narrisch“ - die ganze Fußgängerzone vom -Stachus bis zum Viktualienmarkt ist eine einzige Feiermeile mit Musik, Tanz und Faschings-Frohsinn. 
  • Tanz der Marktweiber - der große Auftritt der Standlfrauen am Viktualienmarkt, der Höhepunkt des Münchner Faschings. Los geht’s ab 9.30 Uhr, der Tanz beginnt circa um 11 Uhr. 
  • Von wegen „Fake News“ - heute um 14 Uhr tritt US-Präsident Donald Trump alias Wirt Dietmar Holzapfel vor der Deutschen Eiche (Reichenbachstraße 13) auf. Für narrische Unterhaltung sorgt DJ James.

von Heinz Gebhardt

Fasching früher: Als München noch wild & exklusiv war 

Faschingsumzug in München: Mia san narrisch!

Faschingsumzug München

Sehen Sie die große Übersicht aller Faschingsbälle 2017 in München.

Unsere besten Geschichten posten wir auch auf unserer Facebookseite tz München. Werden Sie Fan!

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 

Kommentare